Still, ruhig und geheimnisumwittert ist Roegs spannende Romanverfilmung Wenn die Gondeln Trauer tragen. Jede Szene lässt Schicksalhaftes erahnen, über allem hängt der Tod. Venedig, der Hauptspielort dieses Films, ist eine Stadt des Verfalls. Faszinierend und gefährlich präsentiert sie sich dem Zuschauer mit ihren verwinkelten Gassen, verhangenen Fensterhöhlen und dem omnipräsenten Wasser, das so vieles verbirgt.
Mit dem Blick auf einen regengepeitschten Teich beginnt denn auch die Geschichte. Hier wird die Tochter des englischen Paares John und Laura Baxter bei dem Versuch, ihren Ball zurückzuholen, ertrinken. Sie trägt eine grellrote Regenjacke; eine Symbolfarbe, die den Film durchziehen wird - Blut, Gefahr, aber auch Leben. Metaphorik und Symbolik werden in diesem Film groß geschrieben: Eine Kerze wird wie von Geisterhand ausgeblasen, blutrote Verfärbungen breiten sich auf einem Diabild aus und verschlucken das Bild der Tochter, ein Tor wird zugeschlossen wie ein Sarg. Damit allerdings die Stimmung des Films nicht allzu erdrückend und unheilschwanger wird, wird als Gegenpol die lebendige Beziehung Lauras und Johns gezeigt. Dieser hat den Auftrag, eine Kirche in Venedig zu restaurieren und nutzt diese Reise als Flucht vor der Erinnerung. Seine Frau lernt unterdessen zwei ältere Schwestern kennen; eine von ihnen ist blind und behauptet von sich, das zweite Gesicht zu besitzen. Tatsächlich erkennt sie die tote Tochter Lauras, ohne dass die ihr von ihr erzählt hätte. Laura glaubt der Frau und gewinnt in der Konfrontation mit dem Tod ihre Lebensfreude zurück, während John in seiner Verdrängung aller schweren Gedanken ihre Haltung kritisiert. In Streit und Liebe wird ihre Beziehung dargestellt, voller Kraft verkörpert von der exzellent spielenden Julie Christie und dem grandiosen Donald Sutherland.
Doch dieses aufbrausende Leben ist in Venedig allseits umgeben vom Tod, der nicht nur indirekt und verborgen, sondern auch ganz konkret als Mordserie in Erscheinung tritt. Nach dem Täter wird fieberhaft geforscht. Versuchen etwa die zwei Schwestern, Laura einzulullen, um sie zu vernichten? Niemand scheint unverdächtig, immer wieder verharrt die Kamera kurz auf einer scheinbar (und auch teilweise wirklich) unwichtigen Bewegung, einer kleinen Geste, die dadurch sofort in den misstrauischen Blick des Zuschauers gerät. Sehr gut gelungen auch das Ineinanderschneiden scheinbar unzusammenhängender Szenen (etwa zu Beginn oder bei der Liebesszene), die mittels bestimmter Symbole doch fest verbunden sind.
Die Visionen Johns vervollkommnen schließlich die fiebrige Spannung dieses Films: Immer wieder sieht er seine Tochter, die kleine Gestalt in ihrem roten Regenmantel um finstere Ecken huschen und in verfallenen Gässchen verschwinden. Oder sieht er etwa die Wahrheit? Da keinerlei Bildverfremdung eingesetzt wird, um Unnatürliches als solches kenntlich zu machen, wie es sonst häufig üblich ist, kann man sich nie sicher sein, was real ist und was nicht. Die Geschichte vermeidet es auch tunlichst, klar fantastische Elemente einzubauen, sondern lässt den Zuschauer ständig in der Schwebe, da er auch vielleicht nur Zeuge gänzlich erklärlicher Vorkommnisse sein könnte. Aber auch ganz am Schluss ist nicht alles als eindeutig real oder irreal aufgeklärt, vieles verbleibt im Zwielicht der Ungewissheit, die diesen Film so wunderbar unheimlich und geheimnisvoll macht.
Auch wenn die Schauspieler hier großartige Leistungen erbringen, stiehlt Venedig doch allen die Schau. Wie in Thomas Manns Der Tod in Venedig ist die Stadt ein Symbol des Verfalls, des Todes (wenn hier auch weniger der süßlichfaulen Überreife, der Dekadenz, wie in Manns Geschichte). Es bröckelt von den Mauern, das Wasser ist trüb, der Himmel grau. Herbsteszeit. Die Plätze, die Straßen, die Gassen sind leer. Es herrscht Todesstille. Diese bemerkenswert finstere Stimmung, die wie in einem Aufbäumen, einem Todeskampf immer wieder mit den Bildern des Paares und sich tummelnder Italiener kontrastiert wird, ähnelt der in Teilen von Argentos Profondo Rosso oder auch der verschiedenster Vertreter des Genres der gothic romance. Und wenn sich dann schließlich der gesamte Tod in einer einzigen Fratze manifestiert, weiß man, woher Cronenberg seine Inspiration für Die Brut bekam.
Die vornehmlich visuelle Inszenierung dieses Films bildet eine durchdachte Einheit und schafft eine drückende, äußerst dichte Atmosphäre, die diesen Thriller zu einem beeindruckenden Werk macht. Aufgrund seiner Einzigartigkeit sollte dieser Film auf keinen Fall verpasst werden - ansehen!