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Tokio. Weltmetropole. Ein buntes Labyrinth aus Wolkenkratzern, eine hochtechnisierte Kultur - so faszinierend, schön und fremdartig zugleich. Für Amerikaner wie Bob Harris und Charlotte eindeutig eine Überforderung. Aber geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid - und zusammen wird man den vorübergehenden Aufenthalt in der fremden Großstadt schon bewältigen.

Und dies beschreibt die Geschichte von "Lost in Translation". Es geht um die Bewältigung von Einsamkeit in einer fremden Welt. Denn genau dies fühlen Bob und Charlotte in Japan. Die beiden könnten eigentlich kaum gegensätzlicher sein. Bob ist Schauspieler. Sein Beruf ist es auch, der ihn nach Tokio führte. Ein zwei Millionen Dollar Werbespot für Whiskey ist Grund dafür, dass er wieder einmal von seiner Familie getrennt ist. Dabei ist Tokio für ihn nur eine Etappe im Prozess der Entfremdung von seiner Frau. Die Telefongespräche zeugen nicht gerade von einer gesunden, liebeerfüllten Kommunikation zwischen Mann und Frau. Allein die Tatsache, dass uns Bobs Ehefrau lediglich übers Telefon, also nur durch ihre Stimme, vorgestellt wird, erweckt den Eindruck einer gesichtslosen, farblosen, mittlerweile nur noch rein funktionalistischen Ehe.

Ein näherer Blick auf Charlotte nun offenbart eine junge, fragile Persönlichkeit, die ihr Philosophiestudium zwar erfolgreich abgeschlossen hat, aber dennoch noch nicht weiß, wohin ihre Zukunft sie führen wird. Sie ist bereits verheiratet, doch ihr Verhältnis zu ihrem Ehemann und viel beschäftigten Starfotographen John ist unterkühlt. Charlotte spürt nicht die Zuneigung, die sie zum glücklichen Leben benötigt. Die beste Voraussetzung für Sofia Coppola, sie mit Bob in langsamen Schritten zusammenzuführen. Die Situation der beiden, das Vegetieren in einer fremden Metropole, verbindet sie. Gemeinsam trauen sie sich raus aus ihrem Zufluchtsort, raus aus ihrem vor der fremden Zivilisation schützenden Hotel.

Sie ziehen durch das schrille Nachtleben Tokios und haben Spaß, den sie ohne den jeweils anderen nicht gehabt hätten. Ihre Beziehung ist augenscheinlich zunächst rein symbiotisch und platonisch. Doch mit der Zeit entwirft Sofia Coppola ein Bild der unausgesprochenen, schüchternen Liebe. Es kommt zu keinen leidenschaftlichen Küssen oder Bettszenen, obwohl ihre Gefühle für sich sprechen - das macht "Lost in Translation" zweifelsfrei zu etwas Besonderem.

Überhaupt lebt der Film von seinen zwei entzückenden Charakteren. Zwar arbeitet die Kamera routiniert klassisch und ist verantwortlich für wunderschöne Panoramen der modernen, unüberschaubaren Großstadt, doch getragen wird das Werk einzig und allein von Bob und Charlotte. Bill Murray spielt eine seiner größten Rollen und lockert die Stimmung mit seinem feinen, charmanten, unvergleichlichen Humor immer wieder auf. Scarlett Johansson dagegen zierlich und zerbrechlich - und auf ihre Weise zauberhaft. So fällt es eigentlich kaum ins Gewicht, dass Sofia Coppolas Film in seiner Handlung nicht sehr breit angelegt ist, sondern lediglich kleine, unscheinbare, aber doch so große Momente im Leben von Bob und Charlotte festhält.

Bei diesem kurzen Tokio-Aufenthalt ernährt sich die Seele des einen von der Seele des anderen. Der Schluss bricht dort ab, wo andere Filme erst richtig beginnen. Und so trennen sich die Wege von Charlotte und Bob wieder, ob für die Ewigkeit? - das bleibt ungewiss. Gewiss ist nur, dass man mit "Lost in Translation" einen entspannenden, realistischen und doch irgendwie verträumten Film gesehen hat. (8+/10)

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