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Dass ein weltumfassender Erfolg wie Top Gun: Maverick nicht ohne Beachtung und nicht ohne Interesse auch in anderen politischen und filmischen Großmächten wie der Volksrepublik China oder Indien stoßen dürfte, ist nicht verwunderlich und nur eine Frage der Zeit, wann diese mit entsprechenden Exemplaren nachgezogen oder dies zumindest versucht haben. Die VRC, die zugegebenermaßen bereits Jahre zuvor den damals eher übersehenen Sky Fighter (2017) auf den Markt gebracht haben, haben relativ zeitnah, da bereits in Vorbereitung mit Born to Fly (2023) ihr landeseigenes Hab und Gut auf die Leinwand gebracht, das zweite Land hat Operation Valentine und eben Fighter produziert und veröffentlicht. Hier wie dort ein Hohelied des cineastisch auch florierenden Geschäftes und dies mit als Unterstützung der Vorgaben des Staates, durchaus mit als Propaganda und der Motivation des Volkes, aber eben auch offensiv als Unterhaltungsbusiness zu sehen. Beide Länder haben Erfahrung und Übung mit militärisch angehauchten Großprojekten (auf Uri - Lethal Strike wird hier oft verwiesen, sowie auf reale Ereignisse wie die Pulwama Attacke und den Balakot Airstrike) und beide haben auch das Geld für die Umsetzung und die Kreativen:

Eine von Jammu und Kashmir aus arbeitende Terroristengruppierung unter Führung von Azhar Akhtar [ Rishab Sawhney ] plant, speziell die Srinagar Air Force Station der Indian Air Force zu attackieren; die dort stationierte Führung bekommt durch RAW Agent Zarina Begum [ Chanra Shekhar Dutta ] davon Information und stellt einen Gegenkurs, die Bildung eines Teams namens 'Air Dragons' unter Captain Rakesh 'Rocky' Jai Singh [ Anil Kapoor ] auf. Zu den geplanten Mitgliedern gehören neben dem als zuweilen rücksichtslosen Individualisten geltenden Shamsher 'Patty' Pathania [ Hrithik Roshan ], Sartaj 'Taj' Gill [ Karan Singh Grover ], Basheer ' Bash' Khan [ Akshay Oberoi ] auch die Hubschrauberpiloten Sukhdeep 'Sukhi' Singh [ Baveen Singh ] und Minal 'Minna' Rathore [ Deepika Padukone ], die einzige Frau im Team.

In was Indien auch ganz groß ist, ist die Ausdehnung der Laufzeit, werden hier ganze 165min für die Geschichte veranschlagt, dieser Rahmen dann mit allerlei Aktivitäten wie dem Zieren und dem Bezirzen, dem Singen und dem Tanzen und dem Flirten gefüllt, dem Umwerben des Publikums mehrerlei Geschlechtes, jeder nach seiner Fasson quasi umspielt. 'Redefining Indian Cinema' wird sich hier auf die Stirn geschrieben, mit breiter Brust vorangegangen, nach dem Disclaimer, der alles von vornherein als Fiktion erklärt und sich von allem Bedenklichen freispricht. Als Tribut wird der Film selber angegangen und auch so ausgedrückt, past and present, "unparalleled courage and unwavering commitment", die Messlatte entsprechend hoch, darunter geht es nicht. Vom Verteidigungsministerium unterstützt und gefördert, das war bei dem Kollegen aus Hollywood genauso, zwei Rädchen, die ineinander greifen, Kino als Symbol auch, als Kampagne, als Indoktrination, als mediale Präsenz und als Wirkung in den Köpfen. Mit Danksagungen wird begonnen, es dauert eine Weile, bis es anfängt, dann kommt erst das Popcorn. Ein Feindbild braucht man auch, einen Gegner, das ist landestypisch Pakistan, dahingehend versteckt man sich nicht, man denkt sich keine Fantasiestaaten aus, man geht direkt und in die Offensive. Das Böse wird gezeichnet und überzeichnet, reale Ereignisse erwähnt und Nachrichtenbilder mit als Verstärkung und Verstörung genutzt, ein simples, dennoch effektives Mittel der Manipulation. Die Geschichte beginnt ein Jahr eher, die Drohung wird ausgesprochen, der Terrorismus ist am Blühen. Schauspiel und Dialog sind nicht so wichtig, wichtig ist die Präsentation, die Montage, das Zusammenspiel von Bildern und Ton, die Inszenierung des Ganzen, die visuellen Ausrufezeichen, dahingehend ist man nicht zaghaft und nicht zögerlich. Optisch herrscht das Angebertum vor, das Posing, der Heroe ist schon eine lebende Legende und wird auch so eingeführt, verbal erst und dann als Beweis in der Präsentierung, der indische Maverick.

Sonnendurchflutet die Eindrücke, trotz der winterlichen Temperaturen, majestätische Panoramen, zuweilen schneebedeckte Natur, davor die Soldaten, manche strammer im Körperbau, die anderen mit bewundernden Blicken, mit fast Verliebtheit in den Augen, von Mann zu Mann auch, vom Untergebenen oder Kameraden zum Vorgesetzten und Partner, zum Genossen im Streitkampf und im Messen mit dem Gegner. Der Film ist auch so lang aufgrund der vielen Spielereien mit Zeitlupen, aus vielerlei Perspektiven, werden die Momente umschmeichelt, die einzelnen Bewegungen. "Arrogant" sehen das Manche, "Confident" die Anderen, der Film gibt sich breitschultrig, gestählt und imposant, er nutzt einen leichten Grünton als vorstechende Farbe, er nutzt seine Stars, ihre Berühmtheit und die Verehrung, er baut sich seinen eigenen Schrein, erst das Briefing, dann die Umsetzung. "Practice, practice, and more practice" ist hier das Leitmotiv und narrative Motto, demnach ein Trainingsfilm, viel Trockenübung, später der Ernstfall, erst die Theorie, dann die Anwendung. Eingangs wird das auch mit leichtem Humor unter spielt, mit einigen komödiantischen Anekdoten, viel Vertrautheit im Team, welches zuweilen neu ist und teilweise aus alten Bekannten versteht, was sehr gut im 'bonding' zueinander ist und dies auch eine der Maßgabe des Trainers, die Zusammenarbeit von Teamplayern ist. Manches sieht dabei aus wie Werbung, anderes wieder wie ein Musikclip, wie ein Trailer auch, viel ist gerade zu Beginn ein Appetizer, erst wird mit Worten versprochen, dann die Beweisführung. Es geht subtiler voran als bspw. Pathaan oder Jawan, die letzten (wesentlich erfolgreicheren) Arbeiten von Shah Rukh Khan, es erinnert eingangs eher ein wenig an War; auch für westliche Zuschauer tolerabler, da nicht zu plakativ, nicht zu überzogen, und vor allem ist es tricktechnisch überzeugender, die Effektszenen sich eingliedernd in das Drumherum. Muskeln werden gezeigt und auch ein wenig Dekolleté, der Rest ist Lächeln, die beiden Hauptdarsteller als Schönheitssymbole des Landes, als Schwerpunkte der heimischen Filmlandschaft, jeder für sich.

Viele Föhnfrisuren, einige durchaus beeindruckende Luftaufnahmen und etwas Trauma - was gleich mehrfach zur Sprache kommt - und Fahnenschwingen später hat man sich mit den Begebenheiten arrangiert, die Handlung ist weitgehend konventionell, sie ist allgemein verständlich, das Vorgehen ist im Grunde fast langweilig zu nennen, ein todsicheres Spektakel, nach allen Seiten hin abgesichert. Es wird ein bisschen moralisiert und dramatisiert, es wird das Offensichtliche geboten, die erste Zeit sind auch viele urlaubsreife Einstellungen inkludiert, es wirkt ab und an wie ein Klassenausflug mit etwas Ausbildung, ein stetes freundschaftliches Beisammensein. Es wird sinniert und applaudiert und salutiert, es werden Gedichte über die Liebe zum Vaterland (oder Mutterland) rezitiert, ein langes Vorspiel, was keine Dringlichkeit besitzt und außer ein, zwei Momenten auch keine (An)Spannung; das einheimische Publikum hat sich nicht daran gestört, es hat diese teure 'Staycation' mitgetragen und honoriert. Die zwischendurch dargereichten Musikeinspielungen sind angesichts des Themas eher Traumsequenzen, sie spielen ganz woanders und wann anders, sie sind nicht in die Geschichte direkt, es sei denn in den Romanzenplot involviert, sie setzen sehr auf Körperbetontheit und Körperbewusstsein, vergleichsweise viel nackte Haut also, luftige Kleidung, ein Umschwärmen des Anderen, ein sich selber Offenbaren und Zelebrieren. Dann nach ca. einer Stunde ein Bombenattentat, und die Antwort, Auge um Auge, Zahn um Zahn, ein explosiver Vergeltungsschlag, was wiederum Rache auslöst, erste Gefecht, dann der Vollzug eines Luftkrieges; erst der Hochmut, dann werden (eine ganze Weile, bis zum finalen Bodenkampf in der Terroristenhochburg) die Flügel gestutzt. Technisch großteils ohne Fehl und Tadel, materiell aber ausgedehnt wie eine Miniserie, viel Wiederholung, viel Hinauszögern, Ablenkungen, Untätigkeiten und Unwichtigkeiten, langgezogen wie ein Gummiband und pathetisch und auch ideologisch bis zum Anschlag. Das funktioniert so nicht als Drama, und als Actionfilm bis zum halbstündigen Showdown (der imponierend anfängt, aber dann zum albernen Superheldenmanöver wird) selber auch nicht.

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