Review

"How to deal – wer braucht schon diesen Film?"

Äh, … "- wer braucht schon Liebe?" ist der korrekte Untertitel.



Eh, und ich brauche diesen Film wohl vor allem, um aus seiner Sicht über einen anderen Film zu schreiben: WINTER'S BONE. Scheinbar fiel mir durch HOW TO DEAL... (HTD) vor allem auf, was ich an WB schätze.

Nun, worum geht’s bei HTD? Mangels anderen Reviews muss ich es wohl nun schreiben. *** SPOILER: ***



Genau, wie der Titel sagt, geht's um Liebe. HTD ist eine RomCom. Das Cover zeigt uns das Liebespaar. Sie kennen sich schon ewig, aber die Ich-Erzählerin, brünett, will "nur Freunde" bleiben, aber sie knutschen dann doch schon bald die ganze Zeit rum, alles total romantisch, aber als es an's Einlochen geht, beim zweiten Versuch, macht sie plötzlich 'nen Rückzieher, und dann macht er, sensibles Jeans-Model, 'nen Rückzieher, und dann versteht sie die Welt nicht mehr, sie ist halt 'n bissl einfach gestrickt, und dann kommen sie doch zusammen, aber man sieht sie nicht beim Sex. Dann gibt’s ihre beste Freundin, ulkiger Sidekick, vorehelich schwanger, doch der Freund fällt überraschend tot um, doch sie lässt das Baby dennoch kommen. Dann gibt’s geschiedene Eltern: skurriler Vater heiratet wieder, skurrile Mutter verliebt sich wieder. Überdrehte Schwester, blond, will erst heiraten, schießt dann den Trottel von Verlobten in den Wind, doch dann will sie doch wieder und schon sehen wir sie und den Jerk heiraten. "Lustiger" Stress, weil gleichzeitig die beste Freundin niederkommt. Happy-End, fünf glückliche Paare, das Neugeborene schaut mir tief in die Augen. Die ganze Zeit lief Musik. Gäähn!

Eine Minuspunkte-Wertung liegt noch näher, da der Held der Heldin in einer Szene, als Zeichen seiner Liebe, einen Laubbläser schenkt. [Da frage ich mich doch gleich: "Warum soll sie nicht selbst Laub rechen? So erhält sich wenigstens ihre knackige Figur!" Das Verschenken von mechanischen Garten-oder Haushaltsgeräten, egal ob an Mann oder Frau, lässt tief blicken: "Du sollst zwar die Arbeit für mich und meinen Haushalt/Garten machen, zugleich aber ungesund leben und fett werden, so dass dich niemand sonst anschaut. Außerdem will ich das Erzeugnis (korrekter Garten) so kapitalintensiv gestalten, dass du von meinem Kapital abhängig wirst, statt dass du dir selbst, mit eigenen Händen, helfen kannst." Aber unabhängig von solchen (stark interpretierten) Hintergedanken:] Werbung für Laubbläser bringt bei mir automatisch drei Minuspunkte, also... (*).



Aber auch sonst nervte mich HTD extrem, wegen der aufdringlichen Reklame für eine bestimmte Lebensweise, und für Sachen wie Heiraten, minderjährige Eltern und Coca Cola. Wenn die Schwester den völlig spießigen Verehrer dann doch heiratet, nur weil er vor ihr auf den Knien rumrutscht, wenn der Hallodri-Vater seinen blonden Trampel ehelicht, wenn die beste Freundin ohne zu überlegen das Kind ihres toten Geliebten austrägt, wenn dessen mich anstarrender Babyblick das Happy End des Films bildet, wenn der neue Schwarm der Mutter Softdrinks im roten Laster ausfährt, wenn er der Mama "Cola light" aus dem Automaten holt, "auf Kosten des Hauses", wenn er zugleich dem US-Hobby "Nachspielen glorioser Bürgerkriegsschlachten" frönt, dann ist bei mir irgendwann der Ofen aus. Dazu ist überall aufdringliche Popmusik druntergeklatscht, die mich mindestens so nervt wie die Heldin ihr radio-moderierender Vater. Auch die Begeisterung angesichts Mandy Moores anfänglicher Yoga-Übung in Morgenwäsche hielt bei mir nicht lange vor, da sie sich fortan beim Zeigen ihrer Schauwerte auf ihre maximal zwei Gesichtsausdrücke beschränkt (einmal neutral = ungehalten; einmal sonnig grinsend = den freundlich-naiv-harmlos-unschuldig-liebenswürdigen Charakter ihrer Figur ausstellend). Kein Yoga mehr, kein Surfen, kein Cheerleading, kein vorehelicher Sex, statt dessen Dialoge und... siehe oben.

Schon während des beliebigen, ausgelutschten, formelhaften HTD plante ich, baldmöglichst meine
Lieblingsbeispiele für "17-jährige Teenie-Mädchen-im-Film" wieder anzusehen, wo ich die Hauptfiguren ernst nehmen kann: JUNO zum Thema Teenager-Schwangerschaft, mit geschliffenen Dialogen statt Gefühlssoße (und übrigens der gleichen Mutterdarstellerin) und WINTER'S BONE als Beispiel einer völlig gegensätzlichen Art des Filmemachens, wie von und auf einem anderen Planeten, wo die 17-jährige Heldin Ree Persönlichkeit und Verantwortungsgefühl besitzt, zu Fuß geht (**), in dem die Hauptdarstellerin, Jennifer Lawrence, wegen ihrer überragenden Fähigkeiten mitspielt, und nicht wegen ihres Status' als singender Kinderstar, in dem nicht ein weiteres Mal der Suburban Sprawl und Überfluss als Lebensmodell demonstriert wird (dazu gehören, wie in HTD, die ausdrückliche Präsentation von Monogamie, Kirchenbesuchen, Ehesakrament, autofahrenden hedonistischen Teenagern, massigen rosa Kleidern, Hubschrauberflug zur Hochzeit, folgenlosem Autounfall). (***)



Jajaja, mir ist schon klar, dass das angezielte Teenie-Publikum vor allem sich selbst und seine Welt im Multiplex sehen will, und das möglichst durch eine rosa (wörtlich!) Brille (****), und keine beunruhigenden Welten hinter ("Hinterwälder") den Kulissen, wo ihre GenerationsgenossInnen ganz andere Probleme haben.

Und wenn ich persönlich auf andere Figuren stehe, mehr auf so starke Heldinnen, mehr auf JUNO's sarkastischen Humor oder auf den Hinterwäldler-Realismus, das fast schon naturmystische Portrait der Ozarks in WINTER'S BONE, so sollte ich das nicht HTD zum Vorwurf machen. Mache ich aber doch! Was ebenso ungerecht ist: HTD ist aus dem Jahr 2003, JUNO und WB aber aus 2007/2010. Das ist natürlich schon fast eine ganze Generation weiter (als auch Klimawandel durch Laubbläser für mich noch kein so rotes Tuch war) und lässt sich HTD also auch nicht vorwerfen.



(*) Sorry, Laubbläser entfesseln Lärmorgien, verbrennen Energie für einen Zweck, über den sich erstens streiten lässt und der sich zweitens auch manuell erledigen lässt. Durch Ersatz körperlicher Arbeit ist ein Laubbläser zudem automatisch gesundheitsschädlich. Wer schon den ganzen Tag vor der Glotze hockt und Reviews schreibt, soll wenigstens sein Laub selbst zusammenfegen! [Hier zeigt sich schon, dass ich HTD aus persönlichen Besessenheiten runtermache. Apropos persönlich: Taylor Momsen ist eine großartige Kostümbildnerin und Sängerin, die längst DIE ZAUBERFLÖTE singen sollte.]

(**) Juno fährt übrigens mit dem Rad. Und, in der Romanvorlage zu WINTER'S BONE werden sich die Kinder am Schluss, nach einem unverhofften Geldeingang, erstmals Fahrräder kaufen. Und, noch was zu der "anderen Welt" von WINTER'S BONE: die dort gezeigten Schulfächer (Baby-Pflege und Reserveoffiziers-Ausbildung) sind in manchen anderen Gegenden der USA unbekannt, so die Regisseurin Debra Granik.

(***) Vergleich dazu Debra Granik: Das "Überleben" in der Gegend von WINTER'S BONE sei "nicht selbstverständlich", es falle den Menschen "nicht in den Schoß", man müsse "sparsam und einfallsreich" sein.



(****) Interessant, dass Mandy Moore als nächstes in SAVED eine religiöse Fanatikerin spielte, eine Rolle, die in HTD für sie schon angelegt war, sowohl im Film als auch im Milieu.

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