Review

Auch, wenn er mit dem Ursprungsmythos nichts am Hut hat danke ich Rocksänger Frank Carter immer noch auf Knien für seinen Bühneneinsatz mit den Sex Pistols und das x - te Minirevival, was er damit ausgelöst hat, hänge ich doch wegen ihm seit Tagen morgens mit "Anarchy in the U. K." im Ohr und einer seminostalgischen Träne im Auge vor dem Spiegel und richte meine bräsige Fresse für einen sinnentleerten Arbeitstag in einem nutzlosen Scheißjob her, ohne direkt in den Spiegel kotzen zu wollen. Ein seltenes Phänomen, wenn man Mitte 30 ist und feststellt, dass trotz aller Bemühungen, ein netter Mensch zu sein (Mülltrennung und Wahlzettel richtig ankreuzen inklusive) die Welt nicht unbedingt besser gemacht hat, so wie man es sich von seinen "Erwachsenentugenden" erhofft hat.

"Sid & Nancy" von Alex Cox habe ich zu Zeiten gesehen, die auch nicht besser waren, aber in denen ich immerhin noch die Hoffnung auf eine positive Veränderung nicht ganz aufgegeben habe. Na gut, immerhin stehen Kiffer nur noch mit einem Beim im Knast und das volljährige Individuum darf sich verpaaren und heiraten, wen und wie es will, aber das stopft den Reichen und Mächtigen unter den Spießern leider auch nicht das vorlaute Mundwerk. "Sid & Nancy" hingegen macht jenes mit allen, die die Pistols unkritisch als Rockj'N'Roll - Heiligtum verehren und erinnert uns schmerzlich daran, dass der Punk alter tage durchaus seine Leichen im Keller hatte, zwei davon schon im Filmtitel. Und dennoch verbinde ich mit diesem grandiosen Edel-Biopic vor allem sehr warme, klebrige Erinnerungen, ähnlich jener an meinem ersten Por... Ich habe das Gefühl, dass ich abschweife.

Der Film ist eine Freakshow im düstersten Sinne, daran lässt schon der Anfang nicht zweifeln: Sid Vicious (verkörpert vom großartigen Gary Oldman) wird in Handschellen von der Polizei aus seiner blutüberströmten Wohnung geholt und von einem Schwall Paparazzo - Parasiten begleitet zur nächsten Minna geschleppt. Der Vorwurf, der im rot gefluteten Raum steht ist der Mord als seiner Freundin Nancy, einer New Yorker Mittelschichtsgöre, die in ihrer Freizeit gerne mal Edelpunk spielt, um als Groupie der Liebe nachzujagen, die sie von ihrer entrückten überforderten Mutter nie bekommen hat. Auf dem Revier darf der verstörte Jungpunk zum Besten geben, wie es zu der Beziehung und deren tragischem Ende kam.

Wie so oft ist der verdammte Rock'N'Roll Schuld: Sid und Bandkollege John (Lydon) lernen bei ihrer gemeinsamen Freundin Linda die blonde Fixerin aus New York kennen, die Sid gleich nach einem ersten Heroinexperiment im Apartment von Kumpel Wally hacken darf. Danach kleben die beiden jungen Menschen wie Affenscheiße aneinander und insbesondere Nancy verfällt dem, was Psychologen gerne als Yoko Ono - Syndrom bezeichnen. In meiner Welt zumindest. Ab da zieht der Film ganz gemäß der grimmen Realität langsam den Stöpsel aus der randvollen Badewanne mit dem künstlerischen Potenzial der Sex Pistols und was am Anfang noch wie ein verträumter, immer schneller werdender Walzer den wirkt entpuppt sich alsbald als in der Gosse endende Abwärtsspirale. Und zu zweien gluckert's sich bekanntermaßen lustiger den kleinen Mahlstrom hinunter. Bei allem Wasser und aller Seife, clean werden ist hier nicht mehr.

Sicher hätte ich mir 2007 bessere Vorbilder als Sid Vicious aussuchen können, aber das wäre dann schlichtweg gelogen gewesen: Der im Wesentlichen für's Rumstehen und assig sein bezahlte "Musiker" passte trotz des bemerkenswerten Handicaps, tot zu sein, perfekt ins Jahr 2007, wo das Internet langsam immer mehr laufende Magengeschwüre seiner Sorte in den Mainstream kotzte. Der Unterschied zwischen denen und Sid ist einfach der, dass Sid ehrlich dabei war und sich nicht verstellt hat. Und das ließ mich den damals fast 30 Jahre verstorbenen Urpunk in einem fast semihomoerotischen Ausmaß lieben. Gary Oldman transportiert dabei hervorragend die kindlich - freche Art des Bassers, lässt an entsprechenden Stellen aber auch genau so das zugedröhnte Ekel und den Bühnenassi heraushängen. Chloe Webb als Nancy Spungen ist ebenso effektiv und man könnte in beiden Fällen fast das Original vor der Kamera wähnen. Dass Cox hier viel, viel, viel auf den Mythos einzahlt, den man sich damals um die Band sponn ist selbstverständlich da untrennbar mit der Kapelle verbunden.

Auch, dass Nebencharaktere links und rechts verheizt werden, ist was in einigen Fällen ein effektives Stilmittel ist (besonders die legendäre Freundschaft zwischen Vicious und Lydon ist ja der Stoff einiger Legenden und deren Ende umso schmerzhafter), aber auch oft ins Nichts führt, wenn mal hier und da Mitglieder des Bromley - Contingents, jener legendären Pistols - Entourage, aus dem sich ein Großteil der Londoner Szene rekrutierte, gelangweilt auf Gigs rumfluchen und alle paar Szenen wie dekoratives Konfetti mit Sprachtalent in den Bildkader geschmissen werden. Apropos Bildkader: Alex Cox ist scheinbar ein Freund der ganz großen Bilder, denn was Kameramann Roger Deakins für ihn hier einfängt wäre mit etwas weniger Blut und Kotze patiniert durchaus Bildmaterial für eher klassische Hollywoodstoffe. Die Qualität der Filmmusik ist im Übrigen bei einem Namen wie "Joe Strummer" selbstverständlich.

Tja, Alex Cox habe ich nach dem Film leider zu Unrecht lange Zeit ignoriert, obwohl ich mir vor "Sid & Nancy" dringlichst eine Sichtung von "Repo Man" im TV vorgenommen habe. Der Film wirft in mir die Frage auf, warum ich den Regisseur solange ignoriert. War es reines, offenes Desinteresse oder saß  "Sid & Nancy" noch so schmerzhaft in meiner Magengrübe, dass ich mich unbewusst vom restlichen Filmfundus des Herren abwandte? Ich weiß es nicht, bin aber gespannt auf den restlichen großen Cox. Was hätte ich darum gegeben, "Sid & Nancy" im Kino zu sehen. Aber wer weiß, damit die Sex Pistols live zu erleben habe ich bisher ja auch nicht gerechnet.








Details
Ähnliche Filme