Review

"Wenn die Gondeln Trauer tragen" in ein alt bekanntes Schema pressen ist schier unmöglich, genauso wie ihn einem bestimmten Genre zu zuordnen. Basierend auf der Kurzgeschichte von Daphne Du Maurier (Rebecca, Die Vögel) ist dem Engländer Nicolas Roeg (Eureka, Hexen hexen) hier ein einmaliges Filmerlebnis gelungen, welches durchaus Elemente des Subgenres Giallo besitzt. Für Anhänger von Dario Argento durchaus eine Empfehlung, dennoch halte ich ihn für überbewertet. Was Roeg hier allerdings tadellos gelungen ist, ist der Aufbau einer düsteren Grundstimmung die noch ihresgleichen sucht. Der Touristenmagnet Venedig kommt hier nicht gut weg, denn diese Stadt präsentiert Roeg als einen unheimlichen Ort, an dem man sich eigentlich nicht wohlfühlen kann. Fast schon abstoßend und furchteinflößend wirken die dunklen Kanäle, das Übrige erledigt der hintergründige Score, welcher größtenteils auf instrumentelle Känge zurück greift.
Dies ist wahrlich die Königsdisziplin von Roegs vierter Regiearbeit, gleichzeitig ein Aushängeschild in seiner Filmographie. Auch berühmt geworden durch die Sexszene zwischen Donald Sutherland (Puppet Masters, Lock Up) und Julie Christie (Doktor Schiwago, Dragonheart), da viele meinten, der Geschlechtsverkehr wäre echt gewesen.

Der Restaurator John Baxter (Donald Sutherland) und seine Frau Laura (Julie Christie) leben seit geraumer Zeit in Venedig, über den Tod ihrer Tochter sind sie größtenteils hinweg. Doch mit dem Kennenlernen der zwei alten Damen Heather (Hilary Mason) und Wendy (Clelia Matania), eine davon hat das zweite Gesicht, prägen einige seltsame Erlebnisse das Leben der Baxters. Besonders Laura fühlt sich zu den beiden alten Damen hingezogen und John scheint seinen eigenen Augen nicht mehr trauen zu können. Und was hat es mit der seltsamen Mordserie in Venedig auf sich?
Den Verlust eines eigenen Kindes kann man in Worten gar nicht beschreiben, doch darauf geht Roeg so gut wie nicht ein. Dennoch ist die Anfangssequenz mit dem Tod der Tochter sehr intensiv gemacht, was auch durch die geschickten Schnitte wirksam wird. Doch plötzlich macht der Film einen großen Sprung, die Baxters befinden sich in Venedig, ihr Sohn auf einem Internat in England. Gerade nach diesem tragischen Ereignis fast schon unglaubwürdig, das letzte Kind völlig allein zu lassen. Aber John hat in Venedig die Kirche von Bischof Barbarrigo (Massimo Serato) zu restaurieren, was viel Zeit in Anspruch nimmt. Der Tod ihrer Tochter, wird durch die seltsamen alten Damen wieder aufgekocht, es kommt sogar zum Streit zwischen John und Laura.

Leider kann Roeg zu keinster Zeit eine Bedrohung aufrecht halten. Es sind kleinere Spannungspitzen vorhanden, beispielsweise der Unfall mit dem Gerüst, aber dazwischen herrscht eine gespenstische Leere. Roegs Vorhaben das Grauen auf leisen Sohlen zu servieren, will nicht so ganz gelingen, da einfach zu viel Leerlauf vorhanden ist. Man will nicht so recht verstehen, auf was der Film hinaus will, auch aus der ganz am Rande behandelten Mordserie wird man nicht richtig schlau. Erst im letzten Drittel, wenn John beginnt mysteriöse Dinge zu sehen, ist so etwas wie ein Spannungsbogen ersichtlich, der sich in einem wahrhaft garstigen Finale entlädt. Dies bleibt einem eine Weile im Gedächtnis, während der Rest des Films teilweise ein wenig langweilt. Natürlich ist es auch die Unwissenheit, welche Ängste beim Zuschauer schüren soll, aber im Endeffekt gruselt man sich hier vor einem Nichts, welches erst im Finale eine Gestalt annimmt.
Sutherland und Christie wissen die trauernden Eltern aber sehr glaubwürdig zu verkörpern, während alle restlichen Charaktere fast seltsam auf den Zuschauer wirken. Die beiden alten Damen und der Bischof sind fast so eine Art Rätsel, welches nie gelöst wird. Aber die Leistungen der Darsteller sind wirklich gut, wobei ein paar Übersetzungen der italienischen Phrasen nicht geschadet hätte.

"Wenn die Gondeln Trauer tragen" ist eine Kunst für sich, doch leider ist eine Bedrohung kaum spürbar. Stattdessen hätte man sich in einigen Szenen ruhig kürzer fassen dürfen, besonders der Mittelteil ist sehr langatmig. Dafür punktet diese düstere Atmosphäre und das bösartige Finale bleibt im Gedächtnis. Aber es mangelt zwischendurch an Spannung und Ereignissen, wobei sich Sutherland und Christie eine tolle Leistung abringen.

Details
Ähnliche Filme