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Manchmal, da kann man seine Probleme nicht lösen. Zu groß sind diese, zu klein man selbst, zu gigantisch und kompliziert das Leben. Wenn selbst CDs mit meditativen Selbstfindungsphrasen nicht mehr helfen, dann sind es meist Menschen, Freunde, im besten Falle Seelenverwandte, die zwar zumeist nicht aktiv helfen können, die aber aufgrund ihres puren Daseins, des Existierens, das Leben einfacher erscheinen lassen. So metaphysisch und nachdenklich dies klingen mag, genau darum geht es in "Lost in Translation", einer Liebesgeschichte, einer Tragikomödie.

Bob Harris ist Schauspieler. Ein Star. Er könnte zu Hause, wie er selber sagt, Theater spielen, große Kunst kreieren. Aber da Frau und Kind, und auch ein neuer Bordeaux-farbender Teppichboden im neuen Büro finanziert werden wollen, muss der künstlerische Idealismus zurückgesteckt, und Geld verdient werden. In Tokio nimmt er deshalb für zwei Millionen Dollar einen Whiskeywerbespot auf. Japan irritiert den überforderten Star: Erst der Jetlag, dann die eigenartige Sprache, mysteriöse, fremdländische Regieanweisungen und später auch noch eine unbestellte, höchst eigenwillige Prostituierte. Und auf der anderen Seite der Welt lebt seine Frau Lydia, die nichts besseres zu tun hat, als ihm um 4:20 Tokioer Ortszeit eine Auswahl an möglichen Regalen fürs Büro zu faxen. Wenn sie jedoch mit ihrem Ehemann telefoniert, sagen sie sich kaum etwas.

Viel besser hat es Charlotte eigentlich auch nicht. Sie ist auch Amerikanerin und wohnt im gleichen Hotel. Ihr Ehemann John ist ein viel beschäftigter Starfotograph, der sich lieber für das oberflächliche Schauspieler-Blondchen Kelly interessiert, als für die Seele seiner Frau. Die junge Anfang 20-jährige sucht in dem fremden Land verzweifelt nach Antworten vieler Fragen. Als sie eine der Fragen, die ihr auf dem Herzen brennen, am Telefon gegenüber ihrer besten Freundin äußert, nämlich, was für einen Mann sie da eigentlich geheiratet habe, wird ihr nur mit gleichgültigem Alltagsstress begegnet. Antworten wird Charlotte hier nicht finden.

Als John dann für einige Tage aus Tokio abreisen muss, beginnt die Zeit für Charlotte und Bob. Obwohl gut 30 Jahre älter, zieht Bob mit seiner Landsmännin durch das Nachtleben Japans. Irgendwo zwischen schrillen Karaokeparties und billigen Stripclubs wird den beiden bewusst, dass sie mehr verbindet, als nur alleine in einer fremden Stadt zu sein. Beide Menschen sind nicht nur verloren in einer Kultur, die sie nicht begreifen, sondern auch in einem Leben, das sie nicht verstehen. Während Bob seine Frustration auf die Mid-Life-Crisis schieben kann, fragt sich Charlotte, ob er der Beweis dafür ist, dass das Leben zukünftig nicht leichter wird. Dennoch, durch das Gefühl nicht alleine mit den Gefühlen, nicht alleine in einer japanisch sprechenden Metropole zu sein, wird es einfacher für Beide. Wenn auch nur für wenige Tage.

Am Ende von "Lost in Translation" haben beide Figuren keine der Fragen beantwortet bekommen, die sie sich gestellt haben. Vieles ist unausgesprochen geblieben, und als letzte Verabschiedungsgeste flüstert Bob seiner Charlotte einen Satz ins Ohr, der selbst uns vorenthalten wird. Welche Lebensweisheit, welches Kompliment, welche aufmunternden, lebensbejahenden Worte er in dieser Szene auch spricht, Charlottes Lachen danach, lassen uns zumindest die Wirkung nachempfinden. Was nun gesagt wurde, bleibt uns überlassen. Jeder Zuschauer kann seine eigenen, erfrischenden Sätze in diese kurze Szene hineinhören. So bleibt die Aussage des Films universell. Egal, wie groß, oder wie individuell unsere Probleme ausschauen mögen: Es gibt jemanden, der sie versteht, und der zur rechten Zeit, die richtigen Worte finden wird, um das Leben einfacher zu gestalten. Die Worte werden nicht präzisiert. Nur die Situation.

Regisseurin Sofia Coppola ist es auch zu Gute zu halten, dass sie die Liebe zwischen den beiden Menschen nicht auf ihre Genitalien reduziert. Sexuelle Energie entwickeln beide Protagonisten nie für einander. Als Bob unabsichtlich in einen One Night Stand hineinschliddert, wird erst die körperliche Anziehung zwischen Bob und Charlotte formuliert. Nicht in Worten, sondern in wenigen, enttäuschten Blicken. Und obwohl Bob und Charlotte ihre Zuneigung füreinander - den finalen Kuß jetzt mal ausgenommen - nie körperlich zum Ausdruck bringen, bleibt ihr Verständnis und ihre offenkundige Liebe füreinander bestehen.

Sofia Coppola ummantelt jene Lovestory mit Polaroid-artigen Momentaufnahmen aus der Nachtwelt Japans. Während sie die Geschichte einer Freundschaft erzählt, entfaltet sie mit ihrer Handkamera eine Liebeserklärung an die Großstadt Tokio, die so energetisch, wie fremdartig, aber auch sehr reizvoll dargestellt wird.

Den größten Respekt verdienen allerdings bei "Lost in Translation" die Darsteller. Perfektes Schauspiel, bei dem wirklich jede Geste, jeder verträumte Blick, jeder Satz stimmt. Besonders Bill Murray, den man schon in schlechten Klamauk-Filmen bemitleiden musste, fällt nicht in einer einzigen Szene aus seiner Rolle heraus. Nie wirkt er platt oder selbstgefällig. Selbst in den humorvollen Szenen - man denke nur an die "Lupf meinen Schtlumpf"-Szene -, in denen er auf sein altes, weniger unaufdringliches Repertoire zurückgreifen könnte, bleibt er voll und ganz Bob Harris, und nie Bill Murray, der Bob Harris nur spielt.

"Lost in Translation" ist ein wunderbarer Film. So komisch wie das Leben, so traurig wie das Leben, so wahr, so realistisch. Aber dennoch verträumt und unterhaltend. Einfach ein großartiges Stück Kino, so, wie man es nur selten zu Gesicht bekommt. Und jedem sei versichert: Auch wenn die Message des Films nicht unbedingt romantisch-überspitzt abgerundet wird, sondern immer realistisch bleibt; niemand wird das Kino ohne das Gewissen verlassen, dass das Leben eigentlich ziemlich schön ist.

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