Die Geburt des Grauens
Prequels. Diese kleinen filmischen Wundertüten zwischen Genie und „warum überhaupt?“. Zu oft sind sie die ungebetenen Gäste auf der Party großer Klassiker – sie kommen zu spät, haben nichts Neues zu sagen und klauen dann auch noch das Bier. Doch ab und zu, ganz selten, erscheint einer, der tatsächlich etwas zu erzählen hat. „The First Omen“ ist so einer. Filme, die den großen Vorbildern nicht nur nacheifern, sondern sie um eine eigene, düstere Dimension erweitern. Arkasha Stevenson gelingt mit ihrem Regiedebüt etwas, das in der heutigen Horrorlandschaft fast schon an ein kleines Wunder grenzt: Sie haucht einem 50 Jahre alten Klassiker neues, verstörend pulsierendes Leben ein – und tut das mit Stil, Intelligenz und einer Portion diabolischem Selbstbewusstsein. Während mit „Immaculate“ ein thematisch fast identischer Film durch die Kinos geisterte – Nonnen, Schwangerschaft, religiöser Wahn – zeigt sich hier, dass Ähnlichkeit nicht gleichbedeutend mit Gleichwertigkeit ist. Wo „Immaculate“ auf Hochglanz und Schockeffekt setzt, ist „The First Omen“ die weitaus feinere, gefährlichere Versuchung. Ein Film, der sich Zeit nimmt, Atmosphäre zu atmen. Der weniger auf den Adrenalinkick zielt, sondern auf die Gänsehaut, die langsam, unaufhaltsam kriecht.
Rom, 1971. Eine junge Novizin namens Margaret – gespielt von der herausragenden Nell Tiger Free – tritt ihren Dienst in einem Waisenhaus an, das mehr Schatten als Kinder beherbergt. Hier soll sie ihren Glauben festigen, ihre Berufung prüfen. Doch die Mauern flüstern, die Heiligenbilder scheinen zu beobachten, und was zunächst wie ein Ort der Andacht wirkt, wird rasch zur Kulisse eines teuflischen Plans.
Mehr muss man zur Handlung gar nicht wissen, denn Stevenson interessiert sich weniger für die Frage, was geschieht, sondern wie es geschieht. „The First Omen“ ist weniger ein klassischer Horrorfilm als ein langsames Herantasten an den Wahnsinn – ein Sog aus religiöser Symbolik, weiblicher Unterdrückung und metaphysischem Grauen, der in seinen besten Momenten an die Intensität von Polanskis „Rosemary’s Baby“ erinnert. Was Stevenson hier abliefert, ist kein simpler Aufguss alter Gruselrezepte, sondern ein bedrohlich schleichender Horrorfilm, der sein Publikum langsam in den Bann zieht. Kein lautes Jump-Scare-Feuerwerk, sondern eine psycho-spirituelle Achterbahnfahrt, die mit jeder Minute an Intensität gewinnt. Besonders stark ist, wie der Film Margarets Entwicklung zeigt – von der naiven Novizin zur Frau, die das Böse erkennt, aber auch das System, das es möglich macht. Während andere Horrorfilme gerne mal ins platte „Kirche-böse“-Mantra verfallen, zeichnet „The First Omen“ ein differenziertes Bild: Die wahre Angst liegt nicht in der Religion, sondern in den Menschen, die sie missbrauchen. Das ist klug, das ist relevant – und vor allem teuflisch gut geschrieben.
Prequels sind bekanntermaßen ein zweischneidiges Schwert. Zu oft wirken sie wie nostalgische Fußnoten, die das Original entzaubern, anstatt es zu bereichern. Doch „The First Omen“ wählt den gegenteiligen Weg: Er vertieft das, was Richard Donner 1976 nur andeutete. Die Geburt des Antichristen wird hier nicht als simple Horrorattraktion erzählt, sondern als ideologisch aufgeladene Schöpfungsgeschichte. Das Drehbuch – sorgfältig, klug, mit Sinn für Tragweite – spannt den Bogen zwischen Dogma und Zweifel, Macht und Missbrauch. Und es stellt die vielleicht unbequemste aller Fragen: Wer zieht eigentlich die Strippen, wenn das Böse zur Welt kommt? Der Teufel – oder die Menschen, die ihn brauchen? Diese Ambivalenz verleiht dem Film eine Tiefe, die man im Genre selten findet. Es ist Horror mit Subtext, Spannung mit Substanz. Und das, ohne den Nervenkitzel zu verlieren. Stevenson beweist, dass man nicht schreien muss, um laut zu sein.
Das Böse hat Stil
Dass „The First Omen“ so überzeugend funktioniert, liegt vor allem an Arkasha Stevenson selbst. Die Regisseurin – bisher vor allem für Arbeiten im Serienbereich bekannt – tritt mit erstaunlicher Sicherheit auf. Ihr Film ist handwerklich präzise, atmosphärisch dicht und erzählerisch souverän. Ihre Inszenierung ist gleichermaßen feierlich und verführerisch, streng und sinnlich – ein optischer Exorzismus, der mit jedem Frame spürbar macht, wie nah Andacht und Abgrund beieinanderliegen. Sie verzichtet weitgehend auf billige Schocks und setzt stattdessen auf atmosphärische Beklemmung. Jede Szene ist durchdacht, jede Kameraeinstellung sitzt. Was Stevenson hier abliefert, ist kein simpler Horror, sondern fast schon Gothic-Drama mit opernhafter Wucht. Man spürt ihre Liebe zum Genre, aber auch ihren Wunsch, es weiterzuentwickeln. In einer Zeit, in der viele Horrorfilme aussehen, als wären sie aus dem Algorithmus geboren, ist „The First Omen“ ein Film mit Hands-on-Seele.
Das Setting ist ein Traum für jeden Gothic-Horror-Fan. Enge Korridore, flackerndes Kerzenlicht, düstere Waisenhausräume – alles wirkt alt, echt, von Geschichte durchzogen. Das Produktions- und Kostümdesign ist makellos: von den detailverliebten Klostergewändern bis hin zu den morbiden Wandmalereien. Die eigentliche Offenbarung des Films ist jedoch Nell Tiger Free. Was sie hier leistet, ist schlicht sensationell. Schon in M. Night Shyamalans Serie „Servant“ hat sie bewiesen, dass sie das fragile Gleichgewicht zwischen Unschuld und Wahnsinn beherrscht – aber hier legt sie noch einmal eine Schippe drauf. An ihrer Seite liefern auch Ralph Ineson und Sônia Braga hervorragende Leistungen, aber es ist ganz klar Nell Tigers Film. Sie trägt ihn. Und sie tut es mit einer Mischung aus Verletzlichkeit, Entschlossenheit und geradezu dämonischer Präsenz.
Fazit
„The First Omen“ ist das seltene Beispiel eines Prequels, das tatsächlich Sinn ergibt – ja, das sogar das Original veredelt. Ein Prequel, das nicht nur funktioniert, sondern brilliert. Intensiv, elegant, intelligent – ein Film, der das Genre ehrt, ohne sich ihm zu unterwerfen. Während „Immaculate“ hübsch anzusehen, aber letztlich oberflächlich bleibt, taucht „The First Omen“ tief ein – in die Abgründe von Glauben, Körper und Kontrolle. Stevenson beweist, dass Horror nicht laut sein muss, um zu erschüttern. Ein düsteres, wunderschönes Ungeheuer von einem Prequel.