Die Filmschule hat er nie besucht, stattdessen einst als Angestellter in einem Videoladen gejobbt, und doch versteht Quentin Tarantino sein Handwerk besser als so mancher Kollege. Sehnsüchtig wurde sein offiziell viertes Werk von seinen Jüngern erwartet. Und tatsächlich: "Kill Bill: Vol.1" ist wieder ein kultverdächtiger Film geworden, eine überwältigende Verbeugung Tarantinos vor der fernöstlichen Filmkultur.
Da verwundert es zunächst auch nicht, dass hier ein weit verbreitetes traditionelles Motiv asiatischer Werke das zementierte Fundament der namenlosen Rächerin (Uma Thurman) bildet: die Rache, das Gericht, das am besten kalt serviert wird. Dem komatösen Zustand entrungen, ist sie wild entschlossen, ihre Peiniger gnadenlos zur Strecke zu bringen. Was ihr angetan wurde, erfahren wir aus der schwarzweißen Eingangssequenz: Auf ihrer Hochzeit fällt die hochschwangere Braut samt ihren Gästen dem Killerkommando von Bill (David Carradine), ihrem ehemaligen Boss, zum Opfer. Der Dampfkessel der "Braut", auch unter dem Codenamen "Black Mamba" bekannt, kocht dementsprechend gewaltig und wird zudem noch weiter angeheizt, als sie erfährt, wofür ihr Körper im Zustand des Komas alles diente.
Es liegt nun allerdings nicht in der Natur Quentin Tarantinos, einen simplen Racheplot herunterzukurbeln. "Kill Bill" ist in Kapitel aufgeteilt, die in üblicher Tarantino-Manier keine chronologisch korrekte Reihenfolge der Ereignisse darstellen, wodurch die Erzählstruktur, wie gewohnt, aus einem intelligenten Strickfaden aufgebaut ist. Der "Pulp Fiction"-Regisseur rennt also keinesfalls durch eine betonierte Wand, sondern verkauft sein auf einem einfachen Rachemotiv basierendes Werk mit einer unbeschwerten und unkonventionellen Erzählweise. Die ist durchdacht, wirkt gegenüber dem reifen "Jackie Brown" aber wieder jugendlicher und leichtsinniger, vor allem wegen des comicartigen asiatischen Stils, der seinen Film durchgehend prägt.
In diesem Kontext bedarf es nicht des höheren Anspruchs eines "Jackie Brown". Hier steht der variantenreiche Achterbahntrip durch die cineastische Stilmittelpalette im Vordergrund. Tarantino braute aus verschiedensten Komponenten ein stilistisch ungeheuer mannigfaltiges Werk zusammen, das mit Splitscreens, abwechslungsreichen Perspektivwechseln, unkonventionellen Kamerafahrten und Schattenspielen vor blauem Hintergrund aufwartet; und als Krönung wird das dritte Kapitel um die Geschichte des Charakters der O-Ren Ishii (Lucy Liu) zur Würdigung des japanischen Zeichentricks in Form eines Anime vorgestellt. Dessen Zeichenstil ist zwar nicht der typisch japanische und legt auch nicht allzu viel Wert auf feste Konturen, ermöglicht jedoch einen außerordentlichen Härtegrad, der bereits andeutet, was später noch auf den Zuschauer hereinbrechen wird. Denn der Black Mamba wird eine schier übermächtige Gegnerschar von O-Ren Ishiis Handlangern gegenüberstehen. Und diese wird in stylischen Schwertkampfsequenzen mit äußerst rabiater Vorgehensweise dezimiert.
Gliedmaßen werden abgetrennt, Blutfontänen schießen aus Bein-, Arm- und Halsstümpfen - aber alles ist wie ein schriller Comic inszeniert, sodass die Intensität abgeschwächt wird. Dennoch überraschen die ausufernden Gewaltdarstellungen und der hohe Actionanteil; standen Tarantinos Filme doch noch nie für expliziten Splatter oder ausgefeilt choreographierte Action. Ein Störfaktor ist dies angesichts Tarantinos Intention jedoch keineswegs; eher das Gegenteil ist der Fall. Im Zusammenspiel mit einem herrlichen, zudem perfekt getimten Soundtrack gibt es kaum Gründe für das Filmherz, sich auch nur in irgendeiner Weise zu beklagen. Und obendrein serviert Tarantino ja schließlich auch noch ruhigere, ästhetisch gefilmte und an Italowestern erinnernde und gedenkende Gegenüberstellungen der charismatischen Rivalen.
Einzig und allein minimal unter den Erwartungen bleibt der legendäre, satirische Dialogwitz in schwarzhumoriger Rhetorik, der zwar vorhanden ist, aber ein ums andere Mal die raffinierte Tarantino'sche Eigenwilligkeit vermissen lässt. Jedoch macht dies höchstens ein welkes Blatt eines prächtigen Olivenbaumes aus. Dagegen sind die Charaktere allerdings wieder von wundervoller Skurrilität umsponnen. Ein wunderbarer Gag ist dabei mit der Besetzung von Chiaki Kuriyama gelungen, die eine Rolle mimt, die ihrem Auftritt in "Battle Royale" mehr als ähnelt. Der Part der anmutigen Rächerin wird Uma Thurman zuteil, die hier als schlagfertige Anonyme überraschend in allen Lagen, sogar in den teilweise akrobatischen Kampfszenen, glänzt. Dann unter anderem Lucy Liu oder Sonny Chiba noch in Nebenrollen zusehen, sind wahrlich schmackhafte Bonbonzugaben. Und in "Volume 2" folgen schließlich weitere. Michael Madsen kündigt sich zum Ende bereits an und mit David Carradine alias Bill macht es Tarantino spannend, denn ihm kühn ins Gesicht zu blicken, wird einem in "Volume 1" noch nicht gewährt.
Mit Reverenzen an die Samuraimentalität gespickt ist "Kill Bill" eine ehrvolle, virtuos inszenierte, groteske Verneigung Quentin Tarantinos vor dem asiatischen Film, ohne dabei selbst ein solcher sein zu wollen. Dem Mann, der einst auch als Kartenabreißer in einem Schmuddelkino seine Brötchen verdiente, ist ein ganz großer Wurf geglückt. Auch wenn "Kill Bill: Vol. 1"durch die Zweiteilung nur eine Hälfte des Gesamtwerkes bildet - alleine mit diesem ersten Teil ist Quentin Tarantinos Filmografie um ein Denkmal reicher.