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Wer hat sie nicht schon mal erlebt, diese kleinen Zufallsbekanntschaften, die hier und da etwas Abwechslung in unser Leben bringen. Die meisten davon vergisst man schnell wieder, doch einige wenige bleiben uns unser ganzes Leben in guter Erinnerung. In "Lost in Translation" geht es um eine Begegnung letzterer Art.
Bob`s und Charlotte`s Leben trennen eigentlich Welten: Er ein alterner Schauspieler,der für 2 Mio. Dollar Whiskywerbespots dreht und eigentlich lieber Theater spielen würde, seit 25 Jahren verheiratet, 2 Kinder, kurzum: Ein Mann, dessen Leben in geregelten Bahnen verläuft und keine Überraschungen mehr bietet; sie eine jung-verheiratete Philosophie-Absolventin, die mit ihrem Leben allerdings noch nicht viel anzufangen weiß.
Trotz dieser beiden unterschiedlichen Ausgangspositionen sind die offensichtlichen Gemeinsamkeiten für den Zuschauer schnell ersichtlich: Beide befinden sich in einem seelischen Dilemma, sprich: orientierungslos, einsam... zeitweise einfach nur traurig und ihre jeweiligen Lebenspartner können ihnen nicht die Zuwendung geben, die sie in dieser Phase ihres Lebens brauchen. Im Laufe der wenigen Stunden, die sie gemeinsam verbringen, finden sie genau jene Geborgenheit, die sie lange gesucht haben, eine Abwechslung, ein kleiner Urlaub vom Gewöhnlichen. Aber eben nur ein Urlaub. Letzten Endes geht jeder seinen eigenen Weg weiter wie zuvor, doch mit dem guten Gefühl, dass das Leben doch mehr zu bieten hat, als es manchmal scheint.
Angesiedelt ist dieser Plot in der Weltmetropole Tokio, ein Ort, der uns Abendländern mit seinen bisweilen kuriosen oder sogar absurden kulturellen Gepflogenheiten schlichtweg andersartig erscheint. Allein in einem fremden Land bei fremden Leuten, die eine fremde Sprache sprechen, bei der jede Äußerung eine Beleidigung sein könnte, die man nur nicht versteht. Ein nahezu perfektes Sinnbild also für die innere Orientierungslosigkeit der Protagonisten und das fehlende Verständnis für die Menschen um sie herum, seien es Japaner oder sinnlos vor sich hin tratschende Hollywoodstars.
Sofia Coppola schuf mit dieser Sammlung von Momentaufnahmen ein kleines Meisterwerk! Selten wurden Schauspieler (beide überragend: Bill Murray und Scarlett Johannsson) besser in Szene gesetzt, waren sekundenlange, stumme Kameramotive so schön fotografiert und verrieten gleichzeitig mehr über den seelischen Zustand eines Charakters als minutenlange Dia- oder Monologe. Wie wohl sich der eine in der Nähe des anderen fühlt ist für den Zuschauer in jeder einzelnen Szene der beiden nachvollziehbar, angefangen beim ersten flüchtigen Blick im Fahrstuhl, bis hin zu einer der wunderbarsten Abschiedsszenen der Kinogeschichte. Die Darstellung ihres "normalen" Lebens(die Faxe und Telefonate mit Bob`s Frau bzw. die sehr kurzen Dialoge zwischen Charlotte und ihrem Mann) bleibt zwar eher oberflächlich, ist aber auch nicht wichtig (s.o.). Für den humoristischen Anteil des Films sorgen einige Szenen, in denen das oben erwähnte kulturelle Aufeinandertreffen herrlich situationskomisch, aber auch ohne den Tenor des Films aus den Augen zu verlieren, dargestellt ist, besonders die Szenen mit dem Regisseur und dem Fotografen.
Insgesamt ist "Lost in Translation" in meinen Augen der beste Kinofilm des Jahres 2003, und seit langem. Er wird wahrscheinlich nicht jeden Zuschauer erreichen, aber denjenigen, bei denen dies gelingt, sei gesagt: Diesen Film werdet ihr in guter Erinnerung behalten.
10/10

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