“Gorgonen und Hydren und Chimären – grässliche Geschichten von Celaeno und den Harpyen – mögen sich in abergläubischen Gehirnen fortzeugen – aber sie waren schon vorher da. Es sind Transkriptionen, Typen – die Archetypen sind in uns, und sie sind ewig. Wie sonst könnte eine Erzählung, von der wir bei wachem Bewusstsein wissen, dass sie falsch ist, überhaupt eine Wirkung auf uns haben? … Ist unser Erschrecken vor solchen Dingen ein natürlicher Reflex, weil wir sie für fähig halten, uns körperlichen Schaden zuzufügen? Das zuallerletzt! Diese Schrecken sind älterer Herkunft. Sie gehen dem Leib voraus – oder, anders gesagt, ohne den Leib wären sie dieselben gewesen … Dass die Furcht, um die es hier geht, rein geistig ist – dass sie umso heftiger wird, je mehr es ihr an einem irdischen Gegenstand fehlt, und dass sie in der Zeit unserer sündlosen Kindheit am stärksten ist – wenn wir diese Rätsel lösen, begreifen wir vielleicht etwas von unserem vorgeburtlichen Zustand und erhaschen zumindest einen flüchtigen Blick in das Schattenland der Präexistenz.“
Im Genre des Fantastischen, des Übernatürlichen bis hin zum Horror durchaus bewandert, hat Nicolas Cage an dem Projekt selber wohl eher die Isoliertheit des Geschehens und das Zusammenspiel als Vater(Figur) als die Ausgangsidee selber gereizt, ein in letzter Zeit öfters gezückter Trick, ein Gimmick, der hier eine weitere Variation dessen bloß erhält und keine oder nur wenig tatsächliche Eigenständigkeit; abseits des Hauptdarstellers selber jetzt, welcher immer noch oder wieder oder erneut seine eigene Zugkraft ist. Die Präsentation der Studios RLJE Films passt sich der Präsentation des Filmes selber an, wird im Intro mit eingefügt, eine Ausgangssperre durchbrochen, die Warnsignale mit Absicht ignoriert, nun wird es zeitlich knapp und hektisch, ein langer Lauf zurück, durch die leeren Gassen, an der langen Mauer entlang, öfters mal in Deckung, dann ein erstes eindrucksvolles Bild:
Der mittlerweile alleinerziehende Vater Paul [ Nicolas Cage ] hat die letzten 15 Jahre in einer Dystopie seine beiden Söhne Joseph [ Jaeden Martell ] und Thomas [ Maxwell Jenkins ] alleine n Abgeschiedenheit groß gezogen, die Jungs haben trotz dessen, dass sie Zwillinge sind, ein vollkommen unterschiedliches Naturell und damit auch verschiedene Interessen. Die Gegend ist nahezu entvölkert, etwas weiter entfernt liegt die Rose-Farm, die insbesondere Thomas anzieht, der in die dort gleichaltrig lebende Carlotte Rose [ Sadie Soverall ] verliebt ist, was durchaus auf Gegenseitigkeit beruht, ihr Vater [ Joe Dixon ] aber nicht so gerne sieht und die Mutter [ Samantha Coughlin ] auch nur duldet, weil der Junge tatkräftig auf der Farm aushilft. Tagsüber ist das Leben auch erträglicher, des Nachts versuchen ständig, diverse Kreaturen in das Haus einzudringen, welche auch für die großflächige Auslösung der Menschheit verantwortlich waren. Eines Abends kehrt Thomas nicht zeitig genug zurück, der Vater macht sich auf die Suche, während Joseph alleine das Haus schützen soll.
“Wenn der Reisende im nördlichen Zentral-Massachusetts an der Kreuzung der Mautstraße nach Aylesbury hinter Dean’s Corners die falsche Abzweigung nimmt, gerät er in eine einsame und merkwürdige Gegend. Das Gelände steigt an, und die von Dornengestrüpp überwachsenen Steinmauern drängen sich dichter und dichter an die Windungen der zerfurchten, staubigen Straße heran. Die Bäume der Waldgürtel, die man immer wieder durchfährt, wirken zu groß, und die Wildpflanzen, Brombeerbüsche und Gräser wuchern so üppig, wie man es in besiedelten Gegenden selten findet. Zugleich gibt es erstaunlich wenig bestellte Felder, und wenn, dann wirken sie merkwürdig unfruchtbar, während die spärlichen, weit in der Landschaft verstreuten Häuser einen überraschend gleichförmigen Eindruck von Alter, Ärmlichkeit und Verfall hinterlassen. Ohne zu wissen, warum, zögert man, eine der verkrümmten, einsamen Gestalten, die man hier und da auf einer bröckelnden Türschwelle oder auf den abschüssigen, geröllübersäten Wiesen erblickt, nach dem Weg zu fragen. So still und verstohlen wirken diese Gestalten, dass man irgendwie das Gefühl hat, man befinde sich in Gegenwart verbotener Dinge, von denen man sich besser fernhält. Wenn die Straße dann mit einem Mal ansteigt und über den dichten Wäldern die Berge in Sicht geraten, nimmt das Gefühl seltsamen Unbehagens noch zu. Die Berggipfel sind zu abgerundet und symmetrisch, um anheimelnd und natürlich zu wirken, und manchmal zeichnen sich gegen einen außergewöhnlich klaren Himmel die sonderbaren Kreise großer Steinsäulen ab, mit denen die meisten von ihnen bekrönt sind. Man überquert Schluchten und Klüfte von ungewisser Tiefe, und die roh gezimmerten hölzernen Brücken wirken allesamt nicht sonderlich vertrauenerweckend. Wenn die Straße wieder abfällt, kommt man durch ausgedehntes Marschland, das instinktiven Widerwillen, ja geradezu Furcht einflößt, wenn des Abends dem Auge verborgene Nachtschwalben zwitschern und die Glühwürmchen in ungewöhnlicher Fülle aufsteigen, um zu den heiseren, schaurig eindringlichen Rhythmen schrill quakender Ochsenfrösche zu tanzen. Die dünne, glänzende Linie des Oberlaufs des Miskatonic mutet merkwürdig schlangenartig an, wie sie sich dicht am Fuße der kuppelförmigen Berge entlangwindet, zwischen denen der Fluss entspringt.“
Ein Mensch alleine wie als Silhouette vor den Überresten einer Stadt, Qualm und Nebel sieht man bloß, Rauch und Dunst, es ist mehr zu erahnen als zu erkennen, der noch stehende Überbleibsel einer einstigen Metropole, der Fluss spiegelt den Menschen wider, sind genau zwei Personen dann im Bild, alle Anderen verschwunden, den Warnungen gehorchend oder zum Opfer geworden. In fast monochromen Bilder wird dies eingangs eingefangen, eine Apokalypse, eine Dystopie, ein langer Weg noch, konditionell erschöpft, trotz vielerlei Übung. Ein alleinerziehender Vater, das Kind nicht mitgenommen, das Baby daheim gelassen bzw. das, was man jetzt heim und Heimat nennt, und auch hier sind wie in Pig (2021) genau 15 Jahre vergangen dann, die Kinder erwachsen, der Vater gealtert, der Alltag als Übung, alleine und zusammen, an das Festhalten des Lebens, bzw. das, was davon noch geblieben ist; ein enger Zeitrahmen, ein stetes Schauen auf die Uhr, das Haus eine Art Bunker. Schwer geatmet wird hier oft, viel auf der Flucht, als Opfer in der Jagd, nicht als Jäger selbst, die Sorgen und Nöte der letzten vielen Jahre kann man sich denken, man braucht keine Montage, keine Erzählungen darüber, keine Zusammenfassung, es wird auch keine geben.
Verrammelt und verriegelt wird das Haus hier, abendlich zur gleichen Zeit, vor Einbruch der Dunkelheit jedenfalls, Ermahnungen ausgesprochen, Regeln aufgestellt, Erzieher gespielt; "Sind wir nicht Männer?", die Kinder unterschiedlich. Einer liest, das Buch wahrscheinlich zum x-ten Mal, der Andere spielt Schach, eine klassische Partie erst nach, dann gegeneinander, ein Haustier hat man auch, es reicht nicht bloß verriegeln und verrammeln. Auf der Hut sein muss man jeden Abend, sich von innen gegen die Haustür stemmen, ein Test, ein echter Versuch des Eindringens und Frustration, das Dilemma sieht man bei Tageslicht. Große, grobe Kerben im festen Holz, wie mit Tatzen die Fassade zersplittert, genauso wird auch die Kleinfamilie betrachtet, ein Trio unterschiedlicher Charaktere, einer mehr gehorchend, einer anführend, einer eher aufständisch, mal mit den Händen und mal mit dem Kopf vorgegangen, unterschiedliche Methoden von Angriff und Verteidigung, wie ein Schachspiel hier, nur ein paar Figuren fehlend. Im Film wie vom Film, die Konstellation ähnlich. Mehr Fragen als Antworten gibt es zuerst, Ideen werden verbreitet, Theorien aufgestellt, auf Rettung gewartet und überlegt, erprobt, gesinnt und besinnt, Lehren verteilt, Methoden angegangen; die Jungen im gleichen Alter ungefähr, aber anders gestimmt, mal ist der Eine Aufpasser, mal macht sich der Andere Sorgen, es werden weitere Figuren vorgestellt, darunter auch jemand, die liest. Wie auch Pig ist man hier in der Natur zurückgezogen, dort nur am Anfang, wird die Zivilisation eingefangen, der klägliche Rest dessen, ist man allerdings nicht nur im Vergleich dazu konservativer, mehr auf den Massenmarkt bezogen, ein erstes Erschrecken, ein erstes Spielen, selbst Die Farbe aus dem All (2019) wird fast zitiert. Eine Referenz, deren man nicht standhalten kann, weder so noch so, eine Gemengelage aus verschiedenen Emotionen, verschiedenen Referenzen, dazu ein Herunterzählen an Sekunden, ein Sprint der untergehenden Sonne entgegen.
Eines Tages oder eher eines Abends kommt es natürlich so, wie es kommen muss, eine Verquickung unterschiedlicher Umstände, verschiedener Schicksale, das Trio wird getrennt, da hilft keine Entschuldigung, kein Schuldzuspruch, nur Hoffen und Bangen, ein "Alles wird gut.", ein sich selber Zureden, ein Spiel mit Variablen, mit Angst und Furcht. Ab da immer eine Person im Blickfeld, mit unterschiedlichen Aufgaben und in unterschiedlichen Situationen, kurz vor dem Patt, oder kurz vor dem Schachmatt, dunkel bedeutet auch wahrlich dunkel hier, zuweilen wird nichts erkannt, nur erahnt, gegen das (erst) Unsichtbare fast gekämpft, ein Angriff leise, mit Erwartungen gespielt, A Quiet Place (2018) in klein, mit Spannungsmomenten bestückt. Musikalisch wird das eher wie ein Drama bespielt, man hat seine eigene Melodie gefunden, ein Kümmern umeinander, eine Explosion ausgelöst. In Sachen Effekten braucht man sich nichts vorzuwerfen, es ist eine kleiner gehaltene Produktion, die sich um das Handwerkliche bemüht, um fassbare Figuren, um Auseinandersetzungen und Zusammenarbeiten, zwischendurch ist es beinahe wie Kain und Abel hier, ein Bruderzwist, ein Widerstreit, eine Uneinigkeit, die vorher schon da war und nun noch deutlicher zum Vorschein kommt, "Das Beste für Alle gibt es nicht. Irgendjemand leidet immer."
Gespielt ist es ordentlich, es ist nur mehr als Drama angelegt, als Nabelschau der Personen, gerade der Heranwachsenden, der nachfolgenden Generation, nicht derjenigen, die möglicherweise für die Welt hier verantwortlich war, sondern in sie hineingeboren wurde; die Unschuldigen, die mit der beängstigenden Problematik umgehen müssen, die hin und her pendeln zwischen Aufgaben, Notwendigkeiten und Emotionen, zwischen Familie und Liebe. Eine parallele Beschreibung, ein Suchen und Entdecken böser Überraschungen, die Erde bricht auf, der Zustand verändert sich, "Ich will nichts aufbauen. Ich möchte etwas Neues."