Review

Kintoppkontrollverlust

„Shaitaan“ ist ein indischer Mysteryhorrorfilm, der im März übersichtlich in den deutschen Kinos startete und nun schon auf Netflix abrufbar ist, dort hoffentlich einem größeren Publikum zugänglich und zusagen wird. Ich finde ihn toll! Man könnte ihn ein wenig beschreiben und andeuten, als ob Shyamalans indischer Cousin seinen übernatürlichen „Funny Games“ auf die Beine gestellt hätte. Stephen King auf indisch meets gemeine Home Invasion. Weit, weit weg von Bollywood… Erzählt wird von einer glücklichen vierköpfigen Familie, die in ein abgeschiedenes Landhaus fährt, um ein paar entspannte Tage zu haben. Doch auf dem Weg dorthin begegnen sie bei einem Restaurantzwischenstopp einem zuerst freundlichen, dann etwas seltsamen Mann, der der Teenagertochter eine „Süßigkeit“ gibt, die sie unter seine Kontrolle stellt! Sie hört auf seine Worte und Anweisungen ohne Gegenwehr! Sie steht unter seinem Bann, was zuerst aber gar nicht auffällt. Doch als der stoisch-charismatische Fremde dann auch im Feriendomizil auftaucht und nicht gehen will, beginnt ein böser Psychokrieg…

Gottergeben

Es war 1 Uhr nachts, ich war sau müde und war mir sicher, dass ich diesen zweistündigen Horrorthriller nur beginnen, nicht komplett angucken würde. Doch nach spätestens fünfzehn Minuten und einer kurzen, trügerisch-idyllischen Familiencollage (samt indisch-kitschigem Song) war ich hooked: was hat's mit dem Fremden auf sich? Ist das hier okkulter Horror oder handelt es sich um einen realistischeren Aufhänger, etwa mit Drogen oder einer persönlichen Rachestory? Wird es subtil und psychologisch a la Haneke bleiben oder artet das noch in bösere Gefilde a la der „neuen französischen Härte“ von vor ca. 15-20 Jahren aus? Was ist das für ein episches Intro samt Song am Anfang? Was traut sich das indische Horrorkino von heute? Und und und. Die Wege und Möglichkeiten, die Überraschungen und mein Kopfkino überschlugen sich. Selten haben mich eine Idee bzw. Ausgangssituation, aus der man massiv in alle Richtungen spinnen kann, neidischer gemacht und besser unterhalten. Zumindest bis dann die Masken ganz fallen, man weiß um was es geht und das letzte Drittel dann doch etwas pathetisch wirkt und gegen die Möglichkeiten und das Gedachte nur verlieren kann. Und dennoch kann ich hier insgesamt nur einen dicken Daumen nach oben geben. Für Thriller- wie Horrorfans, für Indiennewbies wie -experten. Von spanischen Thrillern a la „The Body“ über king'sche Mysterien bis zu härteren Home Invasion-Hits a la „Kidnapped“. Das hier deckt eine breite Schnittmenge ab. Ich blieb jedenfalls bis tief in die Nacht und zum Ende dran. Draußen donnert und stürmt es, die Atmosphäre ist bis auf Anschlag gespannt. Vor allem der „Shaitaan“ höchstselbst hat dermaßen Freude am Bösen, an Psychospielchen, dazu ein perverses Charisma und diabolisches Grinsen - sau gut gespielt! Respekt! Andere Figuren und Darsteller wie der Vater kommen da nicht ganz heran, verhalten sich auch sehr inkohärent und seltsam, gerade im Vergleich zu ihrer bad ass'igen Einführung. Aber mit allzu viel Logik muss man hier eh nicht kommen. Eine krasse „Was würdest du tun?“-Situation ist’s trotzdem.

Fazit: starker Mysteryhorror mit einem famosen „Satan“, einer fiesen Idee und unangenehmen Vibes. Schade, dass er nicht auch körperlich noch wesentlich böser wird. Dennoch: psychologisch und filmtechnisch ein fesselndes Brett. Ein böser Inder!

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