Review

Neon, Schweiß und gebrochene Herzen

„Love Lies Bleeding“, der zweite Spielfilm von Rose Glass, ist ein neonflirrendes, schweißgetränktes, emotional überladenes Biotop, in dem Menschen aneinander geraten wie schlecht geerdete Stromkabel. Der Werbespruch auf dem Poster – „In einer Tradition mit Natural Born Killers, True Romance und Drive“ – mag marketingtechnisch zwar ordentlich Zündstoff haben, aber er lehnt sich auch etwas weit aus dem Fenster. Auf dieser mythischen Stufe steht Glass’ Film noch nicht. Doch zu behaupten, „Love Lies Bleeding“ könne solchen Werken nicht zumindest hinterherfunkeln, wäre ebenso unfair wie unzutreffend. A24 hat hier – einmal mehr – ein kleines Genrejuwel produziert, eines mit echtem Retro-Vibe, muskulöser Emotionalität und der Lust, Grenzen zu verwischen. Ein Film, der sich nicht schämt, schmutzig zu werden, und dem man genau deshalb gerne dabei zusieht.

Die Geschichte, ein fiebriges Noir-Melodram, spielt Ende der 80er, jener Ära, in der Schulterpolster und Selbstoptimierung gleichermaßen als Ausdruck persönlicher Macht galten – und in der Glass ihren Figuren eine Bühne bietet, auf der sie sich gefährlich nahe kommen. Lou (Kristen Stewart), eine introvertierte, zersplitterte Managerin eines heruntergekommenen Gyms, trifft auf Jackie (Katy O’Brian), eine Bodybuilderin mit Ambitionen, Muskeln wie gemeißelt und einer Verletzlichkeit, die nur selten an die Oberfläche dringt. Zwischen beiden knistert es sofort – aber nicht wie in einem zarten Arthouse-Romantikdrama. Hier ist alles schwitzig, roh, verzerrt.

Das Drehbuch ist ein Sammelsurium an gebrochenen Charakteren – Lou, die unter der Gewalt ihres Vaters (Ed Harris, herrlich fies), ihrem eigenen moralischen Kompass und den Geistern ihrer Vergangenheit leidet; Jackie, deren körperliche Stärke dem inneren Chaos kaum standhält; Nebenfiguren, die Risse in ihren Fassaden tragen wie Abzeichen. Das Skript schlingert bewusst zwischen psychologischem Drama, Crime-Thriller, düsterer Romanze und Groteske – und gerade dieses Verschieben der Tonalität ist Teil seines Reizes. Nicht jeder Übergang sitzt, aber das sprunghafte, rastlose Herz des Films schlägt kraftvoll. Man fühlt sich an Tarantino erinnert, an die lakonische Gewalt eines frühen Coen Brothers-Flicks, an dreckige Videotheken-Schätze. Nicht als Kopie, eher als respektvolle DNA-Spur.

Die Gewaltspitzen sind heftig – manchmal schmerzhaft heftig. Glass hat ein gutes Händchen dafür, Schmerz nicht ästhetisch zu verklären, sondern ihn spürbar zu machen. Kein Splatter-Overkill, eher eine präzise gesetzte Brutalität, die das moralische Geflecht der Handlung untermauert. Gleichzeitig erlaubt sich der Film surreale Momente – Halluzinationen, Bilder von Körpern, die über sich hinauswachsen, Traumsequenzen, die an Albträume grenzen. Diese surrealen Einsprengsel sind mutig und verleihen dem Film jenen bizarren, hypnotischen Touch, der ihn von konventionelleren Thrillern abhebt. Clint Mansell steuert einen synthiegetränkten Score bei, der sich anfühlt, als hätte jemand die 80er in eine Spritze gepackt und intravenös verabreicht. Sein Soundtrack wabert, pumpt, dröhnt und umschlingt die Szenen wie ein elektrischer Nebel.

Ein 80s-Retro-Vibe durchzieht jede Szene, doch nicht in der manierierten Nostalgie gängiger Popkulturprodukte. Es ist ein ehrlicher, schmutziger, neonblauer Atemzug jener Zeit. Kristen Stewart zeigt hier erneut, wie stark sie in gebrochene Rollen schlüpfen kann – innerlich brodelnd, äußerlich kontrolliert. Katy O’Brian hingegen ist eine Offenbarung - nicht nur physisch beeindruckend, sondern emotional komplex. Zwischen Stewart und O’Brian entsteht eine elektrische, beinahe animalische Chemie. Ed Harris liefert eine seiner herrlich fiesen, charismatischen Nebenrollen ab. Dave Franco und Jena Malone ergänzen das Ensemble mit überzeugenden, markanten kleinen Rollen.

Fazit

„Love Lies Bleeding“ ist kein neuer „Natural Born Killers“, kein „True Romance“, und auch kein „Drive“ – trotz der plakativen Behauptung auf dem Poster. Doch es ist ein Werk, das sich mutig in deren Nähe aufhält, etwas kleiner, schmutziger, und ungehobelter. Ein wilder, dreckiger, hypnotischer Genre-Mix aus Liebesdrama, Neo-Noir, surrealem Trip und Gewaltballade mit Trash-Charme, psychologischer Tiefe und audiovisueller Ekstase. „Love Lies Bleeding“ ist nicht rund, aber rau kann sehr viel aufregender sein als poliert. Und dieser Film ist aufregend bis zum letzten Bild.

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