"Wenn die Gondeln Trauer tragen" hinterlässt einen zweispältigen Eindruck - genau wie die Stadt, in der dieser allgemeinhin als Klassiker des Horror-Thrillers bekannte Streifen spielt. Stellenweise ist er ein optisch und atmosphärisch meisterhaft in Szene gesetzter Film, der zu recht einen gewissen Stellenwert innerhalb der Geschichte des bewegten Bildes innehält; vor allem in den Anfangs- und den Schlussminuten ist er nicht minder atemberaubend wie die Lagunenstadt selbst. Wer aber schon mal vor Ort war und sich abseits der touristischen Känale bewegt hat, weiß, dass Venedig auch seine hässlichen Seiten hat, an denen der faulige Zahn der Zeit genagt hat. Ein ähnlich fader Beigeschmack haftet Nicolas Roegs Werk von 1973 an.
Man muss diesem Streifen sicherlich zu Gute halten, dass die Sehgewohnheiten vor 35 Jahren andere waren. Aus heutiger Sicht passiert im Mittelteil allerdings recht wenig, von einer kurzen Verfolgungsjagd und einer, zugegeben, grandios fotografierten Hängepartie auf einem Restaurationspodest abgesehen. Der Rest besteht aus Momenten, von denen das Publikum nicht sicher sein kann, was es von ihnen halten soll - sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht. Zwielichtige Figuren, wie die paranormal begabten Schwestern und der ominöse Bischof, in dessen Auftrag John Baxter alias Donald Sutherland eine Kirche auf Vordermann bringt, halten den Plot undurchsichtig. Die innere Unruhe, die manch ein Rezensent hier verspürt haben will, ist durchaus präsent. Nur leider wird sie auch dadurch erzeugt, dass wir es mit relativ viel Füllmaterial zu tun haben. Die Liebesnacht des Ehepaares mag zwar für die damalige Zeit besonders explizit ausgefallen sein, ist aber auch äußerst ausgedehnt geraten. Und auch die Qualität der Dialoge bewegt sich nahe an der Grasnarbe zur Banaliät. Die permanent über den Protagonisten schwebende Bedrohung verliert so durch zahlreiche Plotscharmützel an Intensität.
Die vielen Alltagsabbildungen mögen zwar der Charakterentwicklungen dienen, aber letztendlich hilft das nur Sutherlands Figur weiter, die in ihrer anfänglichen Skepsis in ihren Grundfesten durchgerüttelt wird. Julie Christie hingegen bleibt in ihrer Rolle als Laura Baxter in ihrem starren Korsett voller wohlwollender Glaubensbekenntnissen stecken. Und selbst die dubiosen Schwestern geben sich einzig und allein ihrem medialem Blabla hin, obwohl hinter ihnen eine vielversprechende Geschichte lauert, die leider nur durch die Fotografien auf ihrer Kommode angedeutet wird.
Schade, dass "Wenn die Gondeln Trauer tragen" durch all die vielen Belanglosigkeiten in seinem immensen Potenzial ausgebremst wird. Dabei beginnt dieses Werk äußerst vielversprechend. Die Eröffnungssequenz ist in ihrem künstlerischen Aufbau nämlich ein Unikum im Horrorgenre. Auch wenn absehbar ist, was hier eigentlich geschieht, wird dank einer raffinierten Montagearbeit eine beklemmende Stimmung aufgebauscht. Abwechselnd werden die Eheleute und ihre Tochter gezeigt, trotz zweier Parallelhandlungen (Eltern bei der Arbeit, Kinder beim Spielen) wirkt das Ganze wie aus einem Guss und kulminiert schließlich in dem tragischen Unfall, der im weiteren Verlauf des Filmes wie ein Damoklesschwert über dem Familienheil schwebt. Wenn der letzte, entsetzte Schrei einer Julie Christie in einem kreischenden Bohrerlaut übergeht und so die Gegenwart einläutet, bleibt in Anbetracht des gerade Gesehenen erstmal die Spucke bzw. der Atem weg.
Nur gelingt es der Regie nicht, die inszenatorische Stärke der ersten zehn Minuten zu konservieren; der Rest des Filmes mutet im krassen Gegensatz ja geradezu bieder an. Erst im Finale keimt die Spannung wieder auf. Die Auflösung ist ein noch größerer Schlag in die Magengrube als der tödliche Unfall der kleinen Tochter zu Beginn, weil er den Betrachter völlig unvorhersehbar trifft. Ein richtiger Gänsehautmoment - nur leider quasi auch der einzige richtige.
Fazit: Aufgrund seiner hervorragenden technischen Ausführung zu recht im Klassiker-Fundus aufbewahrt, schafft es "Wenn die Gondeln Trauer tragen" allerdings nicht auf ganzer inhaltlicher Linie zu überzeugen. Dennoch ist und bleibt er ein Inspirationsquell für das weitere Horrorgenre. (6,5/10)