Review

Ich glaub‘ ich steh' im Wald

„Scheiß Wald!“

Bei diesem fünften „Tatort“ des noch jungen Bremer Ermittlerinnen-Duos aus Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und Linda Selb (Luise Wolfram) führte die Regisseurin mit dem coolen Namen Leah Striker nach dem Fernsehkinderfilm „Weckschreck“ erst zum zweiten Mal Regie. Ihre Verfilmung eines Drehbuchs Kirsten Peters‘ wurde am 1. April 2024 erstausgestrahlt – und erwies sich glücklicherweise nicht als schlechter Scherz.

„Flache Wunde ohne Impressionsbruch.“

„Dropping“ ist der neue heiße und pseudopädagogische Scheiß: Eltern setzen ihre heranwachsenden Kinder ohne Smartphones oder sonstige technische Hilfsmittel im Wald aus, aus dem sie selbständig wieder herausfinden müssen. Die drei Mütter und Freundinnen Ayla Ömer (Pegah Ferydoni, „Türkisch für Anfänger“), Viola Klemm (Sophie Lutz, „Polizeiruf 110: An der Saale hellem Strande“) und Marlene Seifert (Inez Bjørg David, „Ich bin dann mal weg“) aus dem noblen Stadtteil Schwachhausen am östlichen Bremer Stadtrand lassen sich jedoch zunächst von ihren Kindern in einem Waldstück an der Grenze zu Niedersachsen aussetzen, um zu testen, ob diese Aufgabe überhaupt sicher genug und lösbar für ihre Kinder ist. Am Ende dieses Selbstversuchs ist Marlene tot. Die drei Frauen waren nicht allein im Wald. Handelt es sich um einen tragischen Unglücksfall – oder um Mord? Die Mordkommission um Liv Moormann und Linda Selb ermittelt in alle Richtungen und befragt die Ehemänner Klaus Seifert (Henning Baum, „Mädchen Mädchen!“), Emre Ömer (Özgür Karadeniz, „Nur eine Frau“) sowie Mirko Klemm (Matthias Lier, „Frieden“), begibt sich aber auch auf die Spur Werner Behrens‘ (Alexander Wüst, „Die verlorene Tochter“), einem Eigenbrötler, der in Verdacht steht, der berüchtigte „Handymann“ zu sein, der vor einigen Jahren Frauen im Wald auflauerte, Fotos von ihnen schoss und möglicherweise bereits den Tod mindestens einer Frau auf dem Gewissen hat…

„Die hatte so’ne Energie, die war irgendwie ansteckend. Kennen Sie das?“ – „Nein.“

Ein Zelt im Wald, zwei Frauen, ein Leichenbild auf dem Smartphone – so eröffnet Striker diesen Fall, der umgehend die mürrische, ständig auf den Wald schimpfende Moormann und die nerdige Selb auf den Plan ruft. Gruselige Details weisen Parallelen zu einem Fall von vor acht Jahren auf, für den man den „Handymann“ verantwortlich machte, ihm aber nie nachweisen konnte. Auf die Fundortbegehung, bei der Selb derart auf Tuchfühlung mit dem Leichnam geht, dass man glauben könnte, sie wolle ihn küssen, folgt eine kurze Einführung ins Thema „Dropping“. Und dann wird’s so richtig interessant, denn die nun einsetzende Rückblende zu den Ereignissen 36 Stunden früher, als die Schwachhauser Kids ihre Mütter im Wald aussetzten, ist nur die erste von vielen. Fortan changiert „Angst im Dunkeln“ zwischen Gegenwart und immer kürzer zurückliegender Rückblende, ohne dass die Narration dadurch unnötig verkompliziert oder unübersichtlich würde.

„Sodom und Gomorrha, oder?“

In den Rückblenden versucht man, an Urängste vorm Ausgeliefertsein in einem dunkeln Wald zu appellieren, was leidlich funktioniert, da zum einen die Prämisse mit der komplett bescheuerten „Dropping“-Idee, zudem in einem anscheinend eigentlich eher übersichtlichen Bremer Waldstück, reichlich an den Haaren herbeigezogen wirkt. Zunächst heißt es, dass keine der Frauen ein Mobiltelefon dabeihätte, doch letztlich wird sich herausstellen, dass sich keine von ihnen an diese Vorgabe gehalten hat. Während man zu dritt trotzdem orientierungslos herumirrt, tauchen nachts sowohl deren Kinder als auch Marlenes Ehemann Klaus, der pikanterweise ein Verhältnis mit Ayla (und damit ein Motiv) hat, mir nichts, dir nichts in deren unmittelbarer Nähe auf. Über derartige Drehbuchkapriolen denkt man besser nicht allzu sehr nach. Interessanter ist, dass die Waldszenen ein überaus brüchiges soziales Gefüge offenbaren, das von Moormanns und Selbs Ermittlungen und Befragungen in Schwachhausen bestätigt wird: Das Opfer war enorm unbeliebt. Was initial wie ein Abenteuertrip dreier Freundinnen wirkt, gerät zum Alptraum; die kleinbürgerliche Fassade des Wohlstandsmilieus bröckelt nicht nur, sie fällt in sich zusammen.

„Die Leute hier sind selbst zum Morden zu spießig!“

Selbs Tante, gespielt von Luise Wolframs echter Tante Claudia Geisler-Bading („Tschick“), ist selbst Schwachhauserin und ein übles Klatschmaul, bestätigt aber ebenfalls die Eindrücke, die man nach und nach von Marlene bekommt. Deren Unbeliebtheit sorgt für einen ganzen Pool potenzieller Verdächtiger mit Mordmotiv, woraus sich ein spannendes Whodunit? entwickelt. Die Tochter der Toten (Lucy Gartner, „Die Toten vom Bodensee: Die Meerjungfrau“) rennt derweil traumatisiert mit einer geladenen Knarre durch die Gegend. In einer herausragenden Szene besucht Selb den mutmaßlichen „Handymann“, einen verhaltensauffälligen Waldfreak, und behauptet sich in einer 1:1-Situation in der Höhle des Löwen verbal wie psychologisch. Auf diese Weise wird die Figur Selb positiv weiterentwickelt. Mit dem „Handymann“ bewältigt man zudem das eingangs beschriebene Problem, die Gefahr des Bremer Wäldchens glaubhaft zu vermitteln. Zudem trifft die Archaik des Walds hier auf moderne Technik: Smartphones, Videokameras, Tracker.

So avanciert „Angst im Dunkeln“ zu einem seiner unglaubwürdigen Prämisse zum Trotz doch ziemlich unterhaltsamen Kriminaldrama, das zugleich – nicht neu, aber immer wieder schön – ein Abgesang auf eine vermeintlich heile Vorstadtwelt ist, in der anscheinend alle ein Klavier haben und die Kinder Anselm und Imogen heißen. In der aber auch eine Familie Ömer lebt, offenbar Nachkommen türkischer Einwanderer, die es bis nach Schwachhausen geschafft haben, was in diesem „Tatort“ ganz selbstverständlich ist und angenehmerweise zu keinerlei Anlass für etwaige Klischees wird. Tatsächlich hätte man über beinahe alle Figuren dieses Falls gern mehr erfahren, wofür es für knapp 90 Minuten jedoch schlicht zu viele sind. Dass sich diese Neugier überhaupt entwickelt, spricht indes für Strikers und Peters‘ Kollaboration.

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