Review

Ich trauere - also war ich!

Eine Live-Cam aus dem Grab für die trauernden Hinterbliebenen... Wow! Das kann auch nur David Cronenberg einfallen. Und es ist ein weiterer später Geniestreich von ihm - tief verwurzelt in seinem eigenen Verlust seiner Frau durch den Krebs... 

Gespräche über den Verfall

Ich muss gestehen, dass ich mit den Anfängen des "späten Cronenberg" in Form von "Cosmopolis" vor 10 bis 15 Jahren erschreckend wenig anfangen konnte. Verquatscht, verquast, verirrt. Zumindest dachte mein Ich von damals das, war es noch ganz den tentakeligen Achselhöhlen und platzenden Köpfen aus seiner Hochzeit verschrieben. Mittlerweile komme ich mit der dialoglastigen Art seiner aktuellen Schaffensphase aber wesentlich besser klar, mochte z.B. "Crimes of the Future" oder "Maps to the Stars" überdurchschnittlich gerne. Ich wurde reifer, ich wurde seelisch sowie (!) körperlich stimuliert. Ich habe Zugang gefunden zu diesem "alten" Cronenberg. Und das hilft bei einem "The Shrouds" natürlich sehr, vielleicht mehr denn je, da er persönlicher, intimer und schmerzhafter kaum sein könnte...

Weder Erde noch Tod können uns trennen

Die glatte, kahle und kalte Optik von Cronenbergs neuern Werken mag ich immer noch nicht. Aber vielleicht passt dieser sterile Stil ja zu seinen, unnachahmlichen Themen. Ich würde Lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mit den Werken seiner Kinder mittlerweile nicht noch mehr anfangen könnten als mit seiner eigenen Substanz. Und trotzdem kann ich sowas wie "The Shrouds" sehr schätzen und halte den Film für höchst eigenständig, mutig, krass. Menschlich bis ins Mark. Wie es fast nur Altmeister Cronenberg kann, sogar seine Kinder nicht, die leibhaften sowie die im Geiste. "The Shrouds" ist faszinierend, heißkalt, Big Brother trifft "Nekromantik". Mit Diane Kruger werde ich auch in mehreren Rollen nie total warm. Auch so freizügig nicht. Dafür entschädigen Cassel und Pearce doppelt und dreifach. Natürlich wird auch hier viel geredet, geschwafelt, philosophiert und angemerkt. Aber es sind ganz sicher keine leeren Quatschkalorien. Anders als es mir damals beim wirtschaftlicheren "Cosmopolis" vorkam, den ich aber unbedingt nochmal sehen müsste. Es hat sich wirklich viel getan seitdem. "The Shrouds" kann man fast durch den Monitor riechen. Metallisch, erdig, holzig, zermürbt und ausgehöhlt. Da muss man schon auf die "Körperwelten"-Ausstellung gehen, um Leichen, leblosen Körpern und dem Tod näher zu sein. Man spürt Cronenbergs Verlust, seine Trauer, seine Verzweiflung und seine Einsamkeit. Mehr als je zuvor. "The Shrouds" hinterlässt wunderbare Narben, wird vielen aber fraglos zu theoretisch und tatenlos sein. Und das über ausufernde zwei Stunden... Eine (weitere) harte Nuss!

Zoom in den Schädel 

Fazit: das tut weh, das geht tief, das ist muffig, unangenehm und sperrig... Fast wie Tod, Verlust und Trauer höchstselbst. Das kann nur Cronenberg! Danke für diese Einblicke. Das hat schon deutlich mehr Tiefe und Dunkelheit als die durchschnittliche "Black Mirror"-Episode.

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