Gleichwohl keiner der Hähne in Edisons zweitem Hahnenkampf, Dicksons & Heises "Cockfight, No. 2" (1894), verstirbt, wird der frühe Stummfilm oftmals als vermeintlicher Tiersnuff fehlinterpretiert – zumindest aber als unnötige Tierquälerei abgelehnt. (Was für viele der frühen Stummfilm gilt, in denen bisweilen Hunde tanzen oder Katzen boxen...) An der unnötigen Tierquälerei ist sicherlich etwas dran, aber "Cockfight, No. 2" ist freilich mehr als bloß ein grausames Spektakel.
Man sollte erst einmal festhalten, dass sich ein dokumentarischer Charakter neben den zweifellos sensationalistischen Charakter des Films gesellt. Dass Dickson hier – wie in anderen Filmen – das Dokumentierte erst einmal als Abbild der Realität inszeniert hat, steht dem dokumentarischen Charakter nicht entgegen, um welchen der frühe Film bis Mitte der 1890er sowenig herumkam wie um den sensationalistischen Charakter, der hier allerdings ziemlich augenfällig geraten ist. "Cockfight, No. 2" ist trotz seiner Inszeniertheit auch dokumentarisch – nicht nur, weil sich der ungeschnittene Kampf der Hähne ohnehin jeglicher Inszenierung entzogen hat, sondern auch, weil eine getreue Nachbildung realer Vorbilder angestrebt worden war. Das Publikum bekommt schließlich nicht bloß einen gefilmten Hahnenkampf zu Gesicht, sondern zugleich auch das kleine Wettpublikum ebendieses Kampfes.
Man erhält neben dem voyeuristischen Genuss eines Hahnenkampfes das eigentlich immer spannende Vergnügen, andere Menschen beim voyeuristischen Beobachten zu beobachten, derweil diese sich unbeobachtet wähnen (bzw. zu wähnen scheinen). Je nach Einstellung gegenüber der Praxis des Hahnenkampfes kann man mit den wettenden Männern sympathisieren (was wohl zur Entstehungszeit die naheliegendere Lesart gewesen sein dürfte) oder ihnen mit moralischer Empörung begegnen (was heute verbreiteter sein dürfte); es besteht aber auch die Möglichkeit, dass einem mit ihnen der Spiegel vorgehalten wird, dass man – gleichwohl man keinen Wetteinsatz gesetzt hat und keinen Grund verspürt, mit einem der Hähne mitzufiebern – in der voyeuristischen Schaulust des gefilmten Publikums die eigene Schaulust gespiegelt sieht.
So gesehen handelt es sich bei "Cockfight, No. 2" um einen der allerersten Filme (wenn nicht sogar um den allerersten Film), die ein selbstreflexives Potenzial aufweisen, welches eigentlich erst nach dem Siegeszug der Lichtspielhäuser ab 1895, vor allem in den frühen 10er Jahren, anhand eines abgefilmten Kinopublikums wieder aufgegriffen worden ist... (und natürlich anhand der im Film thematisierten Filmtechnik, was schon in den 1890er Jahren immer selbstverständlicher geschah, je mehr sich der Film als Unterhaltungsmedium und – künstlerisch noch als wertlos geltende – Kunstform zu verstehen begann.)
Und dann ist da noch die Kadrage, die hier so stilvoll ausfällt wie etwa auch in Dicksons "Blacksmith Scene" (1893) oder seinem "The Barbershop" (1894): Im Vordergrund befindet sich das Gehege, in dessen Mitte sich der Kampf ereignet, um sich bisweilen nach rechts, seltener nach links zu verlagern. An den Bildrändern ist gerade noch die Begrenzung des Geheges zu erkennen. Hinter diesem stehen im Hintergrund die zwei Hauptfiguren, die abwechselnd einander oder die Hähne fixieren. Hände, die sich am oberen Bildrand rechts und links über die Wände des Geheges strecken, verleihen den wenigen Sekunden zusätzliche Dynamik: kleine, aber wirkungsvolle Details, von denen auch andere Filme Dicksons leben – dass Dickson als Sohn eines Malers aufgewachsen ist und jahrelange Erfahrung mit der Fotografie sammeln konnte, machte ihm zu einem der Perfektionisten unter den ganz frühen Filmpionieren vor 1895. (Als in dem Jahr schließlich die Kinogeschichte beginnt, hat Dickson bereits mit "History of the Kinetograph, Kinetoscope, and Kinetophonograph" einen ersten Klassiker der Filmliteratur geschrieben.)
7/10