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Unter den vielen Containern, die täglich im Hafen im spanischen Barcelona be- und entladen werden, läßt sich auch manch illegale Fracht verstecken - ein einträgliches Geschäft, vor allem wenn man Besitzer eines großen Terminals ist, wie der Mittfünfziger Joaquín Manchado (Eduard Fernández). Der Mann mit der titelgebenden eisernen Hand (die er infolge einer Auseinandersetzung Jahre zuvor erhielt) wanderte einst mit seinem Bruder aus dem spanischen Süden ein und baute sich im Lauf der Jahre ein kleines Imperium auf. Bis auf seine linke Hand äußerlich unauffällig, ist er ein auch offiziell respektierter Geschäftsmann - was auch für seine rechte Hand Néstor (Jaime Lorente), verheiratet mit Joaquíns Tochter Rocio (Natalia de Molina), die bei der Hafenbehörde arbeitet, gilt.
Was Joaquín allerdings nicht ahnt, ist, daß das Drogendezernat der Polizei schon seit einiger Zeit versucht, ihn und seinen Clan zu infiltrieren: der wohlweislich als tüchtiger Hafenarbeiter eingeführte Victor (Chino Darín) ist ein solcher Top-Spezialist, der sich im Lauf der Zeit zu einem engen und verläßlichen Mitarbeiter heraufdient. Dabei muß Victor allerdings auch manche Straftat durchgehen lassen, schafft es aber immer wieder, nicht maßgeblich selbst daran beteiligt zu sein.
Derzeit steht die Lieferung einer größeren Menge Koks an: auf der Tampico ist der Stoff eines mexikanischen Kartells - unter der Patronanz von Tochter und Sohn des Hauses - am Weg nach Barcelona. Dummerweise versagt gerade jetzt ein wichtiger Kran seinen Dienst, sodaß Manchado einiges in die Wege leiten muß, damit die Entladung ordnungsgemäß vonstatten geht. Der Abnehmer, ein gewiefter italienischer Mafiosi mit Namen El Francés (Cosimo Fusco), wartet nämlich nicht gern. Doch als die kostbare Fracht dann endlich auf einen Sattelschlepper verladen ist, verschwindet dieser ganz plötzlich...

Die spanische Netflix-Serie Mit eiserner Hand beleuchtet die Drogengeschäfte innerhalb des Manchado-Clans im Hafen von Barcelona, wobei Regisseur und Drehbuchautor Lluis Quilez (Bajocero - Unter Null, 2021) sich hier an erfolgreichen Krimi-Serien orientiert und besonderen Wert auf die Figurenzeichnung legt. Trotzdem sich der Plot nicht wesentlich von anderen, thematisch ähnlich gelagerten Serien vor allem französischen Ursprungs unterscheidet, vermag man dem Treiben etwa ab Mitte der zweiten von insgesamt acht Folgen (je zwischen 45 und 70 Minuten) mit wachsendem Interesse zu folgen. Obgleich mancher Filmcharakter etwa klischeehaft geraten ist, vermittelt die gelungene Auswahl der Darsteller und ein gutes Händchen der Regie für spezielle heikle Situationen schnell ein durch zahlreiche längere Rückblenden unterstütztes Bild einer in sich zerrissenen Familie, in der viele ein eigenes Süppchen kochen und gegen andere intrigieren, sich gleichzeitig jedoch gegen Konkurrenz von außerhalb wehren müssen.

Um Joaquín Manchado zu charakterisieren, der nie in Hektik verfällt und relativ ruhig zu Werke geht, genügt eine einzige Szene, in der er beim Hafenmeister Molina (Tomas del Estal), einem alten, ihm nicht immer wohlgesonnenen Weggefährten vorstellig wird und um ein elektronisches Ersatzteil für seinen Kran nachsucht. Als dieser ihm dieses - aus eigenen Geschäftsinteressen - nicht aushändigen will, zeigt ihm Manchado seelenruhig am Handy ein kompromittierendes Video mit Molina als Hauptdarsteller, und schon wird das Bauteil für ihn ausgebaut. Noch dezenter geht sein jovialer Schwiegersohn Néstor vor, hinter dessen freundlicher Fassade man kaum einen Berufsverbrecher vermuten würde. Dessen Frau Rocio Manchado ist gleich gar nicht in die teilweise finsteren Geschäfte ihres Vaters verwickelt, sondern kümmert sich um den kleinen Sohn.
Ganz anders dagegen der Bruder Román Manchado (Sergi López): der rundliche Graubart kämpft mit seiner Gesundheit und dem Alkohol, hat auch keine Familie und schläft manchmal in seinem Auto. Seit Jahren ist er hoffnungslos in eine Prostituierte verliebt, deren Dienste er ab und zu in Anspruch nimmt und mit der er gern ein neues Leben irgendwo anders anfangen würde. Ein wunder Punkt, denn um ihn zu treffen, läßt jemand die stets rotgewandete Cristina (Marta Belmonte) übel zusammenschlagen, woraufhin Román komplett ausrastet. Auch eine Hassfigur kennt die Serie, hier ist es Manchados mißratener Sohn Ricardo (Enric Auquer), ein großmäuliger Junkie, der stets verspricht, sich zu bessern und dennoch alles vermasselt.
Auch die Nebenfiguren haben zum Teil interessant gestaltete Szenen, beispielsweise der für die Geldwäsche zuständige Anwalt, der sich plötzlich und unvermutet in der Haftung für einen Deal sieht oder die betont lässige, stark tätowierte Hafenbedienstete, die einen Polizisten auf dessen Dienststelle anbaggert und auf dem Schreibtisch seines Chefs vögelt, um dabei unbemerkt Beweismaterial zu stehlen.
Über und zwischen all dem agiert Undercover-Agent Victor, der seinen Polizeikontakt nur selten und dann konspirativ treffen kann und der viel zu spät mitbekommt, daß eine andere Behörde ebenfalls eine Undercover-Agentin eingeschleust hat. Seine prinzipielle Vorgabe, den schlauen Fuchs Joaquín Manchado mit dem Koks gerichtsverwertbar in Verbindung zu bringen, hindern ihn ein ums andere Mal daran, in gewisse Handlungen einzugreifen, obwohl er die Möglichkeit dazu hätte.
 
Während diverse Begebenheiten stringent und durchaus mit einem hohen Grad an brutaler Gewalt dargestellt werden, finden sich auch ein paar eher gezwungen wirkende Subplots (wie den Überfall der afrikanischen Piraten auf das Schiff, die burschikose, lesbische Mexikanerin und ihr an Voodoo-Zauber glaubender Bruder inklusive dessen Behandlung durch einen Schamanen) bzw. zu sehr dem glücklichen "Zufall" geschuldete Handlungen (wie das unrealistisch exakte Timing mit dem Kofferraum-Aussteigen auf dem Schrottplatz), insgesamt jedoch ist der mit der einen oder anderen Wendung versehene Handlungsfluß nachvollziehbar und bietet durch seine bunte Mischung aus Schießereien, Verfolgungsjagden, Intrigen, geheimen Verhandlungen und persönlichen Dramen eine durchaus unterhaltsame Sicht auf das Leben und Streben im Manchado-Clan.
Eine durch das Finale nicht ausgeschlossene zweite Staffel von Mit eiserner Hand wäre daher durchaus willkommen, für diesen ersten Streich gibt es jedenfalls 7 Punkte.

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