Er hat sich gut eingelebt im niederländischen Amsterdam, seitdem er als Kind vor den Taliban aus Afghanistan geflüchtet war. Privat mit einer Niederländerin zusammen, ist Mardik Sardagh (Nasrdin Dchar) heute ein allseits anerkannter Kripo-Beamter. Der ruhige Enddreißiger strebt eigentlich eine berufliche Versetzung in eine andere Einheit an, doch aus dieser wird vorerst nichts.
Der Grund dafür ist ein gewisser Faysal (Abbas Fasaei), der ebenfalls aus Afghanistan stammt, sich jedoch für die terroristische Seite entschieden hat und gerade nach Holland gereist ist. Mit mehreren - darunter auch neu verpflichteten - Komplizen bereitet er einen Anschlag in Amsterdam vor. Wie wenig Skrupel die Attentäter haben, zeigt sich bei einer zufälligen Polizeikontrolle, in der zwei Streifenbeamte kaltblütig erschossen werden. Der Zusammenhang mit dem untadeligen Mardik ergibt sich aus der Tatsache, daß er und Faysal beide aus demselben Dorf in Afghanistan stammen, gleichwohl sich ihre Vita nach der Trennung im Kindesalter grundlegend unterscheidet.
Davon jedoch weiß der niederländische Geheimdienst AIVD nichts, der Mardik schon bald mit unangenehmen Fragen belästigt, die dieser allerdings nicht beantworten mag. Erschwerend hinzu kommt der Umstand, daß Mardik erst kürzlich wieder in diesem Dorf in Afghanistan war, nachdem er jahrzehntelang keinerlei Verbindung dorthin gepflegt hatte. Auch den Zweck dieser Reise, die er übrigens allein ohne seine Partnerin antrat, verrät er nicht. Während er für den Geheimdienst somit als "verdächtig" gilt, hält sein Chef und Teamleiter allerdings noch seine schützende Hand über ihn.
In der Zwischenzeit hat Faysal seine Attentats-Vorbereitungen abgeschlossen, läßt den LKW einer Markthändlerin kidnappen und zwei seiner Gefolgsleute mit dem unverdächtigen Fahrzeug sich dem belebten Markt nähern. Dann geben die Islamisten Vollgas und mähen in der engen Gasse so viele Zivilisten nieder wie möglich. Ein junges Streifenpolizisten-Pärchen ist zwar schnell vor Ort, muß jedoch auf die Spezialisten warten, da sie von einem Wohnblock aus von einem Heckenschützen (nämlich Faysal) beschossen werden...
Die niederländische Produktion Het gouden uur beschäftigt sich mit der Thematik islamistischen Terrors in Westeuropa - die Grundstruktur der Geschichte besteht einmal mehr aus zwei ehemaligen Freunden, die vollkommen verschiedene Wege gegangen sind und nun, viele Jahre später, auf gegensätzlichen Seiten stehend aneinander geraten.
Gleichwohl die mehrteilige Serie (6 Episoden zu je etwa 50 Minuten) außergewöhnlich fesselnd geraten ist, enthält sie jedoch auch einige kaum glaubwürdige Begebenheiten, die dem geneigten Krimifreund, sofern er sich nicht vom hier durchaus angebrachten Binge Watching mitreißen lässt, das eine oder andere Mal etwas säuerlich aufstoßen.
Kernstück jedoch sind die islamistischen Terroranschläge, welche auch graphisch so realistisch wie möglich dargestellt werden. Der LKW-Anschlag auf den Markt (bei dem sich die Regie am realen Anschlag von Nizza im Juli 2016 orientierte) findet bereits in der 2. Folge statt und ist allein deswegen, ohne allzuviel zu verraten, nur der Auftakt für eine Serie weiterer derartiger Terrorakte. Später ist auch ein Einkaufszentrum betroffen, dessen gewalttätige Invasion teilweise in Echtzeit abläuft und dabei auch das Verhalten unbeteiligter Passanten und Kunden dort beleuchtet - hier hat Die goldene Stunde ihre stärksten Momente.
Einige Prämissen der Serie dienen jedoch erkennbar nur dem Zweck, die Spannung vom einen zum nächsten Höhepunkt zu treiben und ergeben bei näherem Hinsehen dann doch mehr oder weniger gravierende Logiklöcher. Angeführt sei hier als Erstes die Figur des Hauptdarstellers Mardik, der einerseits mehrfach, auch ungefragt, darauf hinweist, daß er felsenfast auf der Seite des Westens (hier: der Niederlande) steht, und zwar unabhängig seiner Herkunft oder früherer Freundschaften, andererseits seine Vermutungen und sein rudimentäres Wissen über den Attentäter zu keiner Zeit seinen Kollegen, seinem Chef oder gar dem Geheimdienst offenbart, sondern plötzlich auch noch untertaucht, um den Fall auf seine Weise zu lösen. Daß er mit dieser Verhaltensweise, die zwar spannungfördernd, aber wenig realistisch erscheint, selbst auf die Fahndungsliste gerät, liegt auf der Hand.
Beim niederländischen Geheimdienst AIVD dagegen sind offenbar KGB- bzw. Gestapo-Methoden an der Tagesordnung: nachdem Mardik verschwunden und nicht auffindbar ist, knöpfen sie sich dessen ahnungslose Lebensgefährtin vor, und der leitende Beamte, übrigens ein ganz impertinentes Arschloch, prügelt die Frau und schreckt später nicht einmal davor zurück, auch deren Kind zu entführen. Ein solches filmisches Verhalten erzeugt zwar starke Emotionen, hat mit der Wirklichkeit aber wohl nichts zu tun.
Ein weiterer, eher allgemeiner Punkt ist die Einsatzgeschwindigkeit der niederländischen Polizei: da vergeht nach einem Anschlag glatt eine halbe Stunde oder mehr, bis die Kavallerie oder gar das SEK eintrifft, so als gäbe es in Amsterdam keine Hubschrauber, keine über die Stadt verteilten Streifen etc.
Doch über diese - und einige weitere - fragwürdige Punkte mag man angesichts der atemlosen Spannung, welche Het gouden uur streckenweise erzeugt, geflissentlich hinwegsehen. Daß sich am Ende doch noch alles zum Guten wendet, mag man dagegen schon erahnen. Heimlicher Star der Serie ist übrigens ein junges Streifenpolizisten-Pärchen, das sich - entgegen dem Einsatzbefehl - doch zum beherzten Eingreifen entscheidet. Sehr sympathisch, dabei aber wenig authentisch.
Fazit: durchwegs unterhaltsam und aufgrund der nur 6 Teile auch weitgehend ohne Längen (die mehrfachen Rückblenden ein und derselben Begebenheit aus der Kinderzeit in Afghanistan einmal ausgenommen) überzeugt die niederländische Produktion vor allem durch die Darstellung der Terroranschläge, die teilweise schockierend realistisch erscheinen: 7,8 Punkte.