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Staffel 1

Marseille ist ein heißes Pflaster, besonders jene Viertel, in denen (nord-)afrikanische Drogenbanden das Sagen haben. In den letzten Jahren hatten die Revierkämpfe zwischen den konkurrierenden Banden jedoch abgenommen, besonders nachdem Ali Saïdi (Samir Boitard) seine Vormachtstellung ausgebaut hatte und es war eine relative Ruhe eingekehrt. Seit neuestem jedoch tauchen an den Drogen-Hotspots markant verpackte Crack-Beutelchen auf, die für reichlich Unruhe sorgen - es scheint, als wolle jemand in Saïdis Revier wildern.
Dementsprechend alarmiert ist dann auch die kleine Drogen-Spezialeinheit der Stadt, ein 4-köpfiges Team unter der Leitung von Lyes Benamar (Tewfik Jallab), das unbedingt herausfinden muß, woher die fremden Drogen stammen. Denn einerseits steht die oftmals unkonventionell vorgehende Truppe unter strenger Beobachtung von Dezernatsleiterin Marion Fabiani (Florence Thomassin), der wiederum die interne Dienstaufsicht im Nacken sitzt, andererseits hat Leader Lyes ein persönliches Interesse an der Aufklärung - denn von Saïdi, der sich längst in Dubai niedergelassen und die Geschäfte vor Ort seinen Cousins anvertraut hat, stammt der obskure Stoff nicht, soviel steht fest.
In dieser angespannten Situation erhält das Team Verstärkung von einem Neuzugang aus Paris: die junge Interpol-Agentin Alice Vidal (Jeanne Goursaud), Tochter eines kürzlich im Einsatz erschossenen Polizisten, stößt hinzu. Viel Zeit zur Eingewöhnung bliebt ihr allerdings nicht, denn in diesem Moment gehen die fremden Drogendealer gerade auf Saïdis Statthalter los - ein neuer Bandenkrieg droht...

Die vielverfilmten französischen Banlieues dienen auch Regisseur Olivier Marchal als Vorlage für seinen Action-Thriller Pax Massilia, in dem die Akteure beiderseits großteils aus dem Maghreb stammen. Marchal, früher selbst Mitglied einer Antiterroreinheit der französischen Polizei, legt sein Hauptaugenmerk hierbei auf eine besondere Figurenzeichnung seiner Proponenten, vernachlässigt darüber jedoch die Handlung, was mit zunehmender Dauer leider schwer auf Kosten der Spannung geht. Denn der Plot von etwas exaltierten Mitgliedern einer Spezialeinheit und einer gestrengen Chefin ist nun nicht gerade innovativ - besonders dann nicht, wenn der Verlauf so vorhersehbar gerät wie in der vorliegenden Serie.

Das übliche Katz-und-Maus-Spiel beginnt zwar temporeich und offeriert mit der früh angedeuteten und schon bald konkretisierten Verbindung zwischen den einst gemeinsam aufgewachsenen Lyes und Saïdi eine Besonderheit, läßt dann aber zwischen einigen durchaus gut in Szene gesetzten Verfolgungsjagden und Shoot-outs erzählerische Konsequenz vermissen - die Handlung springt gerne auch mal ein paar Tage und Wochen vorwärts, ohne daß dies dem Zuschauer bewußt wäre, zudem werden einige Szenen akustisch mit Rap-Musik überdeckt. Später gesellen sich dann auch noch ein paar Logiklöcher hinzu, die vor allem am (wenig spektakulären) Schluß für einige Enttäuschung sorgen dürften. Diesbezüglich scheinen bei Pax Massilia einige für die Handlung bedeutsame Zwischenschritte zu fehlen, sodaß man der aus 6 Teilen zu je etwa 50 Minuten bestehenden Serie gerne noch 1 - 2 Zusatzepisoden gegönnt hätte.

Bezüglich der Darsteller stechen neben den Hauptakteuren Lyes (ein gutaussehender smarter Cop wie man ihn schon kennt, also nichts Besonderes) und Saïdi (ein aalglatter Pate, ebenfalls nichts Neues) eigentlich nur zwei Filmcharaktäre heraus, die dank des Drehbuchs allerdings nicht viel Screentime haben: zum einen Teammitglied Audrey (Lani Sogoyou), eine offen lesbische Mittvierzigerin mit Herz, Verstand, vor allem aber einem erfrischend losen Mundwerk und auf der Gegenseite der "Indianer" genannte Killer Hamadi (Moussa Maaskri), ein vollbärtiger Old-School-Gangster mit lässiger Attitüde, der es im Alleingang mit allen Gegnern aufnimmt.
Die verbleibenden Teammitglieder Arno (ein riesiger Cop mit dem Charme eines Teddybären) und Tatoo (ein wie der Name schon verrät volltätowierter flippiger Jungspund) sind dagegen viel zu klischeehaft geraten, um einen Anspruch auf Authentizität zu begründen.
Eine völlige Fehlbesetzung dagegen ist Neumitglied Alice Vidal: die attraktive Beamtin bekommt kaum den Mund auf, spricht nur wenn sie gefragt wird und äußert dabei nur hohle Phrasen (übrigens auch im französischen Original), zeigt null Engagement und läuft überdies nur mit ihren Kollegen mit. Ein absoluter Hohn, als das Team - das von sich selbst sagt, hier würden nur "völlig abgedrehte Typen" arbeiten - die blonde Schlaftablette später in der Serie noch einmal im Team willkommen heißt, da sie so "besonders gut" zu ihnen passen würde. Nicht nur in dieser Szene fehlt es dem Drehbuch ganz klar an Realitätsbezug.

Dazu gesellen sich im späteren Verlauf der Serie dann auch einige handwerkliche Fehler: beispielsweise ein Überfall einer konkurrierenden Gang, die dazu schwer bewaffnet in Schlauchbooten anreist, dann jedoch hintereinander laufend(!) wild schießend eine Villa stürmen, endet ergebnislos, da sie das Hauptziel, das einen unerklärlichen Schwächeanfall erleidet (ähm?) einfach liegenlassen, statt ihn mit einem Kopfschuß endgültig zu erledigen. Oder auch eine bewaffnete Home Invasion, bei der Lyes Team schießend eingreift, was den Angreifern aber anscheinend völlig wurscht ist...

All dies kostet Pax Massilia, das bei gestraffter Erzählweise immerhin nicht allzu große Längen aufweist, am Ende dann doch Punkte. Die Serie bietet insgesamt nur Durchschnitt und steht somit klar hinter den Highlights des jüngeren französischen Actionkinos - Verirrte Kugel und Konsorten - zurück. Schade, da wäre mehr drin gewesen: 5,51 Punkte.

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