Review

Gewisse Filme haben einen bizarren Sonderstatus: sie tauchen unvermittelt in der Geschichte auf, sorgen kürzer oder länger für Aufmerksamkeit oder Aufregung, verschwinden danach fast komplett wieder außer Sicht, bis sie irgendwann wiederentdeckt wurden und sich faktisch jeder Filmhistoriker fragt, warum man sie überhaupt je vergessen hatte.

Im Falle von „I start counting”, der bei uns im TV als „Die Schritte des Mörders“ betitelt wurde, war das exakt dieser Ablauf – und vor einiger Zeit entdeckt das BFI in ihren regelmäßigen Sondereditionen auch diese Verfilmung eines Romans von Audrey Erskine Lindop wieder – und ich muss gestehen, bis zur Ankündigung war David Greenes Film von 1969 ein komplett blinder Fleck.

Über dem Film steht nun zumeist „Thriller“ – noch dazu aus einer Phase, als Frauenmörder im Kino als realistisches Schreckensabbild vor psychologischen Abgründen Hochkonjunktur hatten, sei es nun im Giallo oder in Frankreich. Hier ist England der Ausgangspunkt, aber wer jetzt ein vertieftes Dialogstück oder blutbefleckte Farborgien erwartet, wird enttäuscht.
„I start counting“ ist in seiner Filmform sehr viel mehr Drama als Thriller, der Fall eines in der Stadt umgehenden Frauen- bzw. Teenagermörders ist mehr Background und Motor der Handlung, die sich nur etappenweise kurz in den Vordergrund spielt.

Im Zentrum steht die angeblich fast 15jährige Wynne, ein typisches Schulmädchen in einer nicht allzu großen Stadt. Ihre Familie ist eine Patchworkruine, die halbwegs funktioniert: der Armee-Vater verstorben, die Mutter kümmert sich um den alten Onkel, der große Bruder rebelliert und der Adoptivbruder George ist schon weit in den 30ern. Das hindert Wynne aber nicht daran, für George sowohl romantische wie auch sexuelle Gefühle zu entwickeln.
Selbige sind aber etwas deformiert, denn eine jüngere Wynne wurde einst Zeugin, wie die Verlobte Georges im Keller zu Tode stürzte – oder wurde sie gestoßen?
Das alles fand in dem alten Haus der Familie statt, die nun in einem Hochhaus residiert – das alte Haus und das Viertel drumrum stehen leer und warten auf den Abriss – doch Wynne zieht es immer wieder an den Ort der Erinnerungen zurück.

So entsteht nach und nach eine morbide Fixierung auf den unbekannten Täter, der – wie ein blutbefleckter Pullover, den George verschwinden lassen will andeutet – durchaus der Adoptivbruder sein könnte.
Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Corinne, einer lasziv überdrehten Sexplot-Quasseltasche, die gerne mal ihr Höschen aufblitzen lässt, ziehen sie sich an Wynnes und Corinnes Phantasien hoch, die das Leben der Jugendlichen bestimmen.

Je mehr Beweise für den Zuschauer auftauchen, die auf eine Beteiligung der nächsten Umgebung Wynnes bei den Morden andeuten, desto beharrlicher, hartnäckiger, ja besesessener verfolgt das Mädchen mit großen Augen ihre recht unbeholfenen Annäherungsversuche, bei denen sie gewisse Informationen, Umstände und Vorsichtsmaßnahmen schlichtweg ignoriert – sie versteckt sich sogar in einem Auto, um Neues zu erfahren und landet schließlich eingeschlossen in einer Garage.

Natürlich kocht die Milch bald über, aber das geschieht noch bevor der Täter sich wirklich ans Werk macht (dafür sind die letzten 20 Minuten reserviert) und der Thriller wieder in den Vordergrund rückt. Solange muss man sich schon für Jenny Agutters wunderbar ausbalancierte Teenagerfigur begeistern, deren Familie gar nicht in der Lage und auf der Höhe des Interesses ist, den Grad ihrer beinah-inzestuösen Obsessionen (die vom fehlenden Vater gespeist werden, für den George Ersatzfigur ist) auch nur wahrzunehmen.
Ebenso wie die Stadt und ihr altes Viertel im Umbruch (oder Abbruch) sind, reißen die omnipräsenten Bagger hier auch die Kindheitsidylle ein und lassen die Zukunft als Erwachsene unsicher erscheinen, die Sexualität noch nicht voll entwickelt.

In einer Palette aus Weiß- und Grautönen erhebt sich aus der britischen Kleinstadt hier also das Glas- und Stahl-moderne neue England, mit Beatmusik und aufgeklärter Haltung.

Wer am Ende der Täter ist, wird natürlich nicht verraten, allerdings ist Greene in der Thrillerinszenierung nicht halb so subtil wie im Adoleszenzdrama und deswegen verrät sich der Mörder dann doch noch relativ früh in der zweiten Hälfte, wenn man aufmerksam dabei bleibt – allerdings ist der Umgang Greenes bei der Darstellerwhal insofern vortrefflich, wie in dem Film mindestens ein halbes Dutzend Männerfiguren herumlaufen, von denen nicht eine einzige sympathisch ist. Keiner der Beteiligten ist sonderlich angenehm, weder die angehimmelten Männer Corinnes, am allerwenigsten der tattrige Vertreter des Katholizismus.

Das Finale in einem dunklen Park hat dann schon einen kleinen, feinen Stern verdient, wobei auch hier noch einmal Motivationen und Obsessionen zu einem überraschenden Ergebnis miteinander verrührt werden.
Nicht alles ist dabei optimal, das Verrennen in den Adoptivbruder dehnt sich leider manchmal etwas zu sehr und mit 100 Minuten ist der Film etwa 10 zu lang für das sich Wiederholende der Motive, aber der Mischmasch aus dem, was man sehen kann und was Wynne in ihrem Kopf sieht (was für den Zuschauer nicht immer sofort erkennbar ist) ist eine reizvolle Kombination, die gern wiederentdeckt werden sollte. (7,5/10)

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