100 Jahre Caligari, Grund genug, sich den Film noch einmal zu Gemüte zu führen, bestimmt nicht zum letzten Mal.
Vor 100 Jahren, am 26. 2. 1920 hatte der Film "Das Cabinet des Dr. Caligari" in der damaligen Weimarer Republik Premiere, aus diesem Grund also hab ich mir den Film vorgestern zum ersten Mal angeguckt.
Ich war durchaus überrascht, wie schnell doch der Film erzählt ist. Seine Zeitgenossen wie z.B.. "Nosferatu" oder "Das Phantom der Oper" hatten auf mich einen langatmigeren Eindruck hinterlassen, was jedoch nicht bedeuten soll, dass diese Werke minder gut seien, aber dazu später mehr.
Schon beim Vorspann springen einem die abstrakten Formen und auch die Schrift, die auch in den Texttafeln verwendet wurde, wirkt fremdartig und gleichzeitig verträumt.
Während in der ersten Szene, in der einer der Protagonisten der folgenden Handlung einem alten Mann eine seltsame Geschichte erzählen möchte, die er selbst erlebt hat, die Szenerie noch normal, gewöhnlich und vertraut wirkt, sieht man schon in der nächsten Szene (in der seine "Erzählung" beginnt) die Stadt Holstenwall, in der sich die Handlung ereignet und fühlt sich so, als wäre man eingeschlafen und hätte einen sehr seltsamen Traum. Wirklich jede Kulisse zeichnet durch ungewöhnliche, abstrakte und unförmige Gegenstände, Raumgestaltung oder Architektur aus: Fenster sind verbogen wie ihre Häuser. Räume werden je tiefer man in sie eindringt enger und schräger. All das trägt zur wunderbaren, düsteren, unheimlichen Atmosphäre bei. Der typische deutsche Expressionismus.
Natürlich darf man bei einem Film nicht die schauspielerischen Leistungen übersehen. Heute würde man von "over-acting" sprechen, jedoch waren die übertriebenen Bewegungen damals in der Stummfilmzeit nötig um Gefühle und Reaktionen zu vermitteln. Die Leistungen der Akteure sind einfach grandios. Jeder Schauspieler spielt so wie man es von seinem Charakter erwartet! Eine Leistung, die man selbst hundert Jahren später nicht allen anerkennen kann. Werner Krauss, dessen Nachname auch schon seine Frisur in dem Film vorweg nimmt, spielt "Dr. Caligari" mit Perfektion. Wenn man ihm schon in die Augen sieht weiß man, dass dieser Mann nichts gutes im Schilde führt. Und Conrad Veidt als "Cesare" der Somnambule (für alle, die wie ich jetzt googeln müssten: ein Schlafwandler) kann gut schlafen und gruselig gucken. Seine schwarze, enge Kleidung, die seinen knochigen, großen Körper offenbart und auch seine Maskenbildnerie verleiht im eine böse Ausstrahlung und es läuft einem ein kalter Schauer den Rücken herunter, wenn er auf die Frage "Wie lange werde ich leben?" mit "Bis zum Morgengrauen" antwortet und die fragende Person mit einem emotionslosen Gesichtsausdruck anblickt.
Mit der überraschenden Handlungswendung in Akt V rechnet man nicht. Niemand wäre (zumindest damals nicht) auf die Idee gekommen, dass der Verrückte Doktor selbst Direktor einer Irrenanstalt ist und den eingelieferten Somnambulen benutzt um die Tätigkeiten des "originalen" "Dr. Caligari" zu ergründen, der um 1700 mit einem solchen Somnambulen umherzog, dem er allnächtlich befahl Menschen zu töten. Schließlich ist der Direktor so verrückt durch seinen Trieb des Forschens geworden, dass er beschließt selbst zu "Dr. Caligari" zu werden.
Das Ende jedoch hat mich anfangs verwirrt und ich habe gerade geschrieben, was ich nicht verstehe und während ich dies niederschrieb wurde mir alles klar! Der Protagonist ist selber wahnsinnig und die Geschichte ist ein Gespinst in seinem Kopf. Damit hat der Film eine zweite Handlungswendung.
Mich hat die Darstellung der Gewalt auch sehr überrascht! Es wird in einem Schatten an der Wand gezeigt, wie Cesare einen Mann mit einer Schere ersticht! Da bedenkt man nochmal, dass der Film 100 Jahre alt ist und das sicherlich eine ungeheure Schockwirkung bei damaligen Audienzen gehabt haben muss.
An diesem Film kann man auch (teilweise) die Desensibilisierung der Gesellschaft und das Ändern von Sehgewohnheiten in der Gesellschaft erkennbar. Kam der Film doch 1920 mit einem "Jugendverbot" (also quasi ab 18) in die Lichtspielhäuser, ist er heute ungeschnitten ab 6 Jahren freigegeben.
Mit dem 100. Geburtstag von "Das Cabinet des Dr. Caligari" kann man gleichzeitig den 100. Geburtstag des Horrorfilms feiern! Natürlich gab es auch vor Caligari Horror auf der Leinwand, beispielsweise in Edisons erster Verfilmung von "Frankenstein" 1910. Jedoch kann man mit Sicherheit sagen, dass "Das Cabinet des Dr. Caligari" der erste abendfüllende Horrorfilm ist. Und wer nach diesem Film Gefallen an alten, stummen Horrorfilmen gefunden hat, dem empfehle ich meine anderen Lieblinge "Nosferatu - EIne Symphonie des Grauens" und/oder "Das Phantom der Oper" von 1925.
Niemand der Produzenten hätte wohl je gedacht, dass man sich ihren Film in 100 Jahren auch noch angucken wird und irgendein Typ aus dem Internet zum hundertsten Geburtstag eine Kritik über den Film schreibt. Was gibt mir also das Recht diesem Meisterwerk weniger als 10 von 10 Punkten zuzusprechen?