Irgendwo auf einer staubigen Landstrasse in Louisiana hat es ein Radfahrer ziemlich eilig: Terry Richmond (Aaron Pierre), ein durchtrainierter Afroamerikaner, tritt zu den Klängen von Iron Maidens Number of the beast in den Ohrhörern kräftig in die Pedale. Er hat sein Ziel, die Kleinstadt Shelby Springs, schon fast erreicht, als ihn unvermittelt von hinten ein Streifenwagen anfährt und zu Sturz bringt. Als er sich wieder aufrappelt, sieht er sich zwei dickbäuchigen weißen Cops gegenüber, die ihn äußerst mißtrauisch befragen. Als er Zweck und Ziel seiner Reise preisgeben muß (das Rathaus von Shelby Springs, wo er eine Kaution für seinen des Drogenhandels angeklagten Cousin hinterlegen will, damit dieser entlassen wird) sehen sich die beiden Gesetzeshüter in ihrem vorurteilsbehafteten Verdacht bestätigt - der Radfahrer ist offenbar ein Drogenkurier, weil er 36.000 $ mit sich führt. Kurzerhand beschlagnahmen sie das Geld und lassen den sich sehr kooperativ zeigenden Radfahrer mit einer Ermahnung zurück.
Doch Terrys Begründung entsprach der Wahrheit - er muß bis 17.00 Uhr am Rathaus von Shelby Springs im dortigen Gericht die Kaution von 10.000 $ abliefern (der Rest des Geldes war für den Kauf eines Trucks bestimmt), damit Cousin Mike, der an diesem Tag verlegt werden soll, eben dieser Verlegung entgeht und freikommt. Doch ohne die Kaution kann Terry im Kleinstadtamt, das er tatsächlich noch rechtzeitig erreicht, trotz aller Beteuerungen nichts ausrichten. Die bei Gericht als niedere Charge arbeitende Summer McBride (AnnaSophia Robb), die zufällig Wind von Terrys Problem bekommt, kann ihm jedoch noch ein paar nützliche Tips geben.
Der äußerlich stets ruhige Terry kreuzt dann am nächsten Tag bei der Wache auf, zu der die beiden Cops gehören und versucht , mit einem Deal doch noch an wenigstens einen Teil seines Geldes, nämlich die 10.000 $ Kaution, zu kommen. Sein unkonventionelles Verhalten beeindruckt zwar den leitenden Chief Sandy Burnne (Don Johnson), doch der aalglatte Mann denkt gar nicht daran, von dem konfiszierten Geld etwas zurückzugeben. Zum Schein geht er auf den Deal ein, doch sieht sich Terry schon bald getäuscht. Bevor die Kleinstadt-Cops herausfinden können, mit wem sie sich da gerade angelegt haben, ist der ihnen nicht nur körperlich, sondern auch mental weit überlegene ex-Marine jedoch wieder zurück...
In seinem 5. Langfilm Rebel Ridge porträtiert Regisseur Jeremy Saulnier (Wolfsnächte, 2018) mal wieder einen Einzelkämpfer, dessen bemerkenswertes Verhalten die ganze Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht und einen Großteil der Spannung dieses Thrillers ausmacht. Obwohl die Ausgangsstory frappierend an den ersten Teil der Rambo-Franchises, den 1982er Cold Blood erinnert, geht sein Protagonist mit der Herausforderung, von selbstgerechten Cops verarscht zu werden, doch ganz anders um als damals Stallone. Auch ist deren Anführer nicht ein relativ leicht auszurechnender Patriarch wie seinerzeit Sheriff Will Teasle, sondern ein süffisant grinsender Fiesling, der sein ganz eigenes Süppchen kocht. Diese beiden Charaktäre, Terry und Burnne, tragen den ganzen Film, der mit 131 Minuten Gesamtlänge allerdings zu lang ausgefallen ist. Da das Hauptmotiv der Kleinstadtcops jedoch nicht in - übrigens niemals in Worten artikuliertem, aber stets in der Luft liegendem - Rassismus besteht, sondern sich in einem feingesponnenem, wohldurchdachtem Netz aus Korruption herauskristallisiert (was leider schon vor Filmmitte offenbar wird), bleibt umso mehr Raum für eine Charakterstudie der beiden Antagonisten.
Aaron Pierre meistert seine Rolle dabei mit Bravour: kaum Emotionen zeigend ist der ex-Marine und aktive Kampfsportlehrer stets bemüht, seine Gegner zu kalmieren, statt sie, wie man dies eventuell erwarten könnte, durch den Fleischwolf zu drehen. In wohlgesetzten Worten dreht er so manche aussichtlos scheinende Situation zu seinen Gunsten - auf ihn gerichtete Waffen nimmt er den Cops mühelos ab, entfernt die Munition und gibt sie wieder zurück: einen derart "friedfertigen" Helden gabs noch nicht so häufig zu sehen. Öfters überlegt er auch, auf sein Recht zu verzichten und einfach abzuhauen, wie es sich Chief Burnne eigentlich wünscht, dann jedoch zwingen ihn die Umstände, doch wieder zurückzukehren.
Auch Don Johnson liefert eine sehenswerte Performance und spielt seine Rolle als korrupter Cop geradezu mit Hingabe. Von den Nebenfiguren sei noch AnnaSophia Robb erwähnt, deren Filmcharakter als im Leben zu kurz gekommene fast-Anwältin Summer McBride Befürchtungen in Richtung schmieriger Love-Story mit dem Hauptdarsteller aufkommen ließ (gottseidank vollkommen unbegründet), die dann jedoch ganz straigt ihren Part als selbstlose Helferin der Unterdrückten durchzieht. Vielleicht ein bißchen klischeehaft, aber durchwegs überzeugend. Bei den Cops mag noch Emory Cohen als Officer Steve Lann in Erinnerung bleiben, der als rechte Hand seines Chefs kaum den Finger vom Abzug nehmen mag, um den verhassten Terry endlich zu erledigen.
Leichten Punktabzug gibt es für einige eher verworrene Handlungen im letzten Filmdrittel, wie die Beweisvernichtung mittels nächtlicher Brandstiftung und auch das unerwartet unspektakuläre Finale, das trotz Verfolgungsjagd äußerst konventionell endet. Darüberhinaus vergißt das Drehbuch auch die näheren Umstände von Cousin Mike Situation, über ein ominöses China-Restaurant und Terrys Beziehung zu dessen Besitzer erfährt man ebensowenig, wie auch das Vorleben des Hauptdarstellers an sich völlig unbeleuchtet bleibt. Während die Inszenierungen insgesamt absolut realistisch ausgefallen sind, bleibt hier nur zu kritisieren, daß Terry bei der einen oder anderen Schießerei nicht getroffen wird - vielleicht sind die Kleinstadt-Cops aber auch einfach nur miserable Schützen.
Dennoch ist Rebel Ridge ein durchaus sehenswerter Thriller geworden, dessen Stärke - neben dem geradezu unheimlich unaggressivem Hauptdarsteller mit fast schon hypnotischem Blick - auch darin besteht, sämtliche handelnden Figuren einigermaßen ambivalent auftreten zu lassen: selbst die korrupten Cops haben eine stringente Begründung für ihr Verhalten, der man sich freilich nicht anschließen muß. 7 Punkte nach Louisiana.