Review

total depravity

The Crow 2024 wird über das Marketing als Neuverfilmung der Graphic Novel von James O’Barr verhandelt, aber das passt letztlich nicht wirklich, weder zur Graphic Novel, noch zum ersten Film aus den Neunzigern, der aus vielerlei Gründen absoluten Kultstatus erreicht hat. Die Verehrung um Alex Proyas' Film aus dem Jahr 1994 ist derart immens und weitreichend, daran wird der ach so gierige Zahn der Zeit niemals sauer nagen. Ganz viel Liebe fürs Original, ein Film wie kein anderer. Nach diesem ultimativen und absolut sehenswerten Film, gab es einige Fortsetzungen des Stoffes, obwohl es innerhalb des Stoffes nie etwas gab, das Raum für jedwede Fortsetzung lässt. Aber ich mag den zweiten Teil, City of Angels. Ist schön rumpelig, dunkel und schroff, tolle Optik und derb, wenn auch nicht ganz so rund in Dramaturgie und Story. Auch an den dritten Teil habe ich halbwegs passable Erinnerungen und die nette TV-Serie hab ich als Jugendlicher ebenfalls sehr gemocht. Weniger gut war dann der vierte Teil der Reihe. Wicked Prayer war in jeder Hinsicht ein herber Todesstoß für die Marke, ein unsäglich alberner und schlechter Film, der eher belustigt, als das er was anders kann. Kreativer Selbstmord, wenn auch mit Unterhaltungswert. Was immer bleiben wird, ist das ikonische, rührende und herausragende, das maximal tragische und extrem düstere Original mit Brandon Lee in der Hauptrolle. Dort kam alles zusammen, dort weht der herbstkalte Wind des Kultes weiter, die fleischbrennenden Flammen der Faszination lodern bis in alle Ewigkeit. Die anderen Ausgaben sind schief taumelnde und verlegene Variationen, halbwegs komische Variationen.

Die Macher von The Crow 2024 haben sich allerorten keinen Gefallen getan, dieses Werk als Remake zu vermarkten. Aber was hätten die Verantwortlichen denn machen sollen? The Crow 2024 ist - weniger reißerisch betrachtet - eine weitere Variation des Originals, meiner Meinung nach die beste Ausgabe nach dem Original. Regisseur Rupert Sanders hat ein paar interessante Filme gemacht, das merkt man auch dieser stimmig erdachten Ausgabe von The Crow an. Die Regie ist überaus ansehnlich, Kamera, Effekte und Schnitt sind hochwertig und lassen vor allem anfänglich Raum, der etwas beliebige Score kommt zwar nie ans Original heran, aber die Auswahl des Soundtracks ist super. Joy Division, The Veils und einige andere Bands, die gewählten Songs sind überaus stimmig eingefasst und machen einiges her. Die hier und da brechend spratzelnde Gewalt ist schmatzend, krachend und gen Ende opernhaft saftig, ein bisschen augenzwinkernd, ja ja, aber nie zu sehr drüber.

Mir gefällt auch die Gewichtung der Autoren und Macher, etwas mehr von Shellys (FKA Twigs) und Erics (Bill Skarsgård) Alltag zu zeigen. Der Trailer ließ Abscheuliches vermuten, aber ganz so wild, kitschig und süßlich ist der komplette Film nicht geraten. FKA Twigs' Spiel ist richtig gut, sie hat was, sie gibt ihrer Rolle zärtliche Konturen, sanfte Wärme und etwas ganz eigenes, ich mag ihren Auftritt hier sehr. In irgendeinem Interview sagte FKA Twigs, Bill Skarsgård is beautifully deep, und das möchte ich hiermit unterschreiben. Ich finde es etwas schade, dass Skarsgård hier dermaßen mit Tattoos und Piercings zugekleistert ist, weniger bis gar nichts wäre hier nicht nur mehr, sondern alles gewesen. Da hat man diesen einmaligen Mann mit dieser markanten Physiognomie, der so eigen und faszinierend ist, und dann fällt allen Beteiligten nur ein, seine brüske Schönheit und kühl glühende Ästhetik so zu verschandeln und anzumalen. Das legt sich aber mit zunehmender Laufzeit, denn Skarsgård und auch der Film gehen darin doch gut genug auf, es passt irgendwann und man leidet nur noch mit ihm und seinem Schicksal. Alex Proyas und Brandon Lee haben im Original nur zaghafte Augenblicke und zitternde Momente, preschend kurze Gesten und wenige Ausdrücke gebraucht, meisterhaft gekonnt, keine Frage. The Crow 2024 geht darin eben anders auf, zeigt mehr gefühlig suchenden Dialog, mehr seichtes Verliebtsein, mehr Albernheiten. Dass das nicht jedem passt, verstehe ich, es ist aber ein anderer Weg und ich find ihn sehenswert. Mir gefällt das, ich mag die beiden Akteure, sie passen zueinander, der Film passt zu ihnen, ich war gern dabei.

Audiovisuell ist The Crow 2024 gänzlich anders, aber im besseren Sinne modern. Kein waberndes Filmkorn, keine rauchend brennenden Modellbauten, auch etwas weniger Mystik für jene, die dieses Kino schon bewandert haben. Manches in Bild und Ton ist aber überaus erlesen, die mit Licht durchflutete Zwischenwelt der Toten hat eine auf mich berauschend entschleunigt wirkende Aura. Krähen überall. The Crow 2024 ist im Gerüst zwar oft Remake, in seiner Gesamtheit aber ganz eigener Akzent mit hart kantigen Linien, gänzlich anderer Regenschauer und fetzendes Blutbad. Viele Ideen gab es vorher nicht so, ich hab da gebannt davor gesessen und diese zwei Stunden gegen jede Erwartung voller Empathie genossen, ich bin sehr froh darüber, dass dieser Film nicht im Ansatz den Standpunkt des Originals einzunehmen vermag, denn das gab's ja alles schon gut und unwiederholbar. Die Münze springt und fällt drehend.

So nah und doch so fern. The Crow 1994 und The Crow 2024 sind in mancherlei derart auseinander, dennoch empfinde ich gerade das als Bereicherung, es sind doch beide Filme da, das Original wird niemals getilgt. Egal was Rupert Sanders mal sagen wird, ist ein wenig Zeit vergangen, The Crow 2024 ist ein richtig guter Film. Ich mag die grell hochwertige Ästhetik, ich finde die Antagonisten passend, die Protagonisten richtig gut gewählt, meine Rundschau auf dieses Thema ist um eine blutrünstige und heftig lustmordende Revue reicher. Ja, The Crow 2024 kommt in keinem Punkt an das so urbane Original heran, aber so schlecht, wie The Crow 2024 allerorts zu Tode gesiecht wird, ist der Film nicht. Manche Actionszenen wirken im Wandel etwas beliebig in ihrem Schimmer, aber vieles ist auch richtig fetzig und brachial. Die kompromisslose Härte ist zuweilen deftig, ja, des passt. Vor allem die platzende Gewaltorgie am Schluss hat mich in Schnitt und Schwall beruhigt, das ist schürend schürfendes Genrekino, welches unter einem anderen Titel sicher besser weggekommen wäre. Die wahre Liebe und ihre Umstände in The Crow 2024 sind tragisch. Nur tragische Liebe ist Liebe von einer gewissen Größe. Es braucht den Schmerz. Wenn die Narben immer wieder Nässen und immer wieder Schmerzen, wenn sich das Grauen auf fast dem ganzen Weg zeigt, ist der Mensch zur Liebe kundig. Publikum und Publikumserwartungen sind aber zumeist Irrtum in sich, und diese Irrtümer habe immer ein zähes Leben. Die Münze schnippt von der Hand, sie springt und fällt drehend. Guter Film.






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