Warum ärgert man sich bei deutschen Filmen eigentlich mehr? Weil sie ihren amerikanischen Vorbildern seit Jahrzehnten unbeholfen nacheifern, ohne eigene Akzente zu setzen? Oder liegt es doch an der Einblendung bundesdeutscher Filmförderungen im Vorspann, die ein schwammiges Gefühl von Qualität suggerieren? So oder so: Der Fokus scheint sich bei »Home Sweet Home« vor allem auf die Wahl des Stilmittels zu richten, und das ist – so ehrlich muss man sein – mutig gewählt, größtenteils nett umgesetzt, mindestens interessant. One-Shot, das klingt immer erst mal nach Leidenschaft, ist im vorliegenden Fall aber nur wieder Fassade für miefige Innenausstattung. Spoiler inklusive.
Denn bis auf die Suchbild-Faszination, bei knapp achtzig Minuten irgendwo einen Schnitt auszumachen, hätte man Home Sweet Home gerne auch noch einen besseren Autoren gewünscht. Kurz umrissen: Die hochschwangere Maria bezieht ihr neues Haus irgendwo im Nirgendwo; allein, Gatte Viktor sitzt noch im Büro. Außerhalb des neuen Domizils, mit seinen Bauernhof-Ausmaßen, trifft Maria auf den doof-gruseligen Nachbarn in Latzhose. Wo der Film spielt? Vielleicht Brandenburg, vielleicht Nebraska.
Da drüben in der Weide habe er als Kind gespielt, erzählt der Nachbar ihr, jetzt leben da seine Bienen und fühlen sich richtig wohl. Aber Maria und Mann haben selbstredend Pläne mit dem Land (und scheinbar Geld wie Heu): »Dann müssen sich die Bienen eben ein neues Zuhause suchen«, sagt unsere Sympathieträgerin, ganz resolut. Zwar nimmt der Film hier schon sein Thema vorweg – Landwegnahme, Vertreibung -, (über)zeichnet seine erste externe Figur aber derart finster, dass man den Schreckschuss bis zur Uckermark hört. Wer auch immer der Böse hier wird, der Typ ist es nicht.
Unerwartet: Jetzt fällt auch noch der Strom aus. Weil weder Maria noch ihr Mann wissen, wo der Stromkasten ist, funkt die Schwangere ihren Schwiegervater an. Der hat den beiden immerhin das Haus zur Verfügung gestellt - als Erbstück, wenn man so will – und lotst Maria in den Keller. Bereits hier lässt sich feststellen, wie weit der Film mit seinen Effekten gehen wird, und viel wird sich daran auch nicht mehr ändern: Endlos-langsames Vortasten, ohrenbetäubender Knall beim Stolpern, ab und an: ein befremdlicher Geist, freilich im Hintergrund.
Zwar warnen uns die Herrschaften an den Instrumenten auf jeden Spuk langwierig vor – man könnte sich ja erschrecken -, was Maria in den häuslichen Katakomben dann aber entdeckt, ist tatsächlich überraschend. Notdürftig hinter einem Schrank versteckt, entpuppt sich die zu erwartende Abstellkammer als verstörende, halb okkulte Horrorhöhle. Zielsicher fischt Maria dann auch gleich das erklärende Tagebuch aus den Tiefen, liest – in Stresssituationen üblich – lauthals vor und offenbart uns damit den Aufhänger des Gruseltreibens.
Hier sei angemerkt: Dass sich das deutsche Kino den Gräuel der Afrika-Kolonien stellt, ist löblich und notwendig. Nun ist Home Sweet Home aber nach eigens geschnürter Kluft ein Horrorfilm – und kann und will sich im weiteren Verlauf auch nicht aus dem Korsett befreien. Was seit Beginn schon gefährlich nah an der Karikatur weilt, wird jetzt zur Nummernrevue.
Zuerst zeigt sich Marias Schwiegervater, extra herbeigeholt, erstaunlich nüchtern über den fürchterlichen Fund, ist eher interessiert an der Schwangeren: Nein, wir fahren jetzt nicht ins Krankenhaus, lass das Kind doch kommen. Just dieser Sekunden klingelt auch Marias Freundin an der Tür, um auf das neue Heim anzustoßen. Als Maria sich endlich und nach gefühlt fünf Minuten Drehbuch-Zwang verständigen kann – Freundin rennt trotz offensichtlich unangenehmer Situation erst mal durch das halbe Haus, »Das ist ja ein Palast, ha-ha!« -, folgt alles, nun: Schlag auf Schlag. Erst wird die Freundin vom Schwiegervater brutal beseitigt, dann der Hillybilly-Nachbar. Eben der hat sich (wer hätte es gedacht?) doch noch als Helfer in der Not entpuppt.
Hat sich die Ideenlosigkeit schon ein Krönchen aufgesetzt, springt sie jetzt im Trapez. Nach der obligaten Flucht durch dunkle Botanik trifft Maria – Gott sei's gedankt – auf die Nobelkarosse des Gatten, der endlich nach Hause kommt. »Fahr los, fahr los!«. Selbst flüchtig Bekannte des Genres wissen: Weder wird der Viktor jetzt auf die A1 abbiegen und losbrausen, noch wird er im weiteren Verlauf groß Reue zeigen. Also landet Maria wieder im Haus und auf dem Bett, darf sich die Gründe erklären lassen: Weil der (Ur)Großvater schreckliche Dinge in Afrika begangen hat, muss nun von jeder neuen Generation der Familie das Erstgeborene geopfert werden. Mach jetzt bitte keine Szene, wir wissen es doch auch nicht besser.
Und wie in jedem zweiten Werk seit Erfindung der Röhre gibt sich Maria erst verständig, um im richtigen Moment doch noch zum Schlag und dann zur Flucht anzusetzen. Davor darf der zuständige Geist noch einmal gruselig werden, in die Kamera schreien und klarstellen: Mit den Fördergeldern wurden die Darsteller bezahlt, nicht etwa dieser Effekt. Was bleibt, ist der müde Ausblick auf eine Fortsetzung, wenn Großvater Zombie der Fliehenden hinterher grölt.
»Home Sweet Home«, mit seinem dümmlichen Zusatz »Wo das Böse wohnt«, ist ein Ärgernis von achtzig Minuten, das trotz aller Misstände nachhallt. Warum? Weil der Film per se nicht schlecht ist. Die Atmosphäre stimmt über weite Strecke und könnte in den Bann ziehen - wäre sie ungefiltert und nicht mit Sound und Musik plakatiert. Das Unheimliche in Form des Großvaters huscht dabei so oft an der Kamera vorbei und durch die Zimmer, dass ein Trinkspiel verlockend scheint. Wohin ist der leise Horror verschwunden, der hier und da mal anklingt, besonnener gewesen wäre, gerade mit Blick auf's Thema?
Denn letztlich fragt sich, warum man aus dieser düstere Epoche der deutschen wie europäischen Geschichte ein Horror-Revival der 70er kratzt, mehr auf Flüche und Dämonen setzt denn auf Zwischentöne. In einer beklemmenden Szene, die sich Zeit nimmt und wirken will, erlebt Maria das Grauen der Vergangenheit via Rückblende, lebendig und doch fern. Überhaupt wirft der Film darstellerisch ein paar Gewichte vor sich her: Hauptdarstellerin Nilam Farooq macht das Beste aus ihrer Rolle und steigert sich konsequent, während David Kross und Justus von Dohnányi im Autopilot laufen. Ab und an möchte man bei albernen Gelegenheiten mit den beiden lachen, aber sie lachen nicht mit.
Dazu kommen die Sorgenkinder des modernen deutschen Mainstream-Films, von der schlichten Künstlichkeit der Figuren bis hin zur gestelzten Art, seine Texte zu sprechen. Wenn selbst der so gezeigte Hinterwäldler astreines Hochdeutsch spricht, sind wir vielleicht bei einer Theaterprobe, aber in keiner glaubhaften Realität.
Filmbesprechungen und -werbung stellen derweil ratlose Vergleiche an, was das One-Shot-Verfahren angeht, und ziehen sodann die Linie zu Hitchcocks »Cocktail für eine Leiche«. Der Unterschied: Eben genannter Klassiker hatte eine tolle Geschichte, die auch ohne dies Stilmittel funktioniert hätte. Home Sweet Home dagegen funktioniert höchstens deshalb.
Und das ist, ja - ärgerlich.
3/10