Jackie Chans Gangsterfilmkomödie “Miracles” versteht sich als Remake von Frank Capras letzter Regiearbeit “Die Unteren Zehntausend” aus dem Jahr 1961, welches wiederum eine Neuinterpretation von einem Film aus Capras Frühwerk darstellt: “Lady für einen Tag” von 1933. In allen drei Filmen geht es darum, dass eine Mutter ihrer Tochter aus einer Notlage heraus vorspielen muss, sie sei eine wohlhabende Frau, wobei sie in Wirklichkeit in ärmlichen Verhältnissen lebt. Es gilt also jeweils, eine Scheinfassade aus Glanz und Reichtum zu erstellen für die Zeit, in der die Tochter ihre Mutter besucht.
Chan, der erneut nicht nur die Hauptrolle übernahm, sondern zugleich das Drehbuch schrieb und Regie führte, betrachtet diesen Film seiner Autobiografie zufolge als seinen persönlichen Lieblingsfilm. Und es scheint wirklich Liebe gewesen zu sein; Liebe zur Geschichte, Liebe zu den Charakteren, Liebe zum Detail. Selten war ein Jackie Chan-Film so durchdacht und fein abgestimmt wie diese Huldigung an Capras Screwball-Comedy.
Aufgezogen wird die erstaunlich stimmige Story als Historienfilm der jüngeren Geschichte: Wir sind wieder mitten in den Dreißigern, womit der Kreis zu “Lady für einen Tag” wieder geschlossen wäre.
Wah Kuo (Jackie Chan) ist ein durchschnittlicher Kerl auf der Suche nach Arbeit, als er plötzlich zwischen die Fronten zweier Gangsterbanden gerät. Einem Gangsterboss kommt er mehr reflexartig als gewollt zur Hilfe. Zwar kommt für den Kopf der Bande jede Hilfe zu spät, aber kurz vor seinem Tod ernennt er den jungen Wah Kuo zu seinem rechtmäßigen Nachfolger. Vom Schicksal gnadenlos ins kalte Wasser geworfen, hat der sich nun bei seinen misstrauischen Untergebenen sowie bei seinen knallharten Geschäftspartnern zu beweisen. Doch wider Erwarten macht sich Wah Kuo in seiner Aufgabe ganz gut.
Er selbst glaubt, sein neu gewonnenes Glück der Rosenfrau zu verdanken, die ihm vor der ganzen Sache eine Rose als Glücksbringer verkaufte. Von nun an verstreicht kein Tag mehr, an dem Wah Kuo keine Rose bei ihr kauft - bis sie eines Tages mitten auf der Straße zusammenbricht. Die Nachricht hat sie ereilt, dass ihre Tochter auf dem Weg zu ihr ist, um ihren Gatten vorzustellen. An sich doch eher eine Sache der Freude - wäre da nur nicht der Umstand, dass die Mutter ihrer Tochter erzählt hat, sie sei eine wohlhabende Frau.
Prompt entschließt sich Wah Kuo, seine Macht einzusetzen, um der Rosenfrau zu helfen. Er inszeniert ein riesiges Theater, um der Tochter die Illusion zu geben, ihre Mutter sei den besten Kreisen angehörig. Doch Unvorhergesehenes wie gegnerische Banden und unzufriedene Geschäftspartner erschweren die Sachlage...
Verblüffend harmonisch fällt auf diesem Hintergrund nun zunächst die Optik aus, darüber hinaus einfach alles, was damit zu tun hat, wie das Geschehen auf Zelluloid gebannt wurde. Die Kulissen sind brillant, die Kostüme authentisch. Die Kameraarbeit ist auf Hollywood-Niveau, der Filmschnitt (welcher auch eine Nominierung bei den Hongkong Film Awards einheimsen konnte) steht dem in nichts nach, und die musikalische Untermalung von Siu Tin-Lei (“Project A”) macht den Film rein visuell-akustisch zu einer Delikatesse. Von Kompromissen ist hier also keine Spur - man wird direkt von den positiven Bezügen zur Periode der Dreißiger Jahre gefangen genommen.
Wo viele US-Filme dieser Zeit bzw. die in dieser Zeit spielen, nachvollziehbarerweise versuchen, Wirtschaftskrise und Prohibition nachzuzeichnen und die gesellschaftlichen Schrecken aufzuzeigen, wird Hongkong in diesem Film in warmen Farben dargestellt. Auch hier gibt es zwar sich bekriegende Banden, Schusswechsel und fiese Geschäfte, doch die Chan-typische Komödie entpuppt sich hier als perfekt passender Baustein, um von der tristen Seite abzusehen und die Dreißiger der Abwechslung halber in einem positiven Grundklima zu zeigen. So wird Jackie Chan am besten dem Lebenswerk des Frank Capra gerecht, dessen lebensbejahende Filme überhaupt oft ein Gegengewicht erstellen sollten für die oftmals bittere Realität - an der Spitze wohl “Ist das Leben nicht schön”, das Vorzeigewerk für ein Genre, das nichts anderes im Sinn hat.
Chans Wah Kuo ist dementsprechend auch ein grundehrlicher Charakter, dem nun überwiegend der Comedy halber plötzlich ganz neue Möglichkeiten offenstehen, die er im folgenden allesamt in guten Absichten nutzen wird. Die Macht und ihre Eigenschaft als Instrument für gute oder schlechte Zwecke wird somit zu einem der Hauptaspekte, was die Handlung betrifft. Schön ist es, wie dieser Gegenstand von Chan behandelt wird: Der Hauptfigur wirft er ein Konstrukt aus Möglichkeiten und moralischen Fallen entgegen und sieht dabei zu, wie sich die Figur durch dieses Konstrukt kämpft. Dieses Konstrukt ist sozusagen ein Neutrum, dem erst Werte angehangen werden, indem die Hauptfigur auf sie reagiert. Beginnend bei der anfänglichen Situation rund um die Schießerei zwischen den Gangsterfamilien über das Angebot des Polizeikommisars (Richard Ng, “Winners & Sinners”), mit ihm zusammenzuarbeiten, der Art und Weise, wie auf die kritischen Gangmitglieder zu reagieren ist bis hin zu der Frage, ob man der Rosenfrau bei ihrer Notlage helfen soll, und wenn ja, wie man das tut. Für Wah Kuo sind die kompletten zwei Stunden gefüllt mit Entscheidungen, die zu bewältigen sind, und durch diese Entscheidungen zeigt sich, was für ein Mensch er ist. Und dies darzustellen, war vielleicht die schwierigste Aufgabe, die Chan als Regisseur zu bewältigen hatte, die ihm durch seine penible Arbeit jedoch über weiteste Strecken gelungen ist.
Sicherlich gibt es dennoch den ein oder anderen Hänger, wie man nicht unangemerkt lassen sollte. 122 Minuten sind für einen Chan-Film bereits eine Menge Holz, und wenn man nun noch ergänzend erwähnt, dass die Action sehr kurz kommt, wird das generelle Problem deutlich: Bisweilen verheddert sich die Charakterzeichnung in den eigenen Fäden. Enorm viele Figuren werden vom Drehbuch berücksichtigt und miteinander in Kontakt gesetzt. In der Folge entstehen überproportional viele Dialogszenen, in denen man vor so mancher Länge leider nicht verschont bleibt. Oft liegt es auch daran, dass erst rückblickend klar wird, was diese oder jene Szene für den Handlungsverlauf zu bedeuten hat; dem sicherlich gut durchdachten, aber nicht immer durchsichtigen Plot kann der Zuschauer gerade zur Filmmitte hin nur selten geradeaus folgen, was sich negativ auf die Konzentration desselben auswirken kann.
Die Interaktion der Figuren miteinander in ihrer Darstellung kann jedoch nicht bemängelt werden, zumal Chan auf viel Prominenz zurückgreifen konnte, die sich glücklicherweise in bester Spielfreude zeigt. Chan selbst geht mit bestem Beispiel voran und mimt den zum Gangsterboss aufgestiegenen Normalo mit vollem Einsatz. Sein Acting ist durch und durch plausibel, was gerade in dieser speziellen Herausforderung, einen mächtigen Mann darzustellen, Gold wert ist - denn wenn man schon ausgerechnet den Kopf einer Gangsterbande zur Identifikationsperson machen will, dann sollte das auch jemand sein, in dem man sich wiederfinden kann - und dafür ist Jackie stets der Richtige.
Ansonsten steht der Rest der Crew dem in nichts nach - da hätten wir eine spielfreudige Anita Mui, einen herzlichen Bill Tung, einen fiesen Chung Hsiang Ko und einen hochnäsigen Richard Ng - selbst Mars ist neben seiner Tätigkeit als Stuntman in einer kleinen Rolle als Polizeibeamter zu sehen. Wir haben es hier also wahrhaftig mit einem “Spiel-Film” zu tun, wo das Schauspiel der Darsteller alles andere überwiegt.
So auch die Action, deren quantitativer Mangel jedoch durch formidable Qualität ausgebügelt wird. Highlights nicht nur dieses Films, sondern wohl des kompletten Filmjahres (mindestens) ist der Kampf mit der Rikscha auf dem Markt (die eine spektakuläre Rutschpartie Chans zur Folge hat) sowie ein weiteres Mal das Finale, wieder in einer Fabrik, wieder überragend, was die Choreografie und die Umsetzung betrifft - dafür gab’s dann auch den Hongkong Film Award.
Es ist eine bedeutende Erkenntnis zu ziehen für jene, die Jackie Chan nur als Kampfwiesel und Pausenclown kennen. “Miracles” beweist, dass der kleine Chinese nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera ein hervorragender Akteur ist, der einwandfreie Arbeit auch abseits von Kämpfen und Albernheiten abliefern kann. Rein cineastisch handelt es sich hier um Jackies zweifellos mit Abstand beste Regiearbeit, auf die er zu Recht auch ganz besonders stolz ist. Seine Neuerzählung von Frank Capras letztem Film ist, was Story, Figuren und Atmosphäre betrifft, eine rundum gelungene Adaption geworden, die sich vor niemandem verstecken muss. Kleinere Längen seien verziehen, während der Actionmangel keineswegs verziehen werden muss, denn der ist absolut treffend gewählt.