Im Alter von 15 Jahren hat der schwedische Teenager Stella Sandell (Alexandra Karlsson Tyrefors) ein einschneidendes Erlebnis: neugierig auf die ersten heißen Küsse ihres Lebens hatte sie sich mit ihrem Schwimmlehrer in einer Hütte am Ufer getroffen, doch der sportliche Mann nutzte die Situation und ihre Unerfahrenheit eiskalt aus und vergewaltigte das Mädchen. Zwar hatte sich Stella zart dagegen gewehrt, doch ihren entsetzten Eltern gegenüber kann sie diese Momente kaum mehr rekonstruieren. Besonders ihre Mutter Ulrika (Lo Kauppi), eine versierte Anwältin, rät ihr daraufhin von einer Anzeige ab, da sie keinerlei Chancen sieht, vor Gericht damit durchzukommen.
Seitdem sind 4 Jahre vergangen, Stella ist mittlerweile 19 und hat den Vorfall offenbar gut überstanden. Statt des erhofften Studiums geht sie allerdings lieber in einem Café arbeiten und auch der Motorroller, den ihr Papa Adam (Björn Bengtsson), ein Priester, zum Geburtstag stolz präsentiert, interessiert sie kaum. Kurz darauf datet sie den Mittdreißiger Christoffer Olsen (Christian Fandango Sundgren), einen weltgewandten, etwas großspurigen Sunnyboy, der stets in einem Porsche herumfährt.
Eines Abends kommt Stella, die sich mit ihrer besten Freundin Amina (Melisa Ferhatovic) treffen wollte, erst sehr spät nach Hause und geht sofort duschen. Ihr besorgter Vater bringt aus seiner verstörten Tochter nichts heraus, entdeckt jedoch Blutflecken auf ihrer Kleidung. Am nächsten Morgen steht die Polizei vor der Tür und verhaftet Stella wegen Mordes an ihrem Freund Christoffer in der vergangenen Nacht. Aber was war wirklich passiert?
Die schwedische Netflix-Produktion En helt vanlig familij ("eine liebevolle Familie") beschäftigt sich mit dem ernsten Thema Vergewaltigung und deren Auswirkungen auf die Psyche eines jungen Menschen. In 6 Folgen zu je etwa 40 Minuten inszeniert Regisseur Per Hanefjord das Psychogramm einer ganz normalen Familie in einer schwedischen Großstadt, wobei der Fokus auf die Bemühungen der Eltern, ihre Tochter zu schützen, gerichtet ist. Obwohl Die Lüge (so der deutsche Titel) auch einige Krimi-Elemente enthält, ist die Serie, die auch in jeder anderen westlichen Großstadt spielen könnte, vielmehr ein (Sozial-)Drama als ein Thriller.
Denn in der liebevollen Familie haben sich im Lauf der Jahre unmerklich Risse aufgetan, die jetzt, in einer Notsituation, deutlich zum Tragen kommen. Da wäre zum einen Stella, deren Denkweise und Entscheidungen (in diesem Alter jedoch nichts Ungewöhnliches) den Eltern eher unverständlich bleiben - signifikant die Szene mit dem Geburtstagsgeschenk im Café, als der Vater einen selbstverliebten Sermon über seine vermeintlich ach so tolle Idee mit dem Motorroller hält, während seine Tochter nur gelangweilt an ihrem Handy herumspielt. Ein klares Kommunikationsproblem, doch Vater Adam, als Priester eher sanfte Töne anschlagend, hat auch mitbekommen, daß seine Frau Ulrika ein Verhältnis mit einem anderen Anwaltskollegen begonnen hat - aber er tut so, als wüßte er davon nichts und leidet still, um den Schein einer intakten Ehe und der titelgebenden liebevollen Familie aufrechtzuerhalten. Als seine Tochter unter Mordverdacht gerät, ist er jedoch - genau wie seine Frau - bereit, entgegen seinen bisherigen Anschauungen und seines tadellosen Lebenswandels illegale Aktivitäten in Betracht zu ziehen, um das eigene Kind zu schützen.
Die Lüge ist zwischendurch, besonders in einigen das Familienleben charakterisierenden Szenen, nicht sonderlich spannend, dennoch gebührt der Regie das große Lob, ihre Geschichte ohne jegliches Pathos, ohne mitleidheischende emotionale Szenen und ohne mahnenden Zeigefinger zu erzählen, wobei auch das unprätentiöse, natürliche Auftreten von Hauptdarstellerin Alexandra Karlsson Tyrefors, einem bezüglich Filmhistorie noch gänzlich unbeschriebenem Blatt, einen gewichtigen Teil dazu beiträgt.
Krimifreunde kommen hier also eher weniger auf ihre Kosten, zumal sich das Drehbuch bezüglich Thrillereffekten und der damit verbundenen Spannung äußerst zurückhaltend gibt - hier wäre vor allem auf die Eingangsszene und die hierzu im übertragenen Sinn korrespondierende allerletzte Einstellung in der letzten Episode zu achten, welche die einzige charakterliche Weiterentwicklung der Serie darstellt und gewissermaßen als Quintessenz des ganzen Plots gelten könnte. Die Bewertung dieser erst ganz zum Schluß aufgedeckten tatsächlichen Geschehnisse überläßt das Drehbuch dann dem Publikum, das durchaus geteilter Meinung dazu sein kann. 6 Punkte.