Ich gebe ja zu, ich habe da einen „soft spot“ in meinem Herzen für Millie Bobby Brown, schon seit der ersten gestreamten Folge von „Stranger Things“, auch wenn man sich natürlich irgendwann von ihrer burschikosen Tomboy-Art verabschieden musste. Inzwischen ist sie um 21 Jahre alt und kann jetzt von den Teenagerrollen langsam Abstand nehmen und stattdessen mal ins Abendkleid schlüpfen, dramatische Erwachsenenrollen ahead.
„Damsel“ ist da so eine Art Übergangswerk für sie, einerseits noch im besten „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“-Look als besorgte, aber dienstbeflissene Prinzessin eines rezessionsgeschädigten Landes /Königshauses, die einen Prinzen heiraten soll. Natürlich ziemlich ungeil das alles, aber der Typ entpuppt sich doch als ganz charmante Gemengelage, wirkt wie ein praktikabler Kandidat und man macht natürlich alles für den König, alles für den Thron.
Wer den Trailer gesehen hat und mit dem Titel was anzufangen weiß, der ahnt natürlich, dass da ein feuerspeiendes Ende nachfolgen muss, aber in diesem Fall kommt die eigentliche Bedrohung von der angeblich so lieben Schwiegerfamilie samt Gatten, der die Holde bei der Zweitzeremonie in einer Berghöhle mal fröhlich in einen Abgrund stößt – man hat da nämlich mal vor Urzeiten enorm Scheiße mit einer geflügelten Bestie gebaut und muss jetzt ordentlich Prinzessinnen opfern, damit der Arsch nicht vollends Kirmes hat. Dazu gibt es so eine Art primitive Bluttransfusion a la Winnetou und schon haben alle armen Opfer den Königshausstempel für die geringelte und geflügelte Bestie am Hacken, die im Inneren des Gebirges haust.
„Damsel“ jedoch stellt das alte Prinzip vom Ritter, der die jungfräuliche Dame („Damsel in Distress“) vor dem Drachen rettet auf den Kopf, denn nach gut 40 Minuten reduziert sich die Handlung ausschließlich auf die patente Elodie, die nicht nur ihren Sturz halbwegs überlebt, sondern ab sofort eine Kombination aus Bilbo Beutlin und John McClane bietet, während sie sich durch die Kavernen des Bergs gemäß der Hinweise ihrer Vorgängerinnen der Freiheit entgegen kämpft.
Alles was der Zuschauer an Backstory benötigt, erfährt man dann nach und nach durch die Diskussionen, die sie auf der Flucht vor der Bestie mit dieser führt, bis das Geschehen zum Finale einen ganz neuen Kick bekommt, wenn dann doch noch ein paar Gestalten zu ihrer Rettung eilen.
Juan Carlos Fresnadillo bietet hier eine wunderbare Fantasyshow mit schönen Effekten und noch besseren Kulissen und bietet erfreulicherweise viele Grauschattierungen im altbekannten Fantasyland an – allein, dass die doch sehr intelligente Bestie den Beschiss nicht glaubt, bis die young lady zum finalen Rettungshieb ansetzt, macht die Angelegenheit knifflig. Und wer gedacht hat, am Ende solle sich der Held doch versöhnlich zeigen, der muss dringend mal bei Grimms Märchen nachlesen, wie da nach dem Spaß die Tische abgeräumt werden, wenn der Bösling erstmal entlarvt wird.
Generell bin ich von der stabilen belanglosen Mittelmäßigkeit der meisten Netflixproduktionen (die Prestige-Oscar-Kandidaten vielleicht mal ausgenommen) meist irgendwann gelangweilt, „Damsel“ hält einen gepflegt bei der Stange und transportiert den kämpferischen Feminismus dabei noch so geschickt an allen Ecken des Figuendreiecks entlang, dass sich praktisch niemand darüber aufgeregt hat. Und dass Brown brachiales Potential hinter dem hübschen Äußeren mit sich führt, wissen ja nicht nur die Netflix-Fans inzwischen. Ein Fest für die Augen, welches auch mal derbe weh tut und im Wesentlichen keine Verwandten kennt, das ist genau die Abwesenheit von Beliebigkeit, die moderne Fantasy heute mal braucht. Ein rundum schöner Film: 8/10.