Originelle Dialoge und durch Alltäglichkeit geschaffener Realismus - das waren die Grundpfeiler, auf denen Quentin Tarantinos 3 erste Filmeperlen “Reservoir Dogs” (1992), “Pulp Fiction” (1994) und “Jackie Brown” (1997) aufbauten. Mit “Kill Bill Vol. 1” betrat der Kultregisseur Neuland - geht es hier doch völlig überspitzt sowie sehr actiongeladen zur Sache. Doch auch dieser Ton liegt Tarantino; seine extrem brutale Rachegeschichte ist eine überaus stilvolle Sinfonie der Gewalt, geschrieben mit Blut.
Die “Tödliche Viper” - so nennt sich ein Attentatskommando, welches von Bill (David Carradine) angeführt wird. “Black Mamba” (Uma Thurman) war einst Mitglied in dieser Truppe, entschied sich aufgrund ihrer Schwangerschaft jedoch auszusteigen und ein neues Leben zu beginnen. Bill möchte dies nicht akzeptieren und stürmt die Hochzeitsprobe der ehemaligen Killerin - wo er zusammen mit seinen Komplizen ein Blutbad anrichtet, dem keiner der Anwesenden entkommen kann. Lediglich die Braut schafft es überraschenderweise das Massaker zu überleben. Nach einem vierjährigen Koma erwacht sie schließlich wieder und schwört blutige Rache. Ihr erstes Ziel ist O-Ren Ishii (Lucy Lui), früher ein Teil der “Tödlichen Viper” und heute Yakuza-Vorsitzende in Tokio. Damit der Rachefeldzug erfolgreich sein kann, ist jedoch zu allererst eine angemessene Waffe erforderlich…
Selbst wenn man die zahlreichen Vorbilder und somit auch die Zitate an Streifen der östlichen Filmwelt nicht erkennt, erweist sich Tarantinos Racheballade als mit überragendem Stil inszeniertes Actionspektakel. Der Regisseur erschafft Kompositionen, die einen perfekten Einklang von Bild und Ton darstellen. Auf visueller Ebene sorgen interessante Kamerafahrten, verschiedene Farbfilter und -kombinationen sowie knallige Kostüme für Abwechslung. Die Kampfchoreographien sind ausgefeilt und spektakulär anzusehen, bleiben dabei dennoch stets übersichtlich. Mit Gewalt wird während der Actionszenen nicht gegeizt - Körperteile fliegen in Massen durchs Bild und werden bezüglich der Quantität wohl nur von mehreren Litern Kunstblut übertroffen. Diese roten Fontänen wirken comichaft überzogen und verleihen dem brutalen Treiben somit einen ganz besonderen Charme.
Diese brillante Optik wird durch einen wunderbaren Soundtrack unterstützt, den Tarantino abermals aus verschiedenen Filmen zusammengeklaut hat - Neukompositionen sind keine zu hören. Das stört jedoch keineswegs, da der Regisseur mal wieder ein perfektes Händchen bei seiner Zusammenstellung bewiesen hat. Ob nun treibende Musik während der Kämpfe, dramatische Klänge bei Familienhinrichtungen oder erhabene Laute bei feierlichen Schwertübergaben - hier passt jede Songwahl. Als besonderes inszenatorisches Highlight bezüglich des Zusammenspiels von Bild und Ton muss der dritte Akt hervorgehoben werden, der die Vorgeschichte von O-Ren erzählt. Dieser Abschnitt wird im Stile eines übertrieben brutalen Animes dargestellt und mit den Klängen eines klassischen Westerns unterlegt - ganz großes Kino!
Darstellertechnisch gehört der Film natürlich Uma Thurman, welche als rachsüchtige Braut die richtige Mixtur aus grimmiger Entschlossenheit und der nötigen Coolness vermittelt. Die Rollen der Antagonisten sind ebenfalls gut besetzt: Neben Lucy Liu, welche eine bedrohliche Ruhe ausstrahlt, sollte noch der kurze Auftritt von Chiaki Kuriyama erwähnt werden, die mit ihrer wahnsinnigen Gogo den Gegenpol zu O-Ren darstellt. Der Clou, dass man David Carradine nicht einmal als Bill vollständig sieht, hilft dabei, ein mystisches Bild der scheinbar überlebensgroßen Figur zu zeichnen. Dieser Fakt dient zusammen mit dem Cliffhanger zum Schluss als perfekter Spannungsmacher für den zweiten Teil, welcher jedoch nicht an die Klasse von Volume 1 heranreicht.
Fazit: Tarantinos eigene Version eines Eastern-Streifens präsentiert sich als überzogene Gewaltballade, bei der Optik wie auch Akustik von bestechender Qualität sind. Der stilvolle Rachefeldzug hat mit Uma Thurman eine tolle Hauptdarstellerin, die genügend Charisma und Coolness mitbringt. Auch abseits des typischen Tarantino-Gangster-Stils überzeugt der Regisseur somit vollends: Bei bis dahin 4 Regiearbeiten waren also 4 Volltreffer zu verbuchen - eine starke Leistung!
10/10