Ein sofortiger „Alki“-Klassiker
Im neuen Werk von Nora Fingscheidt - die mittlerweile sicher den Sprung ins Weltkino und nach Hollywood geschafft hat, auf die wir wirklich stolz sein können! - kommt eine junge Frau und Alkoholikerin nach einem Jahrzehnt zurück in ihre Heimat, auf die schottischen Orkneyinseln - und kämpft dabei weiter gegen sich selbst, ihre Vergangenheit, familiäre Schatten und die Sucht…
Die Dualität Schottlands
Spät aber gezielt wird’s doch noch das Jahr der Saorsie Ronan?! Verdient hätte sie es. Doch während sie in „Blitz“ meiner Meinung nach etwas von McQueen und der Qualität des Films hängengelassen wird, hat „unsere“ Nora Fingscheidt ihr mit „The Outrun“ einen intensiven, natürlichen und wunderschönen Qualitätsfilm hingeschustert, in dem die junge und besondere Mimin ihr ganzes Können ausspielen kann. Ein Charakterstück. Für mich ist Saorsie ja nicht weniger als die legitime Nachfolgerin von Helen Mirren oder Meryl Streep und meine momentane Lieblingsschauspielerin. Doch „The Outrun“ ist ein sehr guter Film - nicht nur exemplarisches Schauspielerkino oder gar Oscarbait! Fingscheidt wählt keine einfachen Themen, keine üblichen Ansätze. Sie lässt Oberflächlichkeit nicht zu, Berechnung nicht zu, Predigten nicht zu, Klischees nicht zu. „The Outrun“ findet Stärke in der menschlichen Schwäche. Er ebbt und stürmt, er schimmert und wummert, er ist Natur und Mensch, Schottland und Schatten, Alkohol und Angst, Seetang und Suche. Er ist authentisch, ehrlich und herzlich. Auch mal windig und kühl, dreckig und verschwitzt. Er ist alles andere als „Sucht-Porn“. Er verstellt sich nicht, ist verschachtelt aber nie unübersichtlich. Und er lässt Saorsie Ronan strahlen, wie wohl noch nie in ihrer Karriere. Facettenreich, famos, kraftvoll. Unterlegt sowohl mit dem Rauschen des Meeres als auch trancigen Technobeats. Ergänzend nicht abstoßend. Befreiend, natürlich, instinktiv. Ziemlich fantastisch. Nach dem eher mauen „The Unforgivable“ für Netflix hat sich Fingscheidt hiermit mehr als rehabilitiert und zurück auf die Karte katapultiert.
London's Calling
Fazit: eine oscarwürdige Performance von Saorsie. Unfassbar schöne Landschaften. Und ein ungewöhnlich ehrlicher Umgang mit dem Alkoholismus. Aber auch Meditation auf die Natur. Und die Natur des Menschen. Liebesfilm. Familiengeschichte. Gedicht. Mythisch und mutig. „The Outrun“ wummert wie ein Bass, den man nicht hören kann. Die verlorene Wiederkehr.