Auch Jahrzehnte nach der Wende gibt es Aufbereitungsbedarf, denn nicht wenige Menschen sind während der Flucht von Ost nach West ums Leben gekommen. Viele direkt an der Mauer, andere beim Versuch über die Ostsee zu entkommen. Das Spielfilmdebüt von Sarah Neumann konzentriert sich dabei exemplarisch mehr um die Motivationen denn die Flucht selbst.
Rostock im Sommer 1989: Während Hanna (Lena Urzendowsky) als Leistungsschwimmerin drauf und dran ist, an den Europameisterschaften teilnehmen zu können, eckt ihr Kumpel Andreas (Willi Geitmann) immer wieder mit dem System an. Letztlich kommt für ihn nur noch die Flucht über die Ostsee infrage und Hanna entschließt sich, ihn zu begleiten…
Obgleich die Geschichte damit einsteigt, wie zwei junge Menschen mit Neoprenanzügen bei Nacht in die Ostsee steigen, liegt der Fokus bei der Vorgeschichte. Es geht um die Freundschaft dreier Außenseiter, wobei Jensi (Jannis Veihelmann), der soeben aus Dresden zugereist ist, schon aufgrund seines Looks und des Dialekts Anschlussprobleme hat.
Hinzu kommen schwierige Elternhäuser (Andreas Vater ist ein Schläger, der von Hanna hatte einen psychischen Zusammenbruch) und ein Erfolgsdruck auf zwei unterschiedlichen Ebenen: Als Leistungsschwimmerin soll sich Hanna von Andreas distanzieren, Tabletten schlucken und sich auf die Siege konzentrieren, wogegen ihr Freund überhaupt erst einmal Fuß fassen muss, um nicht erneut im Jugendwerk (einer Art Anstalt) zu landen.
Man hängt an alten Güterbahnhöfen oder auf verbotenen Dächern ab und erhält einen teils recht detaillierten Eindruck der 80er, welcher von liebevoller Ausstattung, starken Kulissen und vor allem einer durchdachten Dialogregie zeugt. So simple Äußerungen wie „Denkste!“ hört man heute einfach nicht mehr und auch die Betonung ist komplett auf den Punkt. Es sind jedoch nicht zuletzt die drei sehr stark aufspielenden Darsteller, die das Jugenddrama mit angenehm bodenständigen Performances zu tragen vermögen.
Derweil gerät die eigentliche Flucht über die Ostsee, - immerhin 50 Kilometer bis Fehmarn, oftmals in den Hintergrund und wird erst im finalen Akt etwas mehr thematisiert. Vielleicht wollte man auch ein ostdeutsches „Open Water“ vermeiden, da nicht viel mehr als Schwimmen, Gleiten und Durchhalten geschieht. Leider ist die Kamera hierbei oft zu nah bei den Figuren, was von den eigentlichen Strapazen und der wahren Distanz ablenkt. Ein paar Totale wären da eventuell hilfreich gewesen, um ein Gefühl für die Strecke zu erhalten.
Während es also insgesamt ein wenig an Spannung mangelt, ist auf atmosphärischer Ebene einiges mitzunehmen, da die Empathie gegenüber den Protagonisten rasch gegeben ist.
Zwar verhindern die Perspektiven der Heranwachsenden einen genaueren Blick auf das mindestens fragwürdige DDR-System, doch der Fokus auf Freundschaft und dem Hinterfragen ihrer jeweiligen Ziele erscheint in diesem Zusammenhang deutlich wichtiger.
7,5 von 10