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Gerade. Kurve. Gerade. Ziel. Der Weg allen Lebens. Einfach, schnörkellos, formvollendet und voller einleuchtender Wahrheit. „Fury Road“ war 2015 nicht einfach nur eine audiovisuell betörende Kohlenwasserstoffexplosion vor der orange-blauen Kulisse australischer Wüstenlandschaften, sondern in all seiner Schlichtheit ein Symbol für den inneren Antrieb einer jeden von der Natur ausgespuckten Kreatur, in feindseliger Umgebung zu überleben.

„Furiosa: A Mad Max Story“, 2024. Diesmal als Einstieg zentral im Bild platziert ist nicht etwa der Blick vom Canyon auf staubige Ödnis, sondern ein saftiger Pfirsich. Noch ein Symbol also, diesmal aber eines, das dem Überlebenskampf einen Lohn in Aussicht stellt. Er leuchtet entsprechend verführerisch, wie er in der Krone eines Baumes ruht, auf einer Anhöhe inmitten einer Oase, die wiederum im Herzen derselben australischen Wüste liegt, in der Max gerade irgendwo ein Lagerfeuer entfacht und sich eine Eidechse röstet.

Der Weg ist nicht länger schnörkellos, er schlägt diesmal ziemlich viele Haken. Es geht von der Baumkrone in die Vertikale, Schleichwege durchs Gestrüpp werden genommen, es entsteht ein Überraschungsmoment, gefolgt von Chaos, dieses wiederum mündend in eine Flucht, die eine Verfolgung zur Konsequenz hat, in welcher auf einmal die Machtverhältnisse wechseln. Die Moral von der Geschicht': Zwei Entführer fliehen am Ende des ersten Akts mit einem Kind aus dem Grün hinaus ins Orangene, und die Mutter folgt ihnen. Die Jagd verläuft nicht linear wie in jenem großen Epos, in dessen Schatten hier eine Vorgeschichte entsteht, sondern ähnelt im Ablauf eher den Bewegungen einer Seitenwinder-Klapperschlange.

Die Symbolik des Überlebens ist erhalten geblieben, doch diesmal ist es eher die Mechanik des Überlebens, die George Miller in den Vordergrund rückt. Im Affekt der Verfolgungsjagd werden im Sekundentakt Automatismen gezündet, deren Funktionsweisen nicht extra erklärt werden müssen, denn sie erklären sich im intuitiven Fluss der Einstellungswechsel irgendwann von selbst. Man sieht da diese seltsamen Wüstengestalten, die selbst unter akuter Lebensgefahr Erstaunliches zu leisten imstande sind, ohne viele Ressourcen zur Verfügung zu haben. Innerhalb weniger Augenblicke werden Motorräder wie mobile Ersatzteillager auseinandergenommen und andere wieder mit den Teilen zusammengesetzt, und niemand ist während dieser Aktionen dumm genug, sich wie ein Greenhorn auf den Kamm der Düne zu stellen, um sich wie ein Handlanger in einem James-Bond-Streifen aus der Ferne abknallen zu lassen. Man bekommt da Vertreter einer degenerierten Weltordnung zu sehen, die aber ihre besonderen Fähigkeiten an die Umweltbedingungen angepasst und mit der Zeit perfektioniert haben. So wie es die Evolutionsbiologie mit sämtlichen erfolgreichen Spezies tat. Fachidiotie in Vollendung.

Eine Welt mit solchen unausgesprochenen Details anzureichen und auf diese Weise schlüssig wirken zu lassen, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Kernkompetenz der gesamten Franchise, die sich Miller auch im neuesten Ableger bewahrt hat. Es gelingt ihm nach wie vor, eine Geschichte vorrangig durch Bewegung und Ablauf zu erzählen, über die primären stilistischen Mittel eines Actionfilms also, der bei „Fury Road“ als Genre sogar durch die Academy endlich mal wieder erzählerisch anerkannt und nicht als Stunt-Show abgewunken wurde. Diese Stärke teilen sich „Fury Road“ und „Furiosa“. Eine Gabelung erreichen sie dann aber doch und nehmen getrennte Wege, als sich auf einmal die Welt öffnet, die bis dahin nur angedeutet wurde. Ab diesem Punkt ist das eine kein Klon mehr vom anderen.

Als Miller uns einen kurzen Blick auf das Dorf gewährt, aus dem Furiosa stammt, kommen daher auch kurz Donnerkuppel-Gefühle auf, die sich im Getöse der Motoren aber schnell wieder verflüchtigen. Von der Völkeresoterik des dritten Teils hält sich der Regisseur diesmal wohlweislich fern. Vielmehr lässt er durch die neu gewonnene Weite eine ähnliche Wirkung entstehen, wie sie das „Mad Max“-Videospiel von 2015 erzeugte, um den zugehörigen Kinofilm mit seiner Open World zu erweitern. Strukturen etwa zwischen der Zitadelle, Gas Town und kleinen Siedlungen werden klarer ausgearbeitet, Kulissen von ihrer Autonomie befreit und die Weiten des Wastelands zu Verbindungsstraßen erklärt. Ähnliches geschah zwar schon im Vorgänger, jedoch nicht mit einem derart prüfenden Blick für jedes einzelne Rädchen, das sich im Hintergrund dreht. Die Denkweise eines Immortan Joe zum Beispiel, damals noch kryptischer Hauptantagonist, wird diesmal trotz Degradierung zur Nebenfigur raffiniert offengelegt, ohne ihn ganz zu entmystifizieren. Hauptsächlich beobachtet er, seine Entscheidungen äußern sich dann implizit im Handeln seiner Untergebenen, dem People Eater (John Howard) vor allem oder auch Rictus Erectus (Nathan Jones).

Diesen ungewöhnlichen Kniff, wichtige Figuren und ihren Einfluss auf die Handlung eher im Hintergrund aufzubauen, wendet Miller nicht zuletzt auch auf seine Titelfigur an. Es wäre ein Leichtes gewesen, den mit Shootingstar Anya Taylor-Joy neu besetzten Charakter Furiosa wortwörtlich in den Sand zu setzen, wäre man dem Leitfaden des neuen feministischen Hollywood-Kinos gefolgt. Eine Darstellerin, die sich ohnehin gerade auf einem Peak ihrer steilen Karriere befindet, mit all ihrem Glamour zum Fixpunkt des Films aufzubauen, das wäre wohl die bequemste Methode gewesen, eine fatale Entscheidung aber noch dazu, die vermutlich den gesamten Film ruiniert hätte. Miller jedoch weiß, wie man feministisches Kino richtig anpackt, das hatten zuletzt noch „Three Thousand Years of Longing“ (2022) oder eben der erste Auftritt Furiosas 2015 bewiesen.

Taylor-Joy ist dabei zunächst kein Thema, denn Alyla Browne spielt fürs Erste die jüngere Ausgabe Furiosas, und das tut sie so überzeugend, dass die Staffelübergabe an die Hauptdarstellerin - ein Moment, der in vergleichbaren Filmen oft mit einem harten Cut und einem Zeitsprung eingeläutet wird - beinahe schon so etwas wie einen Morphing-Effekt erzeugt. Browne wird genug Zeit eingeräumt, der Figur alle Grundlagen mitzugeben, und Taylor-Joy muss einfach nur zugreifen. Diese wiederum denkt gar nicht daran, den Film vollends an sich zu reißen, sondern lässt ihn atmen und gewinnt dafür in zweiter Reihe unheimlich an Stärke, womit sie sich der Unterstützung eines Großteils des Publikums sicher sein dürfte, selbst desjenigen Teils, der aufgrund des Wechsels von Theron zu Taylor-Joy skeptisch war. Dass klammheimlich auch der Darsteller von Immortan Joe ausgetauscht wurde (Lachy Hulme für den zwischenzeitlich verstorbenen Hugh Keays-Byrne), sieht man dem Ergebnis in Bewegung in keinem Moment an, und was Tom Burke angeht, der als eine Art Ersatz-Max die Karawane ein gutes Stück begleitet, könnte man in manchen Einstellungen sogar glauben, er sei mit der 70er-Jahre-Version eines Stacy Keach verschmolzen. So mühelos schmiegen sich die Darsteller in ihre Stiefel, unterlaufen von zahllosen War Boys in Kalkweiß und Silber.

Und dann ist da eben noch Chris Hemsworth, ein durchaus streitbarer, zweifellos aber charismatischer neuer Gegenspieler, dem man im ersten Moment vorwerfen könnte, selbst im Rahmen dieser durchgeknallten Welt voller Irrsinn und Verblendung zu „drüber“ zu sein, der unter seiner falschen Hakennase und seinen falschen Hasenzähnen aber im Grunde eine relativ besonnene, fast schon sanfte Performance abliefert, die seine Tyrannei im Kontrast umso grausamer erscheinen lässt. Irgendwo zwischen der Exzentrik eines Motorradgangleaders, der politischen Karikatur eines Julius Cäsar und der mythologischen Verzerrung griechischer Götter wie Apollo und Dionysus hat auch Hemsworth durchaus mehr zu bieten als seine üblichen Fisimatenten aus der Thor-Schule, gerinnt er doch zu einer eher bizarren als belustigenden Comicfigur, der durchaus etwas Tragisches anhaftet, was sich nicht zuletzt aus dem Umstand ergibt, dass er ein Schlüsselspieler in einer epischen Tragödie ist.

Um die nötigen Netze für dieses post-bürgerliche Trauerspiel zu spinnen und nebenbei auch den - so viel zur Epik - nach Stunts geifernden Zuschauer zu befriedigen, wird es natürlich auch regelmäßig spektakulär auf der Leinwand. In den Höhepunkten erreicht „Furiosa“ dabei sogar wieder die Intensität der Schlagloch-Stellen auf der „Fury Road“. Wenn sich die Piraten von ihren Fahrzeugen entkoppeln und von Erde über Luft bis Feuer und Benzin alle Elemente nutzen, um den perfekten Angriffspunkt auf einen Gemüselaster zu finden, der als Teil eines Deals unter Bandenführern über offenes Gelände eilt, dann brennt die Lunte lichterloh. Regie, Kamera und Schnitt wissen das seit „Mad Max 2“ altbekannte, aus zahlreichen Western stammende Motiv variantenreich zu alternieren und immer mal wieder mit ungewöhnlichen Perspektiven oder Kamerafahrten zu verblüffen. Das Tempo bleibt hoch, die Übersicht gewahrt und der Score ist unentwegt damit beschäftigt, einfach nur die Luft anzuhalten, bis endlich die Entladung ansteht. Unter dem Strich wirkt die Action dann aber doch etwas fahriger als in „Fury Road“, dessen unbegreifliche, nicht enden wollende Abfolgen von Ursache und Wirkung man fast wie durch die Egoperspektive mitten aus dem Auge eines Sturms erlebte. Auch an den visuellen Filtern wurde wohl noch etwas gedreht, so dass einige Passagen inzwischen doch überzüchtet wirken, was in der Gesamtkomposition zu einer gewissen Inhomogenität führt, zumal sich die Computereffekte nicht mehr ganz so nahtlos mit der On-Set-Effektarbeit verbinden wollen.  Dazu macht sich die Überlänge schließlich bemerkbar, als im letzten Drittel eine gewisse Ermattung einkehrt ob der grellen Kontraste in Kombination mit waghalsigen Manövern... vielleicht hat „Fury Road“ mit seinen runden 120 Minuten da einfach die bessere Balance erwischt.

Eine Steigerung oder auch nur ein ebenbürtiges Follow-Up war ohnehin nicht zu erwarten. Im Grunde ist „Furiosa“ aber genau das geworden, was man von einem George Miller hatte erwarten können: Weder liefert er aus Bequemlichkeit eine Kopie seines inzwischen legendären Comebacks, noch folgt er den Standards, die für das Prequel einer populären Marke dieser Preiskategorie in Hollywood gelten. Vielmehr widmet er sich der Multiperspektivität des Erzählens, einem Thema, dem er seit „Three Thousand Years of Longing“ auf der Spur zu sein scheint, und wendet es ausgerechnet auf das wortkarge Mad-Max-Universum an. Das mag in Wort und Bild nicht immer ganz rund wirken; insbesondere die für das mehrdeutige Finale so abrupt abgewürgte Action, die bis dahin noch frei atmen konnte, dürfte manches Stirnrunzeln verursachen. Gerade aufgrund der enthaltenen Abweichungen zu gängigen Blockbustern wird aber immer noch eine gewisse Bedeutsamkeit erzeugt, die davor schützen dürfte, im Meer der belanglosen Big-Budget-Bespaßung zu versinken. Und in der richtigen zeitlichen Reihenfolge genossen, liefert Miller hiermit die Sprungschanze für ein im wahrsten Sinne des Wortes episches Double Feature.

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