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Kritik von Dia Noga (Bernd Dötzer)
zu „Horizon“ (USA, 2024), dem ersten Film der geplanten 4-teiligen Wild-West-Saga
- Ohne Spoiler, damit dem zukünftigen Zuschauer alles selbst zu entdecken und zu erleben vorbehalten bleibt. Diese Kritik soll eine Hilfestellung sein, ob der Film sich für den jeweiligen Leser lohnen mag. -
Fangen wir mit dem Titel an: "Horizon"
Ist englisch und bedeutet, was mir klar war, "Horizont". Somit erwartete ich - der möglichst so wenig wie nötig von vorneherein von einem Film wissen möchte - daß damit allumfassend der Wilde Westen und seine Weite und dessen Horizont gemeint war. Was aber nicht der Fall ist, denn Horizon ist der Name einer Stadt, die es noch nicht gibt, gedanklich aber schon. Willige Siedler können sich ein Stück Land dieser zukünftigen Stadt kaufen, sich eine neue Zukunft schaffen, nach all der Mühsal, die sie Europa hat verlassen lassen oder weil sie ihr jetztiges Zuhause in Amerika nicht glücklich machen kann. Horizon ist eine neue Chance, endlich sein eigener Herr zu sein, ein Neuanfang, eine Zukunft ... mitten im Gebiet eines Apachen-Stammes! Was wohl nicht so wirklichkeitsnah den Siedlern kommuniziert wurde.
Aus dieser Tatsache heraus, daß dieser Ort Zukunft verheißt und die Information darüber per englischsprachigem Flugblatt - Flyer würde man heute sagen - ihren Weg zu interessierten Menschen gefunden hat, schöpft der Film nun seine weit umfassende Story:
Wir lernen Haupt- und Nebenfiguren kennen, die sich aus verschiedenen Landesteilen und aus unterschiedlichen Motivationen heraus auf den Weg nach Horizon begeben oder schon dort angekommen sind. Das ist grob der Handlungsstrang von diesem vorliegenden ersten Film der geplanten 4 -teiligen Saga um Horizon.
Ich kann mir nach diesem ersten Werk zumindest denken, daß sich die Geschichten der verschiedenen Figuren in den künftigen Filmen verweben, verbünden oder gegeneinander antreten, Tatsachen schaffen, hassen, lieben, sterben. Der Wandel des Ortes im Laufe der Zeit könnte eventuell auch ein Thema sein.
In diesem ersten Teil jedoch dreht es sich vor allem um den Weg dorthin bzw. den Anfang.
Der Film beginnt im Jahr 1859 mit einer kurzen Vorgeschichte um diesen Ort, den die Weißen nun in Besitz nehmen wollen, dessen Ausgang ahnen läßt, was zumindest ein Hauptproblem sein wird, dem sich alle Figuren stellen müssen.
Danach steigen wir mit der Hauptgeschichte ins Jahr 1863 ein, was bedeutet, daß es in der Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges (1861-1865) spielt. Jedoch - um Enttäuschungen nicht aufkommen zu lassen - ist hier in diesem ersten Teil nichts vom Kampf Süd gegen Nord zu sehen. Zumindest aber spielt blaue Nordstaaten-Kavallerie eine der vielen Rollen.
Weitere Haupt-Gruppen, deren Schicksal wir miterleben dürfen, sind natürlich Siedler verschiedenster Charaktere und das Drumherum wie Glücksritter, Prostituierte, Händler, Kopfgeldjäger und ein Familien-Clan der üblen Sorte, aber auch die "Ureinwohner", wie sie im Film von so manchem genannt werden, also ein Stamm der Apachen.
Und bei diesen Erwähnungen kommt einem unschwer Kevin Costners Kultfilm "Der mit dem Wolf tanzt" (1990) in den Sinn, von dem ich ausgehe, daß jeder Leser diesen kennt. Und ich muß sagen, immer wieder blitzen Momente davon hindurch, die sich langsam zu größeren Bildern zusammensetzen, welche die Hoffnung des Zuschauers mehr und mehr nähren, "Horizon" könnte endlich nach all den Jahrzehnten wieder ein Costner-Film werden, der dem 1990er Ausnahme-Werk in nichts nachsteht.
Doch dafür, lieber Leser, muß man noch abwarten, ob sich die kommenden Horizon-Filme weiter in diese Richtung entwickeln - den guten Ansatz dafür sehe ich zumindest in diesem ersten Teil schon.
Denn die Figuren sind gut gewählt und werden nach und nach immer deutlicher ausgebaut. Sie sind sympathisch oder eben das Gegenteil. Sie sind unsicher oder zerbrechlich, aber entwickeln Stärke. Sie sind hartgesotten aber verletzlich. Vieles wirkt sehr aus dem Leben bzw. der echten Geschichte des Wilden Westens entliehen.
Dies baut Beziehungen zum Zuschauer auf, von denen ich erwarte, daß dies im darauf folgenden Film noch weiter gesteigert wird. Dieser erste Film ist mit 3 Stunden Laufzeit episch angelegt, jedoch müssen hier erst einmal all die verschiedenen Figuren und Gruppen vorgestellt und von uns Zuschauern angenommen werden, was ihm meiner Meinung nach auch gelingt.
Es entwickeln sich im Laufe der Geschichte zwischen Figuren Bande des Herzens aber auch der Verantwortung gegenüber dem anderen. Also moralisch hochwertige Motivationen lösen die zu Beginn ursprünglich notgedrungenen Bindungen ab. Man ist nicht nur zum Schutz des Siedler da, sondern verliebt sich. Man übernimmt Verantwortung für einen Menschen, obwohl man selbst dem Ärger aus dem Weg gehen könnte. Man entscheidet sich für seinen weisen Vater und nicht für den kampfeshungrigen Bruder.
In diesem Sinne fand ich eine Szene sehr berührend, die auch aus dem Leben stammen mag: Einem Mädchen, vielleicht 15 Jahre alt, dem zwei Soldaten der begleitenden Einheit unbewußt vertraute Begleiter werden, die immer wieder mal in ihrer Nähe sind, sich ein wenig kümmern, wird eben das erst bewußt, daß diese beiden ihr etwas bedeuten, eine Art zusätzliche Familie, Freunde, die sie in ihr Herz geschlossen hat, als die zwei in den Kampf gegen die Südstaaten ziehen und somit sie verlassen müssen. Die Reaktion des Mädchens und der anderen vor Ort offenbaren das wahre Herz und das eigentliche, was jedem berühren mag, der Freunde und Familie wegen Krieg entzweien sieht.
Und vielleicht zeigt diese Szene, wie ein zivil-militärischer Brauch entstand.
Und Kevin Costner?
Ja, der kommt ... allerdings erst nach einer Stunde, aber ab da dann immer wieder. Er hat tatsächlich am Anfang anderen den Vortritt in seinem Film gelassen. Und wie gut er aussieht! Er spielt den etwas in die Jahre gekommenen Westmann, der nicht viel redet, mit dem Revolver umgehen kann, aber erst einmal abwartend, ausweichend reagiert.
"Horizon" ist ernst gemeint, versucht historisch zu erklären, nimmt dich nach und nach in die Charaktere mit hinein, hat aber von Anfang an immer wieder Höhepunkte über die Handlung verteilt.
Dieser erste Film der Horizon-Saga erinnert mich an eine Mischung aus "Der große Treck" (1930, John Wayne), "Der lange Treck" (1979-1980, TV-Serie), "Der mit dem Wolf tanzt" (1990, Kevin Costner), "Wyatt Earp" (1994, Kevin Costner), "Tombstone" (1993, Kurt Russell), "Das war der Wilde Westen" (1962) und alle anverwandten Filme, aber amerikanisch, kein Italo, keine Komödie - aber Gott sei Dank auch kein "Open Range - Weites Land", Kevin Costners Western von 2003, der mir gar nicht gefallen hat, zu grob, ohne Romantik in Bild, Story & Charakter, ohne Charaktere, die ich ins Herz nehmen möchte.
Was aber Kevin Costner bewußt nicht wiederholen möchte, wie mir scheint, denn die oben genannten Filme, an die mich "Horizon" erinnert, zeugen von ganz anderer, hochwertiger erzählerischer Qualität, die in diesem ersten Film definitiv immer wieder spürbar ist - aber steigerungsfähig, und hoffentlich in den nächsten Filmen immer weiter bis zur Spitze getrieben wird, um ein neues Gesamt-Meisterwerk zu schaffen. Soweit mein Gefühl und meine Hoffnung.
An "Horizon", dem ersten Film, hat mir nur der Schluß gar nicht gefallen - denn da ist kein Schluß, sondern - und das verrate ich hier - man konnte es fast ahnen - es endet ziemlich wie "Der mit dem Wolf tanzt", irgendwie mitten in der Geschichte, mit einer Vorschau was folgen würde, diesmal aber nicht in Worten, sondern als Bewegtbild mit Ausschnitten aus dem folgenden zweiten Film.
Zumindest weiß man, daß es weiter geht und diese Fortstzung auch existiert.
Ich persönlich freue mich darauf, Horizons Geschichte weiter zu verfolgen.
Falls es den ein oder anderen Leser hilft:
Zum Beurteilen nehme ich lieber Schulnoten (1-6) her und da ist z.B. eine 3 befriedigend, für mich also echt in Ordnung.
So gebe ich "Horizon", dem ersten Film der Saga, eine 2- (2 minus), somit gut.
Nun viel Erfolg beim Abschätzen, ob der Film für Dich, geneigter Leser, tauglich erscheint.