Review

Mitte der Achtziger war es soweit, und das große Ereignis warf weder Schatten voraus, noch kündigte es sich auf eine andere Weise an. Tim Kincaid, der erfolgreiche Autor und Regisseur von enorm einflußreichen Schwulenpornos wie Kansas City Trucking Co. (1976), El Paso Wrecking Corp. (1978) oder L.A. Tool & Die (1982) - allesamt veröffentlicht unter seinem Pseudonym Joe Gage - , drehte einen Frauengefängnisfilm.

Bedauerlicherweise hielt (und hält) sich die Beigeisterung darüber stark in Grenzen und die Fanfaren blieben stumm. Kein Wunder, schließlich wetzte Freddy Krueger zu der Zeit seine Messer, Rocky Balboa lieferte sich mit einem Russen den Kampf des Jahrhunderts, Romeros Untote labten sich an frischen Gedärmen und zum Drüberstreuen tobte sich ein gewisser John Rambo im Dschungel Vietnams aus. Und Women-in-Prison-Movies waren sowieso schon längst passé. Nun, rückblickend betrachtet möchte ich Kincaid am liebsten vor Freude um den Hals fallen und ihm dafür danken, daß er den Genrewechsel vollzog. Im Ernst, würde man wirklich in einer Welt leben wollen, in der solch wahnwitzige Kracher wie Breeders (Killer-Alien), Robot Holocaust, Riot on 42nd St. (New York 42nd Street) oder Mutant Hunt nicht existieren?

I don't think so.

Bad Girls Dormitory, besagter Frauengefängnisfilm, ist schäbiges Grindhouse-Kino par excellence. Es ist kein Film fürs Gehirn, Gott bewahre. Es ist ein Film für den Bauch. Und er hat diesen besonderen, schwer zu definierenden Kincaid-Touch, der allen seinen Genrefilmen anhaftet und von dem man - so man denn erst einmal Gefallen daran gefunden hat - nicht genug kriegen kann. Das Gefängnis in Bad Girls Dormitory ist eigentlich kein Gefängnis, sondern eine Art bewachtes Wohnheim für Problemmädels. Allerdings besteht kein Grund zur Sorge, geht es dort doch zu wie in einem ordinären Frauenknast, mit allem, was halt so dazugehört.

Es wird geduscht (sehr oft), vergewaltigt (manchmal), eine große Klappe riskiert (immer mal wieder), gerauft (zwischendurch), der Drogenhandel floriert, die Wärter sind sadistisch (bis auf einen), die Wärterinnen sind lesbisch (einige), die Chefin ist überfordert und übt sich in Realitätsverweigerung, und der Arzt ist ein Schmierlappen der Sonderklasse. Es gibt etwas Sex und eine Geburt, es wird getanzt und schlecht geträumt, und der eine order andere (Selbst)Mord darf natürlich auch nicht fehlen. Und habe ich eigentlich schon erwähnt, daß gerne und oft geduscht wird? Zugegeben, die Mädels sind nicht übermäßig attraktiv (trotz einer Blondine, die auf Marilyn Monroe macht), aber für einen Film wie diesen sind sie goldrichtig.

In der ersten halben Stunde plätschert das Geschehen relativ gemächlich und ereignislos dahin, und wäre jemand anders Regisseur, würde wohl gähnende Langeweile herrschen. Kincaid jedoch infiltriert das altbekannte Szenario mit seinem ganz speziellen "Stil", und anstatt verärgert die Vorspultaste zu betätigen, verfolgt man das Dargebotene wie gebannt. Wie bei Kincaid üblich, setzen die Schauspielerinnen kleine, flackernde Glanzlichter des Grauens. Sie agieren wie in Trance, machen gerne große Augen, kauen Kaugummi, gucken gelangweilt oder beeindrucken mit theatralischer Gestik wie die zugeknöpfte, vollkommen fehl am Platze wirkende Leiterin der Anstalt (eine Dame namens Marita in ihrem ersten und einzigen Filmauftritt). Nebst diversen Sternchen, deren kurze Filmkarriere sich ausschließlich auf den Kincaid-Kosmos beschränkte, spielen unter anderem Jennifer Delora (Frankenhooker), Donna Eskra (Child's Play 3), Frances Raines (The Mutilator) und Rick Gianasi (Sgt. Kabukiman N.Y.P.D.).

Wieso die bösen Mädchen im Dormitory landeten, bleibt bis auf zwei, via Rückblende offenbarte Ausnahmen, ungewiß. Die eine erschoß ihren Freund, weil der sie zwecks Sex im Auto an seine Kumpels weitergereicht hat, die andere wurde vom schwitzenden Herrn Papa vergewaltigt und ist daraufhin ausgerissen. Zwischendrin kommt der Streifen dann völlig zum Stillstand, als nach einer überraschend schockierenden Szene plötzlich getanzt wird. Getanzt! Minutenlang! Zu einem wundervoll abscheulichen, von Beth Rudetsky geträllerten Disco-Song namens Hose Me Down. Überhaupt hat Kincaid ein seltenes Talent dafür, Szenen viel zu lang zu gestalten. Die laufen und laufen und wollen einfach kein Ende nehmen. Auf der anderen Seite glänzt manch Wünschenswertes durch Abwesenheit; so hätte man(n) einem lesbischen Techtelmechtel schon gerne zugesehen, aber es sollte nicht sein. Dafür haben die Kampfszenen eine fast schon surreale Qualität, so schauderhaft choreographiert und undynamisch inszeniert, wie sie sind (falls es überhaupt eine Kampfchoreographie gab und Kincaid nicht bloß sagte: "Okay, dann legt mal los.").

So schleppt sich Bad Girls Dormitory dahin, gespickt von zahllosen kleinen Highlights (eingeseifte Frauenkörper, ein Blick auf den Times Square, eine blutige Strangulation, geile Dialoge, lustige Cat-Fights, und vieles, vieles mehr), bis dann Kincaid schlußendlich die Sau rausläßt. Und Mann, ist die fuchsteufelswild. Am Ende regiert jedenfalls das Chaos, jeder bekommt, was er verdient, die Kugeln fetzen in Slow-Motion in Körper, und das Blut leuchtet in knalligem Exploitation-Rot (SFX by Ed French). So und nicht anders muß es sein, damit das verdorbene Grindhouse-Herz vor Freude jauchzt. Und im Falle von Bad Girls Dormitory jauchzt es sehr, sehr laut.

PS: Es ist wohl müßig, es zu erwähnen, aber ich tue es trotzdem: Die deutsche Videoveröffentlichung von VPS Video, freigegeben ab 18 Jahren, ist um etwa zwanzig Minuten früher zu Ende als die unzensierte Originalfassung. Je nach Sichtweise hat man da also kostbare Lebenszeit gespart oder genialen Schund verpaßt.

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