Einmal mehr stellt sich die Frage, wie weit ein Familienvater gehen würde, um das Wohl seiner Liebsten zu sichern. Nicht jedoch als aktiver Part, der gar als Racheengel durch die Gegend streift, sondern durch knallharten Verzicht zum Wohle der anderen. Die Charakterstudie unter der Regie des Argentiniers Sebastián Borensztein fesselt in der ersten Hälfte aufgrund moralischer Fragestellungen, die in der zweiten jedoch deutlich vernachlässigt werden.
Buenos Aires, 1994: Die Schuldenfalle dreht sich für Familienvater und Unternehmer Sergio (Joaquín Furriel) immer enger: Die Firma wirft zu wenig ab, die Arbeiter können nicht mehr bezahlt werden und ein unbarmherziger Kredithai macht ebenfalls Druck. Als es zu einem verheerenden Bombenanschlag in der Stadt kommt, bei dem Sergio nur leicht verletzt wird, beschließt er sich nach Paraguay abzusetzen und dort unter neuer Identität anzufangen, damit seine Familie von der Lebensversicherung zehren kann. Doch Jahre später holt ihn die Vergangenheit ein…
Die erste Hälfte ist durchaus fesselt aufgebaut. Die Familie aus der Oberschicht feiert im größerem Rahmen den Geburtstag der Tochter, während Sergio von Beginn an merkwürdig still erscheint, als würde er eine dauerhafte Last mit sich herumtragen. Erst danach offenbart sich die komplette Misere, aus der es auf den ersten Blick keinen vernünftigen Ausweg zu geben scheint. Sergio trifft eine radikale Entscheidung mit weit reichenden Konsequenzen, denn rund 15 Jahre lebt er unerkannt in Paraguay, baut sich erneut etwas auf und findet sozialen Anschluss.
Die Verordnung in die 90er ist nicht zufällig gewählt, denn selbst Anfang der 2000er steckte die digitale Vernetzung noch in den Kinderschuhen, wodurch das Schicksal von Sergios Familie einige Zeit ungewiss bleibt. Allerdings nicht aus Sicht des Publikums, welches beide Seiten zu erhaschen vermag, was die Situation noch bedrückender erscheinen lässt. Überhaupt ist es dieser ständige Druck, der die Hauptfigur sichtlich einschnürt, selbst als er mit einer neuen Flamme im Bett landet.
In der zweiten Hälfte führen einige Ereignisse schließlich dazu, eventuell an das alte Leben anzuknüpfen, oder sich zumindest eine Gewissheit zu beschaffen, was teilweise etwas zu bruchstückhaft abgehandelt wird. Hier mangelt es an sichtlichen Beweggründen, bestimmte Entscheidungen zu treffen, die teils völlig entgegen rationaler Motive handeln. Im Zweifel lassen einige Aktionen Rückschlüsse auf einen innerlich zerrütteten Charakter zu, was auf emotionaler Ebene dennoch zu einigem Kopfschütteln führt.
Davon abgesehen ist der Stoff sauber ausgestattet, welcher ein besonderes Augenmerk auf seine Darsteller legt. Joaquín Furriel ist hier allen voran zu nennen, der mit einer guten Präsenz und entsprechender Körpersprache eine durchweg überzeugende Performance hinlegt und die Tonalität der Erzählung entscheidend prägt.
Diese wird in der ersten Hälfte ruhig aber intensiv geschildert, während das Thema der Verzweiflung in der zweiten einige kaum nachvollziehbare Blüten trägt, die das Endergebnis merklich herunterziehen. Mit etwas mehr Feingefühl seitens des Drehbuchs wäre da deutlich mehr drin gewesen.
5,5 von 10