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Ein australischer Film, der auf einer Yacht spielt und mit einer starken weiblichen Hauptrolle auftrumpfen kann … unweigerlich denkt man dabei an „Dead Calm“ (´89) von Philip Noyce – doch auf „Visitors“ (´03) trifft diese Beschreibung ebenfalls zu. Darüber hinaus verbinden beide Werke noch weitere Elemente: Nicole Kidman avancierte damals dank ihrer Vorstellung allmählich zum Star, hier ist es Radha Mitchell, die seit „Pitch Black“, „Phone Booth“ oder „Finding Neverland“ derzeit extrem hoch im Kurs steht. In beiden Fällen geht die Bedrohung von „Gästen“ bzw „Besuchern“ auf dem Boot aus – letzteres steckt bei „Visitors“ zudem selbst in einer „Dead Calm“ fest…

Die nur 25-jährige Georgia Perry (Radha Mitchell) hat sich fest vorgenommen, mit ihrer Yacht „Leander“ in 140 Tagen die Welt zu umsegeln und somit den bisherigen Solo-Rekord zu brechen. Die wichtigsten Regeln dabei lauten: Sie darf keinen an Bord lassen und den (Not-) Motor nicht benutzen. Da sie keineswegs aus einem reichen Hause stammt, hat ihr Verlobter Luke (Dominic Purcell) für sie einen lukrativen Sponsorenvertrag mit einer Kosmetik-Firma an Land gezogen, wodurch die Finanzierung gesichert ist und sie somit von Australien aus aufbrechen kann. Nur mit ihrer Katze Taco als Begleitung sowie das Funkgerät als einzige Kontaktmöglichkeit zur Außenwelt, gestaltet sich ihre Reise als schwierig, aber erfüllend, da sie sich und ihrem Vater (Ray Barrett) auf diese Weise endlich beweisen kann, zu etwas Großem fähig zu sein, auf das man stolz sein kann. Es ist nämlich so, dass sie im Kindesalter fast bei einem Unfall getötet worden wäre – hätte ihr Vater sie nicht in letzter Sekunde gerettet, welcher dabei aber selbst derart schwer verletzt wurde, dass er seitdem an den Rollstuhl gefesselt ist. Ihre Mutter (Susannah York) hatte ihren Leichtsinn im Vorfeld des Unglücks nie verzeihen können und sie für das Geschehene verantwortlich gemacht – bevor sie sich schließlich selbst das Leben nahm, nachdem sie von Georgia wegen Depressionen in eine Klinik eingewiesen wurde…
Nun, kurz vor Erreichen des Ziels, gerät sie nach über vier Monaten auf See mitten im Indischen Ozean in eine Zone kompletter Windstille. Aufgrund der Regeln ist sie den Umständen machtlos ausgeliefert, weshalb ihr nichts anderes übrig bleibt, als abzuwarten und auf Wind zu hoffen, während die Yacht in den fast regungslosen Gewässern vor sich hin treibt. Während ihres Trips hatte sie sich Luke gegenüber emotional immer weiter entfremdet, ihr Vater liegt nun im Sterben und die Sponsoren sind nicht vollends zufrieden mit ihrer Zusammenarbeit in Sachen Vermarktung. In jener Situation, als sie zunehmend von der Einsamkeit übermannt wird, tauchen plötzlich geisterhafte Erscheinungen aus ihrer Vergangenheit an Bord auf. Zudem werden indonesische „Piraten“ in der unmittelbaren Umgebung vermutet, die kürzlich einen Tanker in ihre Gewalt gebracht haben. Bald schon kann Georgia nicht mehr zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden – handelt es sich um Geister, reale Bedrohungen oder bloß Ausgeburten ihrer Phantasie? Paranoia und Panik scheinen langsam die Oberhand zu gewinnen, während der rettende Wind noch immer auf sich warten lässt…

Die Macher von „Visitors“ hatten anscheinend ein deutliches Ziel vor Augen – nämlich eine klassische Horror-Geschichte mit der psychologischen Tiefe einer Charakterstudie zu verknüpfen. Wie es bei solchen Vorhaben aber leider nur allzu oft der Fall ist, krankt der Film letztendlich genau an jenem hochgesteckten Ziel: Zwar werden viele innere Problemkonflikte und seelische Narben zusammen mit einigen passablen Erschrecker im Rahmen einer interessanten Gruselatmosphäre präsentiert sowie aufgearbeitet, doch im Verlauf der Bemühungen, diese Ansätze in 88 Minuten unterhaltsam miteinander zu verbinden, führte die unscharfe Fokussierung am Ende dazu, dass das vorhandene Potential beider Bereiche zu keiner Zeit voll erreicht wird.
Wenn man nur einen begrenzten Schauplatz wie eine Yacht zur Verfügung hat, sollte die Handlung zudem minimalistisch und fixiert gehalten werden. Leider konzentrierte man sich nicht ausschließlich auf Georgia und ihre inneren Dämonen, sondern fügte noch weitere Faktoren hinzu, welche auf sie, ihre Verfassung und Lage einwirken – hauptsächlich beziehe ich mich da auf die Probleme mit den Sponsoren sowie die gesamte Piraten-Sache. Letztere passt zwar zu der bizarren Grundstimmung, wirkt aber insgesamt eher irritierend und teilweise gar unfreiwillig komisch, denn jene modernen Kapers werden recht klischeehaft dargestellt (Kopftuch und ungehobeltes Auftreten inklusive) und tragen so nicht unbedingt zur Glaubwürdigkeit der Ereignisse bei.

Ein Pluspunkt des Films ist die interessante, surreale Atmosphäre, welche auch durch eine Tatsache erzeugt wird, die ich normalerweise unbedingt als Negativfaktor anführen würde: Budget-bedingt, und weil es so leichter umzusetzen war, hat man jene Szenen, in denen die Yacht aufgrund des ausbleibenden Windes bewegungslos in den stillen Gewässern treibt, auf einem Set gedreht, was eine sterile, fast künstliche Stimmung erzeugt und vortrefflich mit dem ungeklärten Geisteszustand der Hauptfigur harmoniert. Auch das Erscheinen der Geister in strahlendem Tageslicht verstärkt diesen Effekt. Herausragend vor allem ein Einfall: Mit der Zeit beginnt Georgia (innere) Gespräche mit ihrer Katze zu führen, welche so zu einem zentralen Charakter avanciert und in der Originalversion superb von Steven Grives in einer merkwürdig passenden Tonlage gesprochen wird. Die Krabben, die sich auf der Unterseite des Rumpfes angesiedelt haben, gefielen mir ebenfalls, da sie eigentlich ganz natürliche Begleiterscheinungen sind, aber trotzdem gerade im Kontext eine bedrohliche Präsenz entwickeln – mehr noch als die „Besucher“, denn die realen Faktoren sind meist die am intensivsten aufgenommenen (siehe „Open Water“). Die Geister an sich sind eher eine zweischneidige Klinge: Während Georgias Mutter (bis auf die schwachen F/X in ihrem Zusammenhang) eine starke Präsenz besitzt und für einen Großteil der Horror-Elemente sorgt, wirkt der Auftritt ihres Vaters an Bord eher kontraproduktiv für die Spannung. Weitere Erscheinungen sind dagegen entweder zu „over the top“ (die 3 Frauen) oder schlichtweg überflüssig (wie Kai, ein Maori, mit dem sie Luke damals betrogen hat). Alles Übernatürliche beginnt übrigens mit einer Krähe, die sich in einer Leine verheddert und beim anschließenden Befreiungsversuch ins Wasser stürzt und ertrinkt …

Es wird dem Zuschauer nicht leicht gemacht, Georgia zu mögen, denn sie wird fast genau an jener Stelle eingeführt, an der sie anscheinend langsam den Verstand zu verlieren beginnt. Zwar wird sie im Anschluss noch mit einer Reihe Flashbacks weiter charakterisiert, doch hauptsächlich bekommt man sie nur in der Extremsituation zu sehen. Für sie ist der Rekordversuch wie eine Emanzipation von der Vergangenheit, in dessen Verlauf sie ihre eigenen inneren Probleme bewältigen muss, während sie mehr und mehr dem „Cabin Fever“ (Isolation von menschlichen Kontakten) verfällt. Doch ist es ihre Psyche (mitsamt verdrängter Ängste und Schuldgefühle), die ihr einen Streich spielt – oder handelt es sich tatsächlich um Geister? Vielleicht sind es aber auch „nur“ die giftigen Chemikaliendämpfe der sanitären Einrichtung, welche ihre Wahrnehmung alterieren…

Radha Mitchell (“Man on Fire“/“Silent Hill“) ist kein Vorwurf zu machen – sie vermag die volle emotionale Bandbreite (von Glück über Furcht und Wut bis hin zu Verzweiflung) überzeugend auszuspielen. Susannah York („Superman 2“) und Ray Barrett („Waterfront“) sind (als ihre Eltern) ebenfalls okay, genauso wie Dominic Purcell („Blade 3“) als Luke, welcher selbst bei einem Rekordversuch scheiterte – etwas, das neben der beidseitigen Untreue die Beziehung stark belastet.

Letztendlich ist es schade, dass sich Regisseur Richard Franklin (“Psycho 2“/“F/X 2“) bei der Umsetzung nicht stärker auf die Kernbereiche der Story konzentriert sowie die Redewendung „manchmal ist weniger mehr“ genügend berücksichtig hat, denn so kommt das Werk dank zu unentschlossener Herangehensweise leider nicht übers Mittelmaß hinaus.

Fazit: Die Stärken von „Visitors“ liegen eindeutig bei den psychologischen Drama- und Thriller-Elementen des Films, während der Horror-Anteil teilweise etwas plump daherkommt und zudem nicht allzu effektiv umgesetzt wurde – trotz guter Hauptdarstellerin sowie interessanter Atmosphäre daher letztendlich nur „5 von 10“.

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