Das kleine Bergarbeiterstädtchen Lévionna in den französischen Alpen ist Schauplatz eines düsteren Fluchs, von dem jedoch niemand etwas genaues weiß. Doch die bösen Erinnerungen sind allgegenwärtig, hatte sich dort doch vor genau 30 Jahren, 1994, eine Art Massen-Suizid ereignet. 12 Mitglieder einer Sekte unter dem charismatischen Anführer Caleb Johansson (Stefano Cassetti) wurden damals tot aufgefunden, als die Polizei das Anwesen stürmte, nur Caleb selbst blieb seinerzeit unverletzt und sitzt seitdem in der geschlossenen Abteilung der örtlichen Psychiatrie.
Inzwischen ist Gras über die Sache gewachsen, die alten, titelgebenden Anthrazit-Minen sind geschlossen und niemand im Dorf mag mehr über die damalige Zeit sprechen, in der allerdings sehr viele Bewohner im Haus der Écrins-Sekte ein und ausgingen, deren Erkennungszeichen u.a. eine mit schwarzer Farbe beschmierte Gesichtshälfte war. Das muß auch Ida Heilman (Noemie Schmidt) erfahren, die hier ihren Vater Solal (Jean-Marc Barr) sucht. Der Journalist und Reporter hatte seinerzeit Interviews mit Betroffenen geführt und sich erst kürzlich dazu entschlossen, in der alten Geschichte neu zu recherchieren, war dann aber plötzlich spurlos verschwunden. Die flippige Ida freundet sich schnell mit dem Sportartikelverkäufer Jaro (Hatik) an, dessen Namen sie in den Aufzeichnungen ihres Vaters gefunden hatte. Jaro kann sich dies zwar nicht erklären, doch arbeitet er notgedrungen mit Ida zusammen, nachdem sich recht bald ergibt, daß auch seine Familie in den Fall verstrickt sein könnte. Weiters war er der Letzte, der mit einem kürzlich vermissten Mädchen gesehen wurde und steht daher unter Beobachtung der örtlichen Polizistin Giovanna Deluca (Camille Lou).
Die Dinge geraten ins Rollen, als plötzlich ein mit einem Ziegenschädel maskierter Unbekannter auftaucht und Angst und Schrecken verbreitet - ist der alte Geist der Sekte, dessen Anführer stets kryptische Sätze von einer das Licht ausgleichenden Finsternis predigte, etwa wieder auferstanden? Es scheint fast so, als das vermisste Mädchen tot aufgefunden wird - mit geschwärzter Gesichtshälfte. Aber es kommt noch besser: beim traditionellen Winterfest, das einige Bürger zu Protesten gegen ein örtliches Pharmaunternehmen nutzen, welches in den alten Minen Forschungen durchführt, brechen dutzende Teilnehmer plötzlich Blut spuckend zusammen - jemand hat die ausgeschenkten Getränke mit Rattengift versetzt...
Die französische Netflix-Serie Anthracite siedelt ihre Mystery-Story in einer landschaftlich herrlichen Gegend an, die vom Tourismus lebt, deren zahlreiche Wintersportgäste jedoch nichts von den Vorgängen rund um die stillgelegten Schächte ahnen - das Grauen lauert wie so oft im Verborgenen. Vorangetrieben vor allem durch die beiden jungen Protagonisten Ida und Jaro werden dem Zuschauer in atemberaubendem Tempo eine Menge loser Handlungsstränge und Subplots um die Ohren gehauen, deren Einordnung zunächst einmal Schwierigkeiten bereitet - erst langsam werden die Beziehungen der verschiedenen Filmcharaktäre zueinander offenbar, doch bleibt das Erzähltempo des mit immer neuen Wendungen aufwartenden Plots bis zum Schluß hoch.
Ein Knackpunkt ist die Darstellung des Filmcharakters der Ida, die in einer Mischung aus Pipi Langstrumpf und Heike Makatsch derart schrill rüberkommt, daß man an der Ernsthaftigkeit der Serie zweifeln mag, zumal sich Ida auch selbst nicht immer für voll nimmt. Die Mittdreißigerin in ihrem Teenager-Outfit und den schwarzen Punkten am unteren Augenlid lebt nach eigener Aussage nur im Internet, wo sie ein internationales Forum betreibt und sich dem sleuthing, also der Detektivarbeit bzw. der Lösung kniffliger Rätsel verschrieben hat. Hierbei wird sie von einer weltweiten Fangemeinde unterstützt, die es ihr - wie sie staunenden Zuhörern mehrfach demonstriert - ermöglicht, in Sekunden wichtige Auskünfte nicht nur über Personen, sondern auch über Gegenstände wie Schlüssel, Bildausschnitte von Häuserfassaden etc. zu erlangen. Daneben ist Ida ein großer Fan des Songs What is love von Haddaway, welchen sie mit keineswegs sangestauglicher Stimme immer mal wieder selbst intoniert und auch von einer Musikkapelle spielen läßt.
Daß sich angesichts einer solch unkonventionellen Hauptdarstellerin (gegen die alle anderen Mitwirkenden natürlich mehr oder weniger abstinken) überhaupt so etwas wie Spannung aufbaut, spricht dann wiederum für das Drehbuch, das mit einigen durchaus bösen Überraschungen immer wieder für Aufsehen sorgt. Vor allem jedoch sind es die vielen rasanten Wendungen, die zuvor aufgestellte Theorien und aus dem bisher Gezeigten gewonnene Erkenntnisse gleich wieder ad absurdum führen und das beliebte Whodunit bis an die Grenzen ausreizen. Am Ende überteibt die Regie diese Spielchen jedoch, wenn eine halbe Stunde vor Schluß die Hintergründe der damaligen und heutigen Mordserie geklärt sind und dann doch noch etwas kommt, was das an sich abgeschlossene Geschehen in ein völlig neues Licht taucht.
Sei's drum, trotz einiger zwischenzeitlicher Logiklöcher, die man bei dem flotten Erzähltempo kaum wahrnimmt, bietet die sich auf erfreulicherweise auf nur 6 Episoden zu je 45 - 50 Minuten beschränkende französische Mystery-Serie kurzweilige Unterhaltung - 7 Punkte für Anthracite.