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Zu den großen, noch immer nicht wiederentdeckten Perlen des Horrorfilms - nicht zuletzt, weil es immer noch keine wirklich angemessene Veröffentlichung des Werkes gibt - zählt kurioserweise eine frühe Arbeit des allseits gefeierten Michael Mann, der zunächst mit Miami Vice und dann durch seine urbanen Neonthriller wie "Heat", "Collateral" oder "Blutmond" zu einigem Ruhm unter Filmfans kam. Doch ein Jahr bevor er mit seiner Polizeiserie weltbekannt wurde, machte Mann einen einmaligen Ausflug in die Bereiche des Horrorfilms, ohne jedoch auf seine typische Handschrift zu verzichten. "The Keep" bzw. "Die unheimliche Macht" zählt bis heute zu den Filmen, die man in Sachen 80er gesehen haben sollte, der aber noch so manchem verwehrt blieb. Was schade ist, denn nicht nur handelt es sich um eine relativ ungewöhnliche Romanverfilmung, sondern auch um kreative Höhen und Tiefen in einem und im Stil um einen der wenigen Filme, der visuelle Ideen aus Ridley Scotts "The Blade Runner" neu integrierte, ohne gleich in billiges Plagiat zu verfallen.

Was als Roman noch eine Art Vampirgeschichte war, erweitert Manns Film mehr in die Bereiche dämonischer Entitäten, vor denen die Menschheit geschützt werden sollte, wobei manchmal eben nicht ganz klar ist, warum eigentlich noch.
Ungewöhnlich allein das Setting und die Zeit, in der die Handlung spielt: eine Art seltsamer Festung in den Karpaten, die im Jahr 1941 unter der Besatzung der Nazis zu einem Rückzugsort und als Verteidigungsposten genutzt werden soll. Eine Kompanie der Wehrmacht (hier ist Amerikaflüchtling Jürgen Prochnow frisch im US-Ruhm zu bewundern) zieht dort ein, wird dort jedoch extrem ominös empfangen. Die Festung scheint nicht für Bedrohungen von außen gebaut zu sein, sondern nach innen gerichtet, als sei dort etwas eingesperrt und mehr als eine Hundertschaft in die Wände eingelassener Nickelkreuze verschaffen dem Ort eine bedrohliche und sakrale Aura.
Natürlich kann dieses Vorhaben nicht gutgehen und des Menschen Gier nach dem Metall (das für Silber gehalten wird), läßt die Soldaten ein Kreuz entfernen und eine Wesenheit aus dem Inneren entkommen, die fortan für reichlich Todesopfer sorgt, die allesamt nur in Teilen oder gänzlich in Stücken gefunden werden. Alsbald kommt natürlich die fiese SS ins Spiel und wie als perversen Gag bleibt den Nazis nur die Möglichkeit dem Rätsel mittels eines Wissenschaftlers (und seiner Tochter) auf den Grund zu gehen, doch der "Helfer" ist schon auf dem besten Wege ins nächste KZ.
Und dann ist da noch ein geheimnisvoller Fremder mit leuchtenden Augen unterwegs, um das schlimmste zu verhindern.

Das Grundgerüst des Plots ist eigentlich sehr überschaubar, dennoch bleiben in dieser Style-over-Substance-Produktion viele Fragen offen, nicht zuletzt nach den Hintergründe der sich hier bekämpfenden Parteien. Weder die Herkunft des Fremden, noch die Identität der Wesenheit aus der Festung werden wirklich ergründet, daran ist Mann auch gar nicht interessiert, wie es scheint. Stattdessen drückt er der Handlung durch seine Bilder einen sehr eigenen Stempel auf.
Getragen von den verfremdet wirkenden elektronischen Klängen von "Tangerine Dream" und den somnambul schwebenden Kamerafahrten, teilweise sogar in Zeitlupe, baut sich eine traumartige Stimmung auf, die der Films selbst in Actionmomenten selten los wird. Andersweltlich schweben die Bilder vor den Augen des Zuschauers und Mann komponiert aus Feuer, Rauch, Nebel und neonartigen Lichteffekten (die klar etwas unter den Standards der Zeit waren) ein opernartiges Inferno, das die Grausamkeiten (Körper explodieren oder werden auseinander gerissen) bedeutsam und übergroß werden lassen, nicht selbstzweckhaft, wie es üblich gewesen wäre.

Mann komponiert, manchmal in quälender Langsamkeit, die passenden Bilderstrecken eher funktional und atmosphärisch denn logisch aneinander: die folkloristische Künstlichkeit des Dorfes, die weißen Räume bei der Liebesszene, die klaustrophisch engen Festungsgänge, die in eine backsteingesäumte Unendlichkeit zu führen scheinen, die geöffnete Büche der Pandora: ein gigantischer unirdischer Höhlenhohlraum, viel zu groß für die Festung an sich, in dem monolithische Steinkreise auszumachen sind. Das erzeugt eine gänzlich gothische Grundstimmung, die an die frühen Gruselwerke Horace Walpoles oder Robert Mathurins erinnert. Nach dem Wieso und Warum fragt man da öfters vergebens, viel interessanter scheint es für den Filmemacher, bruchstückhaft sein "Monster" immer weiter zu enthüllen, von einem Energiestrahl über einen nebelumfluteten Agressor, in dem später zwei leuchtende Augen auszumachen sind, bis sich das Wesen selbst als riesenhafte flüchtig ans Humanoide erinnernde Bestie entpuppt (übrigens deutlich als "Anzug" zu erkennen, aber von einiger Wirkung, wenn auch das Kostüm einen gewissen Teil der Kritik einstecken mußte), ein golemartiges Phantom von endzeitlicher Botschaft.

Durch die Implikation Nazideutschlands in die Szenerie verwischen bei Mann jedoch die üblichen Grenzen von Gut und Böse: die deutschen Besatzer - hier noch als Allierte gekennzeichnet - sind die Betroffenen und doch die Bösen, was sich durch den Konflikt zwischen Wehrmacht und SS bezüglich Umgang mit den Einheimischen noch weiter relativiert. Das Monstrum erscheint erst als ein ideales Mittel für eine Reinigung der Szene, doch die von ihm ausgehende Gefahr scheint wiederum die Welt zu bedrohen. Und der über die Filmhandlung langsam anreisende Kämpfer Trismegistos ist zu fremdartig, als daß er als typischer strahlender Held fungieren würde, selbst als er die Tochter des jüdischen Wissenschaftlers beschützt.
Womit wir wieder bei den klassischen Opferrollen sind, doch dieser Dr.Cuza ist dann doch eher ein verhärmter, haßzerfressener Typ, der liebend gern alle Nazis ausrotten würde, sich aber dann doch auf einen Pakt mit dem Bösen einläßt, als ihn dieses ein paar Jahrzehnte jünger und gesunder macht.

So schön das klingt, wenn endlich mal ein paar Grenzen verwischen, so wenig kümmert sich Mann um das Potential, das daraus entspringt: hier wird alles der Ästhetik untergeordnet. Darunter leider vor allem die Schauspieler, die rückblickend doch recht namhaft wirken. Da wäre zunächst ein solider Jürgen Prochnow, der jedoch nach dem ersten Viertel im zweiten bis dritten Glied fast verschwindet. Stattdessen übernimmt die Baddierolle ein erntefrischer Gabriel Byrne als SS-Major Kaempffer (sic!), der einen fulminanten Pappmache-Fiesling liefert, der sofort erstmal ein paar Einheimische hinrichtet, damit der Kammerton stimmt. Scott Glenn, durchaus ein Darsteller mit tragischer Tiefe ist ein übernatürlich ferngelenkter Pinocchio mit Laseraugen, der erst ewig lange unterwegs ist, dann kryptische Kommentare raunt, um dann die eher blasse Alberta Watson unmotiviert durchzupoppen, die sich ihm 10 Minuten nach ihrer ersten Begegnung sofort willig wie unmotiviert hingibt.
Am schlimmsten erwischt es jedoch "Gandalf" Ian McKellen, der den jüdischen Wissenschaftler mimt und dies mit derart operettenhafter Übertreibung angeht, daß man vor Lachen gegen die nächste Wand läuft. McKellen richtet die ganz große Pathoskanone aus und ist sichtlich überanstrengt, einen Mann zu spielen, der ein Vierteljahrhundert älter sein soll als er selbst. Dagegen sind die Kommentare des Monstrums in all seiner Weltwut geradezu distinguiert dargeboten.

So kreuzen sich also die Klingen: haarsträubende darstellerische Leistungen gegen superimposante Zeitlupenbilder von fast plastischer Mystik; enorme Raumklänge und vibrierende Elektronikscores gegen das Setting an einem eher rückständig-dörflichen Weltkriegsschauplatz; gothischer Feinschliff gegen die brachiale Neonoptik der Moderne.
Es ist einfach, "The Keep" deswegen eine fade oder obskure Gurke zu schimpfen, andererseits gibt das durchaus das Potential, Ridley Scotts gefeiertes SF-Epos narrativ zäh und visuelle eindrucksvoll, aber kurz vor dem Erstarren begriffen zu geißeln.
Manns Werk wird zur Geschmacksfrage, bleibt dabei aber individuell und ungewöhnlich genug, um in den slasherübersäten 80ern als optisches Highlight bestehen zu können.
Allerdings hatte das Erlebnis und die Verwirrung des nicht allzu zahlreichen Publikums zur Folge, daß er sich aus dem Genre fortan komplett heraus hielt - was angesichts der Schauwerte dann doch wieder etwas schade ist. Aber wenn filmgewordene Irritation des Bekannten nicht Existenzrechtfertigung genug ist, dann weiß ich es auch nicht... (7/10)

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