Ein Ex-Marine wird von zwei Kleinstadt-Cops aufgegriffen und schikaniert – schon in den ersten Minuten des Films werden Erinnerungen an Ted Kotcheffs Actionklassiker FIRST BLOOD von 1982 geweckt. Das mag durchaus beabsichtigt sein: Man wartet jeden Moment darauf, dass der hünenhafte, muskulöse Farbige Terry die Demütigungen der Polizisten nicht mehr mit einem „Yes, Sir“, sondern mit einem Gewaltausbruch quittiert. Doch das ist genau der Punkt: Terry Richmond ist nicht John Rambo, REBEL RIDGE könnte man viel eher als „the thinking man‘s FIRST BLOOD“ bezeichnen.
Die Cops finden Geld bei Terry, viel Geld, und sie beschlagnahmen es. Das Geld war als Kaution für Terrys Cousin gedacht, den er damit vor dem Gefängnis bewahren will, wo möglicherweise der Tod auf den ehemaligen Informanten wartet. Es ist kompliziert und Terry bald in einer extrem verzwickten Lage. Denn der Vorfall war kein simples „race crime“, das Vorgehen der örtlichen Polizei hat Methode und die Korruption ist weitreichender als gedacht. Gemeinsam mit der Rathausangestellten Summer versucht Terry, gegen Chief Burnne (Don Johnson) und seine Mannschaft vorzugehen. Kein einfaches Unterfangen, ist doch nahezu die gesamte Stadt im festen Griff der Polizei.
Schon in der verzweifelten Rachegeschichte BLUE RUIN führte Regisseur und Autor Jeremy Saulnier eine Situation vor, deren schicksalhafter Ausgang abzusehen war. Auch hier herrscht von Anfang an eine extrem beunruhigende Atmosphäre, der Film vibriert förmlich vor innerer Spannung – seit dem Thrillerdrama UNCUT GEMS der Safdie Brüder (ebenfalls eine Netflixpremiere) war man nicht mehr so nervös beim Verfolgen einer im Grunde recht simplen Handlung. Und das trotz Überlänge.
Denn Saulnier inszeniert fast jeden Dialog, jede Autofahrt, jede Konfrontation wie einen Mini-Thriller und hat mit Neuentdeckung Aaron Pierre (eingesprungen für John Boyega) einen eindrucksvollen leading man, der stets ruhig und besonnen bleibt, auch wenn er innerlich kocht – ein extrem cooler Actionheld, der mit dem Verzicht auf (tödliche) Waffengewalt zudem noch einen willkommenen Contrapunkt zu den übertriebenen Gewaltorgien von JOHN WICK & Co. setzt. Als Gegenspieler darf Don Johnson seine starken kleineren und vor allem bedrohlichen Charakterrollen wie in BRAWL IN CELL BLOCK 99 fortsetzen.
Bis auf einen etwas unlogischen Twist (Stichwort „Serpico“) bietet der Film intelligente, spannende Thrillerunterhaltung, wie sie heute selten geworden ist. Und das als Netflixproduktion.