Eines wird man beim Betrachten neuer Filme von Tarantino wohl nie los: die automatische Erwartungshaltung, die Spannung, ob es Tarantino tatsächlich wieder gelungen ist, nach Pulp Fiction wieder einmal einen Film aus dem Ärmel zu zaubern, der mindestens genauso viel Potential hat, wie das mittlerweile zum Kultobjekt gepushte Zweitwerk des Filmemachers.
Und wieder einmal, nach dem dialoglastigem Jackie Brown, hat es Quentin Tarantino geschafft. Trotz einer schier unüberwindbaren Erwartungshaltung von unzähligen Fans hat er einen Film (zumindest den ersten Teil davon) geschaffen, der die meisten seiner Anhänger nicht enttäuschen, im Gegenteil, wahrscheinlich eher begeistern wird.
Und während Hollywood in der Ära nach Pulp Fiction auf den Geschmack des cool agierenden Gangsters mit lässigen Dialogen gekommen ist (aber niemals auch nur annähernd die Klasse von Pulp Fiction erreicht hat) geht Tarantino einen komplett anderen Weg. Vergessen sind Gespräche über Madonna`s Schwänze oder Hamburger in Frankreich, all diese Zutaten, die die Charaktere in einer unmenschlichen Situation doch so menschlich und real erschienen ließen.
Kill Bill ist die überzeichnete Collage der alten Eastern Streifen, die dank Bruce Lee aus Fernost zu Uns hinüberschwappte. So unwirklich die Kämpfe dort erschienen, so unwirklich erscheint manchmal auch die Welt von Kill Bill, wie sie "The Bride" erlebt. Es fängt an bei den Mitgliedern des Tötungskommando ( Cottonmouth, Black Mamba, usw.), geht weiter mit einer Episode von O Ren Ishi`s Vergangenheit in Form eines Manga Comics und endet in Vol. 1 in einer blutigen Schlacht von Uma Thurman gegen die verrückten 88.
Kill Bill hat mich in den Sitz des Kinos gefesselt. Und obwohl ich kein Freund von Untertiteln bei einem Film bin, so hat dies dem Vergnügen in diesem Fall keinen Abbruch getan.
Die Frage, ob Kill Bill besser ist als Pulp Fiction, lässt sich nicht beantworten: Tarantino hat sein nächstes Meisterwerk losgelassen, und das auch erst zu 50%, und mich als PF Fan hat er nicht enttäuscht. Obwohl immer mehr Zuschauer wahrscheinlich nur geduldig darauf warten, daß sich das Wunderkind Hollywood`s bei einem seiner Projekte auch einmal verkalkulieren könnte... diesmal hat er es definitiv nicht getan, hat seinen "Nimbus der Unfehlbarkeit" bis mindestens Februar 2004 verlängern können. Man darf gespannt sein, wie lange er ihn noch behalten kann. 10/10