„Je überzeugter man eine Sache herangeht, desto weniger lässt man an sich heran"; so lautet ein sinngemäßes Zitat aus „Lost in Translation“. Die Bedeutung solcher Spruch- und Lebensweisheiten tangiert oftmals die Wahrhaftigkeit bzw. das Leben. Eine derartige Nähe an der Realität, ist dem Film generell zu attestieren.
Die von Sofia Coppola generierte Story, erscheint weder kitschig oder übertrieben, sondern überzeugt durch die Nähe an der Wirklichkeit. Der Plot bewegt sich im Rahmen des Genre Mix Drama, Komödie und Romantik, wobei der Umgang mit verschiedenen Formen von Komik subtil ist, so dass sie eine unterstützende Wirkung auf ironische Elemente hat, aber nie die Seriosität diskreditiert.
Die Basis der Geschichte bildet die Verbindung zweier Personen, nämlich zwischen dem alternden Schauspieler Bob Harris, dessen Reputation schwindet und der deshalb, anstatt seine künstlerischen Ambitionen auszuleben, einen Whiskey-Werbespot für 2 Millionen US-Dollar in Tokio dreht sowie der jungen Charlotte, welche gerade ihr Studium der Philosophie beendete und ihren Mann, der als Fotograf fungiert, begleitet.
Die Probleme beider Protagonisten sind von gleicher Natur. Die größte Sorge von Bobs Frau stellt nicht das Wohlbefinden ihres Lebensgefährten dar, sondern Die Farbe des neuen Teppichbodens, während Charlottes Ehepartner durch ständige Abwesenheit glänzt. Kurzum, beide distanzieren sich immer mehr von ihren Partnern, was beide unzufrieden stimmt und letztendlich in eine Identitätskrise mündet. Darüber hinaus konsterniert die monströse Metropole Tokio sowie die japanische Kultur beide Protagonisten im gleichen Maße.
Doch geteiltes Leid verbindet und langsam kommen sich Charlotte und Bob näher, was darin endet, dass beide gemeinsam um die Häuser ziehen und das Nachtleben Tokios genießen.
Verfeinert wird das Gesamtwerk durch perfekt inszenierte Charaktere. Bill Murray (Bob) und Scarlett Johansson (Charlotte) verkörpern ihre Rollen in einer solch überzeugenden Art und Weise, dass beiden Schauspielern große Ehre gebührt. Jede Mimik und Gestik wirkt adäquat und nie affektiert. Johansson brilliert als einsame, nach der Lebensphilosophie suchende, junge Frau.
Geradezu erschreckend wirkt die Erkenntnis, dass Murray den Charakter Bill Harris nicht nur spielt, sondern faktisch ist. Dies gelingt ihm, ohne dabei auch nur einen Moment in seine gewöhnliche Rolle als impertinente, infantile Frohnatur abzudriften.
Die Beziehung zwischen beiden Hauptpersonen basiert auf gemeinsames Leid und entwickelt sich zu einer tiefen, inneren Liebe, wobei diese Tatsache von primärer Bedeutung ist und mal abgesehen vom Showdown, immer auf einer platonischen Ebene offenbart wird. Wie ausgeprägt die Verbundenheit jedoch ist, wird durch die Enttäuschung seitens Charlotte deutlich, als Bob unglücklicherweise in einen One-Night-Stand gerät.
Eine Beschreibung der Atmosphäre gestaltet sich diffizil, weil diese ein grotesk, konträres Zwischenspiel aus Melancholie und Unbeschwertheit vermittelt.
Des Weiteren werden herrliche Bilder gezeigt, welche oftmals die Wahrnehmung hinsichtlich der Situationen, in denen sich die Protagonisten befinden, verstärken.
Ferner mögen diverse Szenen auf den Zuschauer langatmig bzw. langsam fortschreitend wirken, was jedoch eine Begleiterscheinung und pure Absicht von Coppola ist, um die Verfassung der Charaktere noch präziser zu beschreiben.
Ein weiterer positiver, fast schon individueller Aspekt ist, dass der Betrachter von Coppola förmlich involviert wird. So wirken viele Cuts unkonventionell, weshalb aber dadurch dem Zuseher die Möglichkeit eröffnet wird, Szenen selbst abzurunden.
Die Anteilnahme am Geschehen gipfelt letztendlich gegen Ende, als Bob Charlotte einen Satz ins Ohr flüstert und dieser nicht verständlich ist. Auch wenn Charlotte nach diesen Worten lächelte, kann man das Gesagte nur erahnen, aber die Message des Films bleibt jedem einzelnen selbst überlassen und universell.
„Lost in Translation“ ist Realismus pur, so traurig und schön wie das Leben und zugleich eine Beruhigung für uns alle, da wir sicher sein können, dass immer jemand existiert, der das eigene Leid teilt und versteht. Großartiges, emotionales, Kino, jenseits von Kitsch und Klischees. (8,5/10)