In der nordschwedischen Bergbaustadt Kiruna drohen wieder einmal einige Bergsenkungen - ausgerechnet an jenem Tag, als die Sicherheitsbeauftragte der Grube, Frigga Vibenius (Tuva Novotny) Besuch von ihrem neuen Freund Dabir (Kardo Razzazi) bekommt. Die toughe Mittvierzigerin, die getrennt von ihrem Mann Tage (Peter Franzén) lebt, muß sich außerdem noch um ihre rebellische Tochter Mika kümmern, die gerade mit ein paar Aktivisten eine Straßenblockade organisiert, während Sohn Simon, der heute Geburtstag hat, spurlos verschwunden ist.
Viel zu tun also für Frigga, die kurzerhand in die Grube einfährt, um dort nach dem Rechten zu sehen. Dort entdeckt ihr kleiner Trupp einen riesigen Hohlraum, der unter der kleinen Stadt verläuft: eine Evakuierung ist unvermeidlich. Doch bevor alle wieder ans Tageslicht kommen, werden sie selbst fast verschüttet. Draußen muß Frigga dann einerseits die Bevölkerung evakuieren helfen, andererseits ihren immer noch vermißten Sohn finden, von dem es heißt, er sei zuletzt in der schon halb eingestürzten Schule gesehen worden...
Location und Trailer der schwedisch-finnischen Co-Produktion Avgrunden versprechen einen spannenden Katastrophenfilm, doch zur großen Enttäuschung des Publikums zieht Regisseur hier ein halbgares Familiendrama auf, bei dem das Naturereignis nur den Rahmen für die schnöde Story bildet. Viel zu sehr wird auf Familienzusammenhalt, Eifersucht und sonstige Befindlichkeiten fokussiert, wobei drehbuchbedingt kaum einer der Filmcharaktäre zu überzeugen weiß. Trotz ordentlicher Performance der Darsteller tun sich nicht nur diverse Risse im Boden, sondern noch tiefere Logiklöcher auf, die dem vorhersehbaren Geschehen jede Spannung nehmen.
Dabei böte der Drehort Kiruna mit dem größten Eisenerzbergwerk der Welt genügend Stoff für einen spannenden Streifen, zumal die Region um die Grube tatsächlich immer wieder von Bergsenkungen betroffen war und eine Verlegung der Kleinstadt einige Kilometer weiter bereits beschlossene Sache ist.
Die Regie allerdings läßt Kiruna lieber gleich im Boden versinken und bemüht dazu ein paar Computertricksereien, die für sich genommen zwar ordentlich ausgefallen sind, angesichts des alles dominierenden Familiendramas aber kaum Schrecken entfalten können. Viel zu unlogisch sind die sich beispielsweise im Straßenasphalt auftuenden Risse, die praktischerweise am Gehsteig enden und den Leuten auf der Straße somit eine Flucht ermöglichen. Auch der den Sicherungstupp betreffende Steinschlag erweist sich bei näherem Hinsehen als Sammlung viel zu glatter (Styropor?-)Felsen, die da ohne die obligatorischen Mengen an Sand und Bruchstücken herniedergehen. Das planlose Herumstehen an frisch entstandenen Spalten (statt sich schleunigst von diesen zu entfernen), oft schräg von unten gefilmt, dient ausschließlich filmdramaturgischen Zwecken, die anhand der kaum nachvollziehbaren Verhaltensweisen der Beteiligten jedoch kaum Wirkung zeitigen. Der Showdown schließlich spielt sich in einer halb eingestürzten Schule ab (vermutlich einem Abbruchgebäude), dessen armierter Stahlbeton ebenfalls nicht den gewohnten physikalischen Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Überhaupt tauchen die Risse im Boden immer genau dann auf, wenn Familienmitglieder eine Entscheidung treffen müssen - vor allem aber enden sie immer dann, wenn es dem Drehbuch gerade passt.
So zieht sich Der Abgrund dann immer weiter dahin, verschont selbstredend vorerst alle Familienmitglieder (von denen dem Zeitgeist entsprechend Mamas neuer Freund ein Afghane und Tochter Mika lesbisch ist, beides selbstredend ohne die allergeringste Relevanz für die Filmhandlung) und endet erwartungsgemäß mit einer ebenso überdramatisierten wie langweiligen Rettung der Hauptbeteiligten - gähn.
Fazit: Avgrunden versucht vergeblich, US-amerikanische Katastrophenfilm-Vorbilder nachzuahmen, scheitert darin jedoch kläglich. Bis auf ein paar wenige Drohnenperspektiven der spektakulären Landschaft hinterläßt diese Schlaftablette von einem Film keinerlei bleibende Eindrücke. 3,51 Punkte.