Wie ein scharfes Messer über Metall…
„Chime“ ist ein wirklich fieser und vieldeutiger J-Horror-Mittellangfilm (45 Min.) von Meister Kiyoshi Kurosawa („Pulse“, „Seance“, „Cure“, „Creepy“) über den (scheinbaren?) Leiter eines Kochstudios, bei dem sich ein Teilnehmer plötzlich sehr seltsam benimmt, meint er höre dauernd ein nicht-menschliches Glöckchen bzw. Schrillen, man hätte die Hälfte seines Kopfes ersetzt und der sich dann schockierend selbst das Leben nimmt…
Depressionen am Herd
Absolute Erklärungen und Auflösungen darf hier keiner erwarten. Gänsehaut noch Tage danach allerdings schon. Ein paar mehr Hinweise und etwas mehr Handfestes hätte ich mir schon gewünscht. „Chime“ hält bis auf seine blutigen und erbarmungslos tiefen Messerstiche wirklich alles sehr vage und nebulös, unterschwellig und psychologisch, geheimnisvoll und frostig, mehrseitig und metallisch. Doch seine Wirkung verfehlt er nicht. Die knackige Laufzeit, die menschenfeindliche Atmosphäre, die vielen Fragen und Thesen. Das ist höchst löchrig und doch tight wie ein Nonnenpopo. Obskur, nischig, böse. Nahtlos und rein. Psychohorror done japanese right. Von Dämonen über Alieninvasion bis zur Ausartung des japanischen (Selbst-)Morddrangs oder einfach nur einer Psychose bzw. einem Traumata - hier ist sehr viel möglich, nichts sicher. Und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ich auch in einigen Tagen noch an „Chime“ mit einem gut-unguten Gefühl zurückdenken werden. Sowas kann fast nur Kurosawa momentan. Monochrom fast. Stylisch ohne Ende. Hypnotisch abstoßend. Warnender Wirkungstreffer. Metallischer Wahnsinn. Eines der krassesten Sounddesigns des Jahres. Klangstiche. Audiowellen wie eine Lobotomie. Wie oft bei Kurosawa mit pandemischen wie psychologischen Konzepten, die echt unter die Haut und die Hirnrinde gehen…
Das Zirpen der spiegelnden Flächen
Fazit: ungemütlicher, kalter, unterschwelliger und unerklärter J-Horror-Edelsnack zwischen Elektronik und Entmenschlichung. Etwas Lynch, etwas Tetsuo, ganz Alptraum. Das klirrt noch Tage nach!