"In the year 2003, Uma Thurman will kill Bill" - so wurde "Kill Bill", das vierte, lang erwartete Werk des Hollywoodwunderkindes Quentin Tarantino beworben. Nun, den titelgebenden Bill sehen wir in dem vorliegenden Werk nicht einmal ins Gesicht, lediglich seine Hände hält Bill-Darsteller David Carradine in die Kamera. Warum? Weil Tarantino es in der Tat geschafft hat, einen Grindhouse-Film mit 200 Minuten Lauflänge abzukurbeln. Das hat den Verleihern, also den Weinstein-Brüdern nicht gepasst, und deshalb kommt "Kill Bill" zweigeteilt in die Kinos. Und: Um es vorweg zu nehmen - "Vol. 1" macht definitiv Lust auf mehr, respektive "Vol. 2".
Bill, die Figur, die kaum Leinwandzeit hat, ist es also, der sich gleich in der schwarzweißen Eingangssequenz als Oberarschloch vorstellen kann. Er streift mit einem Luxustaschentuch über die blutigen, mit Rissen übersäten Wangen von Uma Thurman, die zerschunden am Boden liegt, und erklärt ihr, dass nicht nur ein Sadist in ihm steckt, sondern passenderweise auch ein Masochist. Bill hält ihr eine Kanone an die Schläfe - im selben Moment, wie die Worte "Bill, das Baby ist deins" ihren vernarbten Mund verlassen, drückt er ab. Doch das ist keinesfalls das Ende für die Uma-Thurman-Figur, sondern der Anfang für einen Rache-Exploiter, wie man ihn selten in den Kinos gesehen hat. Thurman spielt eine namenlose Ex-Killerin (ihr Name wird im Laufe des Films über-"beept", beziehungsweise wird sie nur noch "Die Braut" genannt), die auf ihrer Hochzeit von ihrem Boss Bill und vier Ex-Kollegen niedergeschossen wird. Nach vier Jahren komatösen Zustands, wacht sie wieder auf, und hat nur eins im Sinn: Rache.
Alle Tarantino-Jünger seien gewarnt: "Kill Bill Vol. 1" ist keineswegs ein dialoglastiger Gangsterstreifen, so wie es seine Vorgänger waren. Auch findet man nicht jene reife Gelassenheit aus "Jackie Brown" wieder. Bestenfalls der permanente Informationspegel durch Zwischentitel, Kapiteleinblendung und erklärenden Ortsbezeichnungen erinnern in ihrer Gestaltung an "Pulp Fiction". Und natürlich die zwanghaft zersplittete Erzählweise, die auch diesmal keiner klaren chronologischen Linie folgt. Ebenso haben wir wieder Tarantino-typische Elemente, so sehen wir in Tokyo ein Plakat der fiktiven "Red Apple"-Zigarettenmarke, und auch der obligatorische Kofferraum-Shot bleibt nicht aus.
Was "Kill Bill" allerdings hier auszeichnet, ist die visuelle Wucht. Tarantino hat anscheinend genug Klassiker des Hongkong- und des Japan-Kinos gesehen, und weiß gut, seine "Inspirationen" visuell zu verteilen. Allein wenn der Titel nach dem Miramax Logo augenzwinkernd ein Filmvergnügen in "Shaw Scope" mit prächtigem "Shaw Brothers"-Logo verspricht, geht das Herz eines jeden Easternfans auf. Visuell bedient sich Tarantino an einer Masse von Filmen unterschiedlichster Herkunft, unterschiedlichsten Jahrgangs. So merkt man bei dem Duell zwischen "Der Braut" (Uma Thurman) und O-Ren Ishii (Lucy Liu) im verschneiten Hinterhof eindeutig die Referenzen an Toshiya Fujitas Samuraiklassiker "Lady Snowblood". Aber auch dem neueren japanischen Kino wird Tribut gezollt: Wenn Chiaki Kuriyama mittels ihres Schulmädchenanzuges ihre Rolle aus "Battle Royale" wiederholt, oder wenn die Thurman wie im Schattenspiel hinter japanischen Wänden kämpft, wie in "Samurai Fiction", dann beweist Tarantino, dass er immer noch im japanischen Kino zu Hause ist.
Aber auch das amerikanische Grindhouse-Kino der 70er wird nachgeahmt. Bei der ersten Klopperei in "Kill Bill" zwischen Thurman und Vivicia A. Fox merkt man dies sehr deutlich: Zooms, Überblendungen, Reißschwenks, all jene Sachen, die die Action möglichst dynamisch aussehen lassen. In den ruhigeren Szenen dominiert dann pure, visuelle Schönheit - nicht verwunderlich: Tarantino engagierte Kameramann Robert Richardson, der zuvor bereits Scorseses "Casino" und Stones "Natural Born Killers" veredelte.
Musikalisch wiederum gibt's einen bunten Mix. Neben der Originalmusik von RZA ("Ghost Dog") gibt es unzählige musikalische Anspielungen. Daryl Hannah pfeift zu Anfang etwa die Bernard Herrmanns Melodie aus "Teufelkreis Y", in der Szene, in der Uma Thurman von der Mannigfaltigkeit Sonny Chibas Schwertersammlung überwältigt ist, hören wir einen Song aus Shunji Iwais "All about Lily Chou Chou", zwischendurch kommen uns immer wieder klassische Filmmusikkompositionen von Al Hirt, Quincy Jones und Luis Bacalov zu Ohren. Meist bewirkt die hitzige, an Morricone erinnernde Instrumentierung Assoziationen zu einem harten Italowestern.
Tarantino inszeniert zügig und abwechslungsreich. Er variiert seine Stilmittel, streut sogar eine längere, aber leider arg ermüdende Zeichentricksequenz ein, lässt es kaum langweilig werden. Gegen Ende steigt der Bodycount ins Unübersichtliche, und zeigt uns comichafte Gewalt auf eine Weise, wie es seine asiatischen Vorbilder nicht getan hätten: Wenn Uma Thurman zu fröhlicher Discomusik per Breakdance-Move ihren Angreifern die Füße von den Beinen wegfleckst, dann hat das bestenfalls jenen pubertären, gewaltverherrlichenden Charme á la "From Dusk Till Dawn". Und hierbei besteht das kleine Problem "Kill Bill"'s: Tarantino schafft es auf wunderbare Weise, die Bilder seiner epischen Vorbilder zu kopieren, jedoch fängt er selten das Flair jener edlen Samuraidramen ein, dafür ist er einfach ein zu alberner, auf filmische Gimmicks versessener Filmemacher. Es ist schlichtweg problematisch, wenn Tarantino eine derart extreme Dramatik hoch beschwört - man denke nur einmal an die Szene, in der Uma Thurman aus dem Koma erwacht und in einer furchtbar intensiv gespielten Szene ihr Schicksal realisiert -, dann aber immer wieder in infantile Albernheiten und sensationalistische "coole Gewalt" abdriftet. Die dezenten Hommagen an die 70er Jahre hätten für den Unterhaltungsfaktor gereicht. So verlässt man bei "Kill Bill" das Kino mit einem eher zwielichtigen Gefühl.
Das große Plus: Die einmalig unterhaltende, alles übertreffende, sich immer mehr steigernde, zum Klimax hochkämpfende Action, die bluttriefend ist. Zischend, schnell, koordiniert, spaßig, bunt. Mal realistisch wie im Ekelkino Amerikas, mal übertrieben mit Blutfontänen wie die Vertreter japanischen Kinos.
Die überraschend gut gefilmte Action, die beeindruckende, physisch belastende Darstellung Uma Thurmans, die audiovisuellen Spielereien und die unzählbaren Anspielungen auf andere Genrevertreter machen "Kill Bill" zu einem wirklich guten Film. Eine Steigerung ist durchaus möglich, und diese ist durchaus mit "Volume 2" zu erwarten. Bis dahin, ist man mit dem vierten Tarantino gut bedient, auch wenn man David Carradine nicht zu Gesicht bekommt.