"I love you guys, don't get me wrong. But for the first time in my life I'm eighteen and I can say: Fuck You!"
Das hier war vor mittlerweile etlichen Jahren mein Go to - Film, wenn jemand mir die unglaublich bescheuerte Frage stellte, was ich an Punk so geil finde und warum ich selbst eine ganze Weile mein in Leder und Nieten gehüllt, in Oettinger Export getränkt und eine Schallwolke aus Drei - Akkorde - Rock verschiedener Härtegrade durch die Gegend gelaufen bin: 77er Punk, zynischer Hardcore a la Dead Kennedys, hier und da etwas Crust oder Grind und einiges an Post Punk, ich liebte das Genre mit seinen tausend ungewaschenen Kindern einfach und liebe es noch heute. Und auch, wenn meine Zeit als Provinzpunk nicht mal ansatzweise so spektakulär war wie der Anarchoallatg von Matthew Lillard und Michael Goorjian in "SLC Punk!" habe ich mich stark in diesem Film wiedererkannt und hatte für Außenstehende endlich eine Tür in diesen Teil meines Lebens gefunden, durch die sich auch ein aufgeschlossener Normalo traute. Vor allem, weil der Film einen nicht mit den typischen deutschen Klischees vom rattenzüchtenden Gossenpunks erschlägt.
Der Sommer 1985 wird für die beiden Punkbuddies Stevo und Heroin - Bob (ironischerweise einem notorischen Drogenhasser) der letzte gemeinsame sein: die beiden Hausbesetzer stehen in den studentischen Startlöchern. Doch bevor man sich in den Hauptfächern Chemie und Jura um den Verstand paukt wollen die Zwei mit ihrem Freundeskreis nochmal in Sachen Punkrock, Aktivismus und Party so richtig auf den Putz hauen. Der Film, von Stevo erzählt, der gefühlt alle zwei Minuten die frisch wieder aufgezogene vierte Wand mit dem narrativen Vorschlaghammer einreißt, zeigt demnach allerlei Episoden aus dem Leben der Clique um die beiden Protagonisten, die sich um alltägliche Probleme wie den Alkoholerwerb in einer Stadt voller religiöser Abstinenzlerhirnies und Konflikte mit Faschos und Rednecks drehen, aber auch um bizarre Begegnungen mit den einzelnen Gruppenmitgliedern, tragischen Schicksalsschlägen und der Frage, ob es wirklich keine Zukunft für die pessimistischen jungen Menschen gibt. Aber vor allem dreht sich alles um eine Frage: Was ist Punk überhaupt? Und zum Glück erteilt Regisseur und AUtor James Meredino hier keiner der mannigfachen Antwortmöglichkeiten, die der Film bietet, eine Allgemeingültigkeit: Im Gegensatz zu großen Teilen der Szene, aus der ich komme sehen hier nicht grundsätzlich alle zum verwechseln ähnlich aus, sondern unterscheiden sich deutlich voneinander, auch wenn es in einigen Fällen nur durch ein beklopptes Gimmick ist wie Seans Backhandschuhe oder das Auftreten von Mike, dem wahrscheinlich härtesten Hund der gesamten Truppe, der aber gekleidet ist wie ein absoluter Klischeenerd (und damit nebenbei bemerkt schnell einer meiner Lieblingsnebencharaktere wurde).
Das spiegelt sich übrigens auch im Soundtrack wieder, in dem neben Szenegrößen wie den Ramones, Fear, Adolescents, Dead Kennedys und Generation X auch Vorreiterbands wie Velvet Underground und The Stooges zu Wort, oder besser, zu Gesang kommen und zwischendurch auch Roxy Music, Rush und Ska a la Specials über die Tonspur geistert. Dass Meredino sich hier als Kenner der Materie erweißt wird durch einen sehr obskuren Track von Adam and the Ants deutlich, den Stevo, Bob und Gentlemankumpel Eddie bei ihrem Biertrip nach Wyoming hören und wegen dem ein vom Film begeisterter Arbeitskollege das Netz nebst physischen Plattenläden nach einem ganz bestimmten Best of - ALbum der Band abgraste, da selbst er als Fan den Song nicht kannte.
Aber auch optisch ist "SLC Punk!" ein Fest: Stevos Flapsereien werden hin und wieder von absurden Bildern untermalt: ein Diavortrag Stevos erklärt, warum Anarchismus und Gewalt sich widersprechen, Seans 120 - fache LSD - Überdosis wird uns anatomisch korrekt durch in sein brachliegendes Bein sickerndes Acid dargestellt und immer wieder bekommen wir lebhafte Aufnahmen von Parties, Konzerten und anderen Szenarien geboten.
Am Ende bleibt ein etwas bitterer Nachgeschmack, aber wie Stevo uns versichert war diese "Phase" in seinem Leben nicht umsonst: der Troublemaker von einst ist gereift und spielt nach Regeln, die er früher verachtet hat, genießt aber jetzt das Privileg, die Welt tatsächlich ein Stückchen besser machen zu dürfen. Ein etwas anderes Glück, dass er ohne Kumpel Bob und die gemeinsame Entdeckung des Punkrock nie erfahren hätte. Und wem das zu pessimistisch ist, der kann den 19 Jahre später spielenden Nachfolger "Punk's dead" direkt hinterher schauen und sich einer optimistischeren , aber auch gerader erzählten Geschichte erfreuen. Übrigens wie Teil 1 auch ein heimliches Filmwunder.