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Bill Murray spielt einen amerikanischen Schauspieler, der in Tokio einen Werbespot drehen soll und Scarlett Johansson eine junge Yale-Absolventin, die ihren Mann, gespielt von Giovanni Ribisi, der beruflich jedoch sehr eingespannt ist, nach Tokio begleitet. Die beiden fühlen sich in der fremden Stadt einsam und verstehen sich daher schon bei ihrem ersten Treffen bestens, woraufhin die beiden, die sich in einem schwierigen Lebensabschnitt befinden und von einer Seelenverwandtschaft zusammengeschweißt werden, gemeinsam die fremde Metropole entdecken.

Es gibt Szenen, die man nicht so schnell vergisst: Der zentrale, spannungsgeladene Dialog von Pacino und de Niro in "Heat", der erschreckende Moment in "Alien", als die außerirdische Existenz aus dem Bauch eines Menschen hervorkommt, die Auflösung in "Die üblichen Verdächtigen", wenn der Polizist auf die Pinwand in seinem Büro blickt und feststellt, dass er für dumm verkauft wurde, oder die Einstellung in "Shining", in der man den offensichtlich verrückten Jack Nicholson durch das Loch in der Tür seine Familie erblicken sieht. Und auch "Lost in Translation" beinhaltet eine unvergessliche, faszinierende, zerbrechliche, beinahe magische Szene, in der man spürt, dass es sich um ein kleines Meisterwerk handelt, nämlich die Szene, in der die beiden Hauptfiguren gemeinsam im Hotelbett liegen und über ihre bisheriges Leben nachdenken und schließlich eine kurze Berührung austauschen, die jedoch mehr Intensität hat, als wenn die beiden miteinander geschlafen hätten.

Die Magie, die Faszination, die dieser Film ausübt und die auch beim mehrmaligen Ansehen kaum zu erklären ist, auch wenn sie ohne Zweifel vorhanden ist, resultiert aus der überragenden Arbeit von Sofia Coppola, die hier eine Regiearbeit abliefert, die auch ihr Vater nicht besser hinbekommen hätte. Sie baut durchaus einige Gags in den Film ein, denen man durchaus vorwerfen kann, dass leicht rassistisch den Japanern gegenüber sind, was aber definitiv nicht weiter stört, serviert diese aber immer so stilvoll, ruhig, fast unterbewusst, dass der Film den nötigen Ernst wahrt, um fesseln zu können. Zudem baut sie konstant Dramatik und Emotion auf, zeigt aber keine überproportionierten Gefühle, gleitet nicht einmal ansatzweise in Gefühlskitsch ab und liefert damit ein Werk fern ab der Mainstream, das bestens unterhält und mitreißt. Die Filmmusik ist sehr ruhig und emotional, die Bilder sind berauschend und zeichnen durchaus das Bild des befremdlichen Tokios, in dem man sich hier genauso schnell verlieren kann, wie die beiden Hauptdarsteller, so entsteht eine warme, behagliche Atmosphäre, die diesen Film zu etwas ganz Besonderem machen, auch wenn diese gefühlsbetonte Art der Inszenierung in den letzten Minuten kleinere Verschleißerscheinungen bekommt.

Zudem beweist Sofia Coppola auch Fingerspitzengefühl dafür, wie sie ihre Darsteller in Szene setzen muss. Sie lässt Bill Murray, der in "Die Geister, die ich rief", "Tootsie" und anderen Komödien eher durch auffällig und übertrieben servierte Komik auffiel, sämtliche amüsante Szenen mit einer ironischen Gelassenheit servieren und verhilft ihm damit zu der besten Leistung seiner Karriere. Zudem zeigt Murray absolut tief greifende Emotionen, wofür er sich die Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller definitiv redlich verdient hat. Scarlett Johansson, die hier die bis dato beste Arbeit ihrer Karriere abliefert, steht dem in nichts nach und spielt ihre Rolle ebenfalls sehr feinfühlig und intensiv. Die Nebenrollen sind ebenfalls gut besetzt, so zeigt Giovanni Ribisi ebenfalls eine leidenschaftliche Darstellung, genauso wie Anne Farris, die als engstirnige Amerikanerin voll und ganz überzeugt.

Wirklich beachtlich ist zudem, was Sofia Coppola, die zu Recht den Oscar für das beste Drehbuch verliehen bekam aus dem simplen Plot macht. Der Plot ist schnell erzählt und ist nicht sonderlich umfangreich, gelungen ist hier vor allem das, was sie daraus macht. Die beiden Hauptcharaktere, die sich einsam und hilflos in der fremden Welt fühlen und schnell eine Seelenverwandtschaft feststellen sind schlicht und einfach brilliant dargestellt und die Beziehung der beiden wird mit geschliffenen Dialogen gelungen vermittelt. Der Film bleibt dabei, anders als die meisten Mainstream-Hollywood-Schnulzen auf dem Boden der Tatsachen und zu jedem Zeitpunkt realistisch, wozu auch das konsequente Ende passt, dass dem einen oder anderen unvollkommen erscheinen mag.

Fazit:
"Lost in Translation" hat etwas Faszinierendes an sich. Das Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller vermittelt zwischenmenschliche Wärme, die Atmosphäre ist behaglich, zudem ist der Film sowohl sehr emotional, als auch überaus amüsant. Der Film fesselt so von Anfang bis Ende, wobei die Machart zum Ende hin Verschleißerscheinungen zeigt. Dennoch ist dieses kleine Meisterwerk wirklich empfehlenswert.

84%

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