Eins vorweg: Die Figur des „Mad“ Max Rockatansky vermisst man in diesem Film keine Sekunde. Im Gegenteil – man könnte sich schon nach den ersten fünf Minuten auch einen eigenen Film mit Furiosas Mutter Mary (Charlee Fraser) und ihrem Clan vorstellen, so stark und präsent sind von Anfang an hier die Frauenfiguren. Damit steht FURIOSA in einer Linie mit FURY ROAD. Dort hatte sich Tom Hardy bereits die Hauptrolle mit der von Charlize Theron interpretierten Furiosa geteilt, das Prequel dazu ist nun gleichzeitig ihre „Origin Story“.
Bestand FURY ROAD im Grunde aus einer langen Verfolgungsjagd, so reihen sich hier mehrere Hetzjagden, Verfolgungen und motorisierte Überfälle nahezu nahtlos aneinander. Wie auch schon im Vorgänger/Nachfolger sind auch sie der Hauptgrund, FURIOSA zu sehen, vor allem: im Kino mit größtmöglicher Leinwand und bestmöglichem (OV-)Sound zu sehen. Der „Wow“-Effekt, den die Actionszenen in FURY ROAD vor neun Jahren auslösten, kann zwar nicht mehr ganz reproduziert werden, doch was es hier zu sehen gibt, ist immer noch ganz großes Kino, inszeniert mit einer Souveränität und einem Gefühl für Raum, Bewegung und Physikalität, die ihresgleichen sucht. Da können alle zeitgenössischen Blockbuster und CGI-Spektakel einpacken, höchstens Spielbergs erste drei INDIANA JONES-Filme wären noch eine gültige Referenz, nicht zuletzt natürlich wegen der unglaublichen Stunts auf, neben und unter dem chromglänzenden Tanklaster.
Apropos CGI: Ja, es stimmt leider, einige Effekte sehen etwas billig aus, wurden im Studio vor der Greenscreen schlecht ausgeleuchtet oder sind mit weniger Sorgfalt als üblich animiert. Doch das betrifft nur wenige Szenen, die hauptsächlichen Action-Setpieces sind weitgehend handgemacht, das hier ist glücklicherweise nicht ESCAPE FROM LA.
Die Handlung dieses Endzeitwesterns ist ähnlich reduziert wie in den bisherigen Filmen: Der anarchistische Bandenführer Dementus (nicht wiederzuerkennen, aber sichtlich spielfreudig: Chris Hemsworth) bringt das Machtgefüge des „Wastelands“ durcheinander, indem er „Gastown“, einen der drei Wirtschaftszweige, einnimmt und die Preise für Benzin hochtreibt. Das sorgt für Unmut bei Immortan Joes Wasserquelle „Citadel“ und der „Bullet Farm“, was die oben erwähnten kriegerischen Auseinandersetzungen nach sich zieht. Die junge Furiosa (wortlos präsent: Alyla Browne, STING) wird zunächst zwischen Dementus und Joe herumgereicht, entgeht jedoch zunächst ihrem Schicksal in Joes Harem und wird zur Kurierfahrerin zwischen den „Fortresses“. Hier bekommt sie (inzwischen Anya Taylor-Joy, die zeigt, dass sie auch Action kann) mit „Praetorian Jack“ (cool: Tom Burke) auch einen „Mad Max“ Platzhalter zur Seite gestellt – die vielleicht streitbarste Drehbuchentscheidung, denn weder eine „male saviour“ Figur noch ein „love interest“ passen so richtig in den Film. Zwar wirkt die Story der beiden als temporäre Wegbegleiter letztlich rund, es bleibt dennoch die Frage, wozu diese offensichtliche Parallele zu FURY ROAD nötig war.
Doch die Story eines Mad Max-Films rückt ohnehin in den Hintergrund, wenn im Vordergrund ein derartig gelungenes Worldbuilding zu erleben und zu bestaunen ist. Hier überrascht vor allem, dass das Videospiel von 2015 so plakativ referenziert wird – Spielern werden sowohl Gastown als auch diverse Wege und Gefährte sehr bekannt vorkommen, auch die Figuren "Scrotus" und "Chumbucket" hatten ihren Ursprung im Spiel.
Insgesamt bietet FURIOSA ein Actionkino für die Sinne, das mittlerweile leider vom Aussterben bedroht ist. So schmerzt es um so mehr, dass der Film ein katastrophales Startwochenende hingelegt hat und eine Finanzierung weiterer Mad Max-Abenteuer Stand jetzt wohl nur noch mit Hilfe zahlungskräftiger Streaminganbieter möglich sein wird. Hoffentlich dann wenigstens mit einer zusätzlichen Kinoauswertung.