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Der hiesige Co-Regisseur bzw. 'Senior Director', Produzent, Ideengeber und Präsenter des Filmes, Dante Lam, hat seinen Ruf ab Ende der Nullerjahre mit einigen urbanen Actionthrillern und dies auch allein auf weiter Flur erreicht, Filme wie The Beast Stalker (2008), The Stool Pigeon (2010), Fire of Conscience (2010) oder auch That Demon Within (2014), die den ewigen Kampf Gesetz gegen Verbrechen sowohl auf eine andere Stufe hievten als auch tatsächlich personalisierten; ein frischer Wind im damals recht stagnierenden Genre und auch nahezu allein durch Lam selber erzeugt. Was danach noch kam, und wo es endete, sind mehrere Großprojekte in der Volksrepublik China, die vor allem Lams Erfahrung im Inszenierung von Actionszenen auf ein neues nutzten und auf ein neues, brachiales Level hievten, ihn durch die Filme selber als recht als Sprachrohr der Partei erschienen ließen. Bursting Point ist die seitdem einzige und wahrscheinlich kurze Heimkehr zurück nach HK auf den Asphalt, und in das Cops VS Robbers Milieu, Lam inszeniert den Film zusammen mit Neuling Calvin Tong, der als Schüler von Benny Chan gilt und zuletzt (mit The Trier of Fact) auch ein durch dessen frühzeitigen Tod offenes Projekt beendet hat; die Voraussetzungen demnach sind eigentlich gut bis perfekt, das Ergebnis ist?:

Anti-Narcotics Chief Inspector Bond Sir [ Nick Cheung ] ist hinter einer skrupellosen Gangsterbande her, die neben Waffengeschäften auch welche mit Drogen betreiben. Um an mehr Informationen zu gelangen, hat er Jiang Ming [ William Chan ] in die Nähe von Lin Jiu [ Philip Keung ] platziert, der wiederum für Han Yang [ Shaun Tam ] und dessen Bruder Roy [ Jonathan Cheung ] tätig ist; zudem pirscht er sich an die Dealerin Ying Xiu [ Isabella Leong ] heran. Als Han Yang selber Ärger mit der Konkurrenz um Mr Kawai [ Aki Lee ] und dessen Mittelsmann [ Vincent Sze ] bekommt, und Jiang Ming durch den sehr neugierigen Joe [ Brian Siswojo ] aufzufliegen droht, müssen triftige Entscheidungen getroffen werden.

Schüsse schon beizeiten auf der Tonspur, Blut als Erstes im Bilde, eine kurze Auseinandersetzung, ein abgetrennter Körper; The Bursting Point hat sich sein Category III Siegel als Altersfreigabe nur für die Zuschauer ab 18 Jahren beizeiten verdient gemacht, eine eher seltsame Herangehensweise an die filmische Umsetzung, die derzeit bei den Genreregisseuren in HK und auch in der VRC so um sich greift und in immer mehr Destruktivität durchschlägt. Vom Polizei- fast zum Horrorfilm, möchte man denken, eine sich steigernde Eskalation, ein fortschreitender Nihilismus, hier zumindest in den Tagszenen, die tatsächlich noch vorhanden sind, auch aufgelockert durch normale Begebenheiten und normale Gespräche, durch einen Kontakt zum Umfeld, zur Gesellschaft, zu einem Abbild des Lebens. Andere Vertreter der Gattung haben dies zuletzt nicht geschafft, allen voran I Did It My Way (2023), der sich um Düsteren und im Klammen austobt wie ein Berserker, der zuweilen abstößt von den Hauptpersonen hier, ihrer Auffassung, der visuellen Handhabung des Geschehens auch her, der erst am Ende die Sonne wieder aufkommen lässt und das als etwas Besonderes feiert; als wenn vorher eine dunkle Glocke über der Stadt gehangen hätte, die Glocke der Kriminalität.

Ging es dort um die Arbeit der Cybercrimes-Abteilung gegen einen im Darkweb operierenden Drogenhändler, so geht es hier direkt um die Tätigkeiten des Narcotics Bureau, auf den Straßen allerdings, bei Razzien, nicht bei vollgepackten, nahezu militärischen Operationen, die die Stadt in ein Kriegsgebiet verwandelt haben und ganze Flächen in Schutt und Asche gelegt. Hier fängt man bei einer Diskrepanz bei der Durchsuchung von Straßendealern an, einer der Käufer hat sich als Polizist zu erkennen gegeben, als Polizist mit Geheimauftrag, allerdings bleibt die Ausbeute von der Anzahl anders als angegeben, die Frage des Eigenbedarfs wird geweckt. Eine Jobinitiative wurde gewählt, eine Undercovergeschichte wird folgend, mit einem Zeitsprung von zwei Jahren erzählt.

Neben Nick Cheung, der oft genug die Rolle des Polizisten gespielt hat und zu den verlässlichsten Darstellern gehört, fällt hier insbesondere William Chan auf; Chan hat bis ca. 2013 auch in HK gedreht, aber eher kleinere Geschichten und ist dann zu diversen chinesischen Serien auf deren Markt übergewechselt, vermehrt Period Piece, Wuxia oder Fantasy, selten aktive moderne Actionrollen wie in The Dance of the Storm (2021), der Film hier quasi als (vorübergehende?) Rückkehr, als lokales Comeback. Erzählt wird hier die Geschichte beider Figuren, des Routinierten und des Neulings, des Handlers und seines Informanten, beide abhängig voneinander, beide nur wissend voneinander, beide im Hintergrund und beide auch an der Front, nur von unterschiedlichen Positionen auch, einer mit der Dienstmarke und dem Einsatzteam als Schutzschild, der andere als verdeckter Ermittler mit dem erhöhten Risiko.

Eine Schießerei in einem Drogenlabor im Tsing Yi Hafen eröffnet den Reigen der Actionszenen, die Chemikalien werden ebenso als Waffen benutzt bzw. zu Gefährlichkeit für Angreifer und Verteidiger umgemünzt, zersplitterndes Glas, explodierendes Gas, verätzende Säure, dazu Gewehrsalven von allen Seiten; ein allgemeines Chaos, welches durch geworfene Handgranaten noch erschwert wird, eine furiose Stuntarbeit. Hohe Verluste auf beiden Seiten, eine Flammenhölle, herumgeschleuderte Personen, von Detonationswellen oder von Munition getroffen. Eine größere wilde Einlage mit viel Durcheinander in den Bildern, aber dennoch einer gewissen Übersicht, mit wenig Unterstützung durch behelfende Spezialeffekte und vermehrt Handwerk im Filmemachen selber, die Choreografie erfolgt dabei durch Stephen Tung Wai, was angesichts der Anwesenheit vom erwiesenen Action Director Lam auf den ersten Blick eher ungewöhnlich, Tung aber ebenso oder noch mehr der Professionelle in dem Bereich ist und hier tatsächlich auf eine Anforderung für die Darsteller und ihre Stuntmen setzt; zumal beide bereits öfters zusammengearbeitet haben, Tung hat für Lam dessen militärisch angehäuften Operation Mekong (2016) oder auch die beiden Kriegsfilme The Battle at Lake Changjin (2021/2022) als Action Choreograf observiert.

Ungewöhnlich ist auch die Anwesenheit von vielen anderen Fernsehdarstellern in der Besetzung, neben den beiden Hauptdarstellern allein ist eigentlich keine weitere Prominenz vorhanden, was möglicherweise den Erfolg an den Kinokassen trotz deutlich Aufwand in der Produktion und einer auch merkwürdigerweise recht erweiterten Laufzeit (von fast 140min) gekostet hat bzw. geschmälert. Viel in Bewegung ist man hier, gesprintet durch Wald und Stadt, trotz benötigten langem Atem und viel Kondition für den eigentlichen Marathon, ständig auf der Hut, ständig in der Abwägung, was als nächstes getan werden muss, ständig in der Unsicherheit, was gerade passiert, ständig in Observation. Es gibt Rückblenden, Erweiterungen und zusätzliche Vorstellungen, es gibt Einblicke nach Thailand und speziell das Goldene Dreieck (gedreht wurde in Malaysia), es gibt neue und erneut hervorgeholte beeinflussende Faktoren, es gibt viele, vielleicht auch zu viele, auch ständig umkämpfte, mit körperlichen Aktionen versetzte und nicht nur dadurch auch zusammenhängende Nebenschauplätze. Eine angespannte Erzählung (von Tong Yiu-leung, einem der Raging Fire Autoren, – wobei das gleiche Einkaufszentrum für eine Auseinandersetzung mit der Polizei, diesmal mit Benzin und Molotowcocktails benutzt wird – , und Wang Shengbo, einem Neuling), ein Aktionstheater mit viel Paranoia und wenig Vertrauen, eine größere Gangstergeschichte mit mehreren Variablen, optisch unauffällig gehalten, d.h. nicht extra verfälscht und nicht zusätzlich die allgemeine Fatalität betonend. HK als gefährliches Pflaster hier, bei Tage und bei Nacht, mitten im Zentrum und in den Außengebieten, beruflich oder familiär bedingt, Männer oder Frauen, Ältere oder Jüngere, Erwachsene, Heranwachsende, Kinder, alle sind irgendwann in Gefahr, in Lebensnot, oder vor einer Entscheidung, am Bursting Point, ("der Punkt, an dem die normale Kapazität überschritten wird"), die oftmals wildes Hauen und Gesteche, ein Würgen und Stürzen, ein Erschlagen und Verbrennen, ein Kampf auf Leben oder Tod bedeutet.

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