Review

29.10.2003

Kill Bill Vol. 1:

Sechs Jahre nach dem 3. nun der 4. Film Tarantinos und das in 2 Teilen (die Fortsetzung im Februar 04). Ich war begierig und dennoch oberskeptisch. Nach dem Flop des 3. Mariatschi-Films von Rodriguez (Once upon a time in Mexico) und einem wenig versprechenden Trailer von Kill Bill Vol. 1 habe ich eigentlich eine Enttäuschung erwartet und bekam den besten Film seit 5 Jahren zu sehen, besser als Gangs of New York, besser als Femme fatale, besser als Matrix reloaded, besser als alles seit Truth or consequences von 1998!!! Nach dem ersten Mal dachte ich nur immer wieder nur:
DAS HÄTTE ICH TARANTINO NICHT MEHR ZUGETRAUT!!!
Um gleich die Hausnummer klar darzustellen, nachdem ich das Werk 2mal gesehen habe (kommenden Samstag sehe ich ihn zum 3. Mal) bin ich der Meinung ("Meinungen sind wie Arschlöcher, jeder hat eines" Harry Callahan in Dirty Harry 5) dass Kill Bill Vol. 1 der beste Tarantino nach Reservoir dogs ist.
Kill Bill ist ein Martial-Arts-Rachefilm mit denkbar simpler Handlung. Diese wird etwas verschachtelt erzählt um sie interessanter zu gestalten, dennoch bleibt alles übersichtlich, Pulp Fiction war handlungsmäßig komplexer. Des weiteren muss man auf die üblichen brillanten, teils aber ins geschwätzige lappenden (Jackie Brown) Dialoge Tarantinos verzichten, das war von ihm beabsichtigt und wird erwartetermaßen von vielen europäischen Kritikern bemängelt, Kill Bill ist ein Actionfilm, aber ein Actionfilm für Cineasten. Kill Bill ist eine Auseinandersetzung mit dem asiatischen Kino und das auf einem Niveau wie das meines Wissens noch nie ein westlicher Film geschafft hat! Das zeigt gleich ein Problem: Ohne gerüttelte Kenntnisse über das japanische bzw. das (hongkong)chinesische Kino sollte man den Film besser gar nicht sehen. Dies wird natürlich nicht beachtet von Kritik und Publico und so kann man dieser Tage in den Zeitungen reichlich unsinniges Gestammel und in den Kinos und öffentlichen Verkehrmittel viel verwirrtes, überfordertes Volk erleben.
Der Film ist von einer gerüttelten Härte (FSK ohne Jugendfreigabe [wie das inzwischen heißt]), er ist sicher der härteste A-Film seit Jahren. Auch das hätte ich ihm nicht mehr zugetraut.
Wenn das Wort Postmoderne im Film je Sinn gemacht hat dann bei diesem Film. In der hiesigen Kritik sah man in Tarantino immer den postmodernen Regisseur, ich konnte das nie wirklich nachvollziehen, bis auf einen leichten Einschlag in Pulp fiction sah ich da wenig Postmodernes - für Kill Bill hätte man den Begriff erfinden können.
Der Film hat das was dem Neuen Rodriguez fehlt und was fast allen Filmen der letzten Jahre fehlt, er hat den Mut zu wirklich großem Kino! Tarantino hat ein monumentales Rache-Epos geschaffen, hat viel riskiert, sich verdammt weit aus dem Fester gelehnt und er hat gewonnen. Wenn man die aktuelle Filmproduktion der letzten Jahre mit den großen Filmen Leones oder Peckinpahs vergleicht ist immer dieses das Problem. Da gibt es viele nette, gelungene Filme, aber der große Wurf war nie dabei (wie oft habe ich das die letzten Jahre geschrieben hier oder gedacht als ich das Kino verlassen habe - und was habe ich die letzten Jahre nicht alles gesehen). Kill Bill Vol. 1 hat den Mut zur Größe, zur Überwältigung des Zuschauers, zum Werk.
Trotz der simplen Handlung ist Kill Bill ein abwechslungsreicher Film der den Zuschauer durchgehend gefangen nimmt, die Zeit wie im Flug vergehen lässt, was mir auch Freunde bestätig haben. Dazu verzichtet er auf diverse Unsitten aktueller Hollywood-Blockbuster, er läst keine unmotivierten, hysterischen Schnittorgien auf den Zuschauer niederprasseln, was doch in der Regel nur ein Aufbauschen mieser Drehbücher ist und den Zuschauer gestresst und erinnerungslos zurücklässt (Bruckheimer), Kill Bill ist eher langsam geschnitten, erzählt trotz aller Action entspannt ohne allerdings im geringsten zu langweilen (Jackie Brown). Dazu verzichtet er gänzlich auf Computeranimationen (CGI) und wirkt obwohl er bewusst völlig unrealistisch ist trotzdem nie künstlich wie diverse aktuelle Blockbuster. Sämtliche Action wurde mit konventionellen Stunts gedreht und von chinesischen Spezialisten umgesetzt.
Der erste Teil war nun der Japan-Teil, der zweite wird logischerweise der China-Teil. Im Japanteil gab es die Verbeugung vor Sonny Chiba (remember: "The streetfighter, The return of the streetfighter und The sister of the streetfighter") dem japanischen Karatemeister der 70er und 80er Jahre. Dazu gibt es auch diverse Anspielungen auf aktuelles japanisches Kino wie Takeshi Miike und Battle royale, Tarantino setzt auch Schauspieler aus diesen aktuellen japanischen Produktionen ein. Des weiteren, und das dürfte v.a. auf dem amerikanischen Markt kein kleines Problem sein, sind mindestens die Hälfte der Dialoge auf Japanisch mit Untertiteln. Das hat es in einem westlichen Film auch noch nie gegeben!
Dies bringt mich zum abschließenden Punkt. Die unwissende europäische Kritik hat dem Film vorgeworfen er würde ein oberflächliches Bild des japanischen Kinos zeigen a la Mozarts Orientbild in der Entführung. Was für eine Frechheit, wenn europäische Filmkritiker die offensichtlich von asiatischer Filmkunst null Ahnung haben, einem solchen Film Oberflächlichkeit vorwerfen! En real wird hier alles andere als eine folkloristische Exotikreveau abgezogen. Der Kenner sieht, dass sich Tarantino sehr genau mit dem japanischen Kino beschäftigt hat, sich z.B. mit dem typisch asiatischen Humor auseinandergesetzt hat (Schlussduell Thurman - Liu) und hier mehr verstanden hat als jemals ein westlicher Regisseur vor ihm. Überhaupt ist Kill Bill für mich ein Dokument der Völkerverständigung! Bisher waren es hauptsächlich die Asiaten die auf die westliche Kultur zugingen (Wong Kar Wai, Woo/Lam, Takeshi Kitano) Tarantino ist der erste der es umgekehrt versucht (Ridley Scotts von mir sehr geschätzter Black rain geht nicht die halbe Strecke Tarantinos, ihm könnte man eher Exotismus vorwerfen). Es bleibt abzuwarten wie das Werk in Asien ankommt. Im Übrigen soll die japanische (asiatische?) Version länger, härter sein als die in der restlichen Welt gezeigte. Ich werde mir den Film im Winter in Thailand kaufen, wo es hoffentlich die längere Version gibt.

At all: Bester Film seit Jahren, eigentlich sollte man sich überhaupt nur Filme von diesem Niveau kaufen!!!

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