Meh...
Der Ausspruch resignierter Unentschlossenheit könnte auch Namensgeber für ein Subgenre sein: Moderne Fortsetzungen. Immer wieder bekommen Kultfilme ihre Fortführung, werden Teil eines größeren Universums. Plötzlich stehen ganze Filmreihen in Aussicht (vier TV-Serien, drei Reboots), der Plan geht bis in entfernte Jahrzehnte. Ganz so dystopisch ist es bei den Ghostbusters vielleicht noch nicht – aber die Weichen sind zu sehen.
Schaurig kalt wird es also: Frozen Empire heißt der neueste Streich einer Franchise, die längst keine Geheimnisse mehr macht. Konnte man beim Vorgänger Afterlife (oder Legacy – Dank hier an die deutsche Meisterzunft von Übersetzern) noch munter raten und gespannt sein, um was es geht, ob Bill Murray dabei ist und überhaupt, ob Bill Murray wirklich dabei ist, liefern Teaser, Trailer und Co. Anno '23/24 das gängige Gesamtpaket: gefühlt schon den halben Film, ganz viel Nostalgie und ja, auch Bill Murray.
Fragt sich also nur, ob die Reihe langsam auf eigenen Beinen stehen kann oder sich immer noch selbst zitieren muss. Hier entspricht der Kinobesuch im gefüllten Saal einem Experiment, das auch von Dr. Venkman hätte stammen können: Reaktion und Emotion. Wichtige Beobachtungen sind:
Das klingt einerseits natürlich wie der gemütliche Besuch in der Lieblingskneipe, und ja - auch ich habe an dieser oder jener Stelle automatisch gelächelt und genickt, die Überlegung kommt aber fix: Was liefert Frozen Empire denn noch? Vielleicht eine Geschichte, die nicht wie eine abgeänderte Version des ersten Films daherkommt? Vielleicht ein paar interessante Charaktere, Witz und/oder Grusel? Manchmal mag das alles durchscheinen, nimmt sich aber entweder viel zu ernst - oder viel zu viel Zeit.
Die jugendlich-anarchischen Impulse vergangener Tage sind nämlich dem Teenie- und Familiendrama gewichen, das Geisterfangen ist nunmehr Profihandwerk hinter den Kulissen, und wenn es mal nicht um Tochter Phoebe geht, geht es zwei Minuten später wieder um sie. Letzteres ist per se nicht schlecht, kommt die junge Spenglerin doch erfrischend trocken daher (balanciert allerdings auch Richtung Arroganz), nur bremst der fortwährende Konflikt mit Mutter Callie (übrigens auch nur im Stressmodus zu erleben) den Mittelteil gar sehr. Sohnemann Trevor sorgt derweil für ratlosen Witz mit Slimer (siehe Punkt 1) und Paul Rudd teilt sich seine Daseinsberechtigung mit dem Küchenstuhl.
Völlig überladen gibt sich der Film dann weiter, wenn er jede neue Entwicklung mit einer neuen Figur ausgleichen muss, statt auf den bestehenden Fundus zurückzugreifen. Patton Oswald gibt den Mitarbeiter einer uns bekannten Bibliothek (siehe Punkt 2), der das Mysterium des Bösewichts untersucht. Derweil macht Bill Murray einen einsamen, tatenlosen Eindruck. Und während Phoebe Trost bei ihrer Geister-Freundin sucht, steht die charakterbildende Ratgebung mit den älteren Geisterjägern oder gar Kult-Sekretärin Jasmin gar nicht erst zur Debatte. Smarte Sprüche im Vorbeigehen, dafür reichts. Nebenfiguren wie Podcast und Lucky wirken vergessen und via Gewalt ins Drehbuch gestopft.
Auf dem Ist-Konto können wir immerhin eine deutlich größere Rolle für Dan Aykroyd und Ernie Hudson verbuchen, und Neuzugang Nadeem (wenn auch Sinnbild für Rick Moranis) spielt derart locker aus der Hüfte, dass man die zähen Ich-hasse-dich!-Momente der Familienposse fast vergessen kann. Gespenst Melody bringt im Übrigen ein paar interessante Punkte in die Franchise-Folklore, steht in zweiter Instanz aber auch für die problematische Langatmigkeit, in der sich der Film hier und da (und dort) verliert.
Nun denn: Frost und Winter suchen New York erst kurz vor Spielschluss heim und kommen erstaunlich nichtig daher, weil schnell besiegt. Gozer und Vigo gaben Anno Knips zwar auch nur Gastspiele (nach langem Aufbau), haben aber für Langzeit-Stimmung gesorgt, Panik und Apokalypse mitgebracht, Spuk und Horror an jeder Ecke. Dagegen liefert die "zweite Eiszeit" gerade mal ein paar aufgespießte Autos und die schon hinlänglich bekannten Trailer-Szenen am Strand; keine Einzelsituationen in der eisigen Stadt, kein Anflug freudiger Kreativität. Wurde New York schon vorher halb evakuiert?
Immerhin, optisch macht Gott Garakka was her, bringt angenehm düstere Momente mit sich und erinnert an die Gegner der heiß geliebten Real-Ghostbusters-Serie, an der sich die Macher orientiert haben. Dass nicht nur Wunderkind Phoebe für die rettende Idee sorgt, sondern jeder der Finalteilnehmer sein Kuchenstück bekommt, ist angesichts der Vielzahl an Figuren (siehe Poster rechts) schon wieder ein mittleres Wunder, vor allem aber nett gelöst. Und kaum ist das Böse besiegt, gibt es auch wieder Statisten für den obligaten Jubel - der Titelsong beginnt.
Tat mein Herz trotz aller Sperenzchen einen Dreierhopp, als zum ersten Mal die Ecto-1-Sirene erklang? Unbedingt. War ich wieder Kind, als die Protonenstrahler auf diese finstere Gottheit abgefeuert wurden? Mit Windel und Schnuller. Dennoch machen sich die Probleme bemerkbar, werden zum Paradoxon: Einerseits spürt man die Abnutzung des Materials, dann wieder wird hier fröhlich Worldbuilding für die Zukunft betrieben. An und für sich kein Königsmord, aber der Film vergisst jetzt seine Figuren, verliert sich jetzt im Durcheinander... verbaut sich jetzt seinen Spaß. Den kann man nach beliebter Methode Kopf-aus noch haben, ein paar Seufzer sind aber drin.
Apropos: In einer ausgesprochen schönen Szene schaut Dan Aykroyd aus dem Fenster seines Okkult-Lädchens und dem Ectomobile hinterher, das gerade im Einsatz ist. Kein Witz, kein Spruch, einfach nur Ray Stantz, mit dem Herz bei dem, was einmal war. So ungefähr rauscht Frozen Empire auch an meinem Fenster vorbei.
5,5/10